Sprach- und kognitive Entwicklung
Language Acquisition and Cognitive Development
Wissenschaftsdisziplinen
Psychologie (50%); Sprach- und Literaturwissenschaften (50%)
Keywords
-
LANGUAGE ACQUISITION,
COGNITIVE DEVELOPMENT,
THEORY OF MIND,
COUNTERFACTUAL REASONING,
PRESCHOOL PERIOD,
REFERENTIAL OPACITY
Forschungsprojekt P 14495Sprach- und kognitive EntwicklungJosef PERNER26.06.2000 Dieses Projekt untersucht den Zusammenhang zwischen der kindlichen Denkentwicklung und der sprachlichen Entwicklung von Kindern im Vorschulalter (2 bis 7 Jahre). Im besonderen geht es um ihr Verständnis des menschlichen Geistes (Alltagspsychologie, "theory of mind"), von Kausalzusammenhängen und kontrafaktischen Schlüssen (Was wäre wenn... ?) und deren Zusammenhang mit dem Erwerb der grammatischen Strukturen, die diese Denkinhalte zum Ausdruck bringen. So zum Beispiel braucht man die Grammatik von "dass-Komplementen" um geistige Zustände auszudrücken ("Sie glaubt, dass die Schuhe im Keller sind"). Für kausale Ursachenbegründungen muss man oft kontrafaktisch argumentieren, wofür die Beherrschung des Konjunktivs erforderlich ist (Schuld an dem Brand war die glühende Zigarette, denn wenn die nicht mehr geglüht hätte, dann hätte das Heu nicht zu brennen begonnen.) Die zu untersuchende Frage ist nun, ob die sprachliche Entwicklung die entsprechende kognitive Entwicklung auslöst oder umgekehrt. Erstere Sichtweise nimmt an, dass Kinder die genannten Denkinhalte verstehen, sobald ihnen die Sprachentwicklung die entsprechenden Strukturen liefert. Die alternative Sichtweise besagt, dass Kinder manche dieser Denkinhalte schon viel früher erfassen, aber erst mit Besitz der nötigen grammatischen Strukturen darüber zu sprechen beginnen. Welche dieser beiden theoretischen Sichtweisen zutrifft, soll überprüft werden, indem die Denkfähigkeit in den jeweiligen Inhaltsgebieten mit sprachfreien Tests erfasst und gleichzeitig mit linguistischen Aufgabenstellungen das Vorhandensein der entsprechenden grammatischen Strukturen erhoben wird. Zeigt sich, dass die grammatischen Strukturen vor (oder zugleich mit) den Denkinhalten vorhanden sind, spricht dies für die erste Theorie. Zeigt sich dagegen, dass nichtsprachlich erfasste Denkinhalte schon vor der sprachlichen Beherrschung der grammatischen Strukturen auftreten, dann spricht dies für die zweite Theorie.
In diesem Forschungsprojekt wurde der Zusammenhänge zwischen kognitiver und sprachlicher Entwicklung in drei verschiedenen Berreichen untersucht. (1) "Understanding Falsehood" (Verstehen des Wahrheitswertes einer Aussage). Hier wurde die Behauptung untersucht, das Kinder unter 4 Jahren Schwierigkeiten haben mentale Zustände (z.B. Wünsche oder Überzeugungen) zu verstehen, weil sie die entsprechende sprachliche (syntaktische) Struktur (d.h., "Dass-Komplemente") noch nicht erworben haben (z.B. " Die Mutter glaubt, dass Andreas ins Bett geht". In mehreren Experimenten mit 3- bis 5-Jaehrigen deutsprachigen Kindern konnten wir zeigen, dass diese Behauptung nicht unbedingt zutrifft, da schon jüngere Kinder (ca. 3 Jahre) die sprachliche Struktur von "Dass Komplimenten" für "wollen, dass..." erworben haben, jedoch noch nicht mentale Zustände verstehen können. Daraus kann man schliessen, dass der Erwerb einer "Dass-Kompliment" Grammatik keine notwendige Voraussetzung für das Verständnis von mentalen Zuständen darstellt. (2) "Understanding Counterfactualty" (Verstehen von Kontrafakten). Wir untersuchten, ob und ab wann sich die Fähigkeit kontrafaktisch zu Denken entwicklet. Eine frühere Studie fand einen Zusammenhang zwischen der Fähigkeit kontrafaktisch zu denken (z.B., "was wäre wenn nicht A eingetreten wäre sondern B") und dem Verständnis von mentalen Zuständen. Beides entwickelt sich zwischen 3- und 5 Jahren und es wird behauptet, dass kontrafaktisches Denken eine notwendige Voraussetzung fuer das Verständnis mentaler Zustände ist. Die Ergebnisse mehrerer Untersuchungen stellen diese Behauptung jedoch in Frage. Es zeigte sich vielmehr, dass sich die Fähigkeit kontrafaktisch zu denken und ein Verständnis mentaler Zustände sich unabhängig voneinander entwickeln. Weiters konnten wir zeigen, dass der Zusammenhang zwischen den beiden Fähigkeiten, wie in der früheren Studie berichtet, auf die vergleichbare Komplexität der beiden Aufgaben zurueckzuführen ist. (3) "Substitutability of co-referential expressions". Im dritten Teil des Projekts untersuchten wir, ab wann Kinder verstehen, dass zwei unterchiedlichen Begriffe (z.B., Hase und Tier) für ein und dasselbe Objekt verwendet werden könnnen. In einer Serie von Experimenten zeigte sich, dass sich diese Fähigkeit mit ca. 4 Jahren entwickelt und ein starker Zusammenhang mit dem Verständnis von Glaubenszuständen besteht. Weiters wurde undersucht, ab wann Kinder verstehen, dass co-referentielle Ausdrücke (Ball/Geschenk) nicht immer gegenseitig ersetzt werden konnen, ohne dass sich der Wahrheitswert einer Aussage verändert. Etwa, in einem Beispiel in dem es darum geht, was jemand weiss oder nicht weiss, weiß Heinz zwar, dass ein Ball in der Kiste ist, jedoch weiß er nicht, dass der Ball sein Geburtstagsgeschenk ist. In diesem Fall ist nur die Aussage "Heinz weiss, dass ein Ball in der Kiste ist" wahr, aber nicht "Heinz weiss, dass sein Geschenk in der Kiste ist". In einer weiteren Serie von Experimenten konnten wir zeigen, dass sich diese Verständnis erst mit 5 bis 6 Jahren entwickelt.
- Universität Salzburg - 100%
- Karin Landerl, Universität Graz , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Hubert Haider, Universität Salzburg , assoziierte:r Forschungspartner:in
Research Output
- 274 Zitationen
- 2 Publikationen
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2004
Titel Counterfactual conditionals and false belief: a developmental dissociation DOI 10.1016/j.cogdev.2003.12.001 Typ Journal Article Autor Perner J Journal Cognitive Development Seiten 179-201 -
2002
Titel Theory of mind finds its Piagetian perspective: why alternative naming comes with understanding belief DOI 10.1016/s0885-2014(02)00127-2 Typ Journal Article Autor Perner J Journal Cognitive Development Seiten 1451-1472