Die Fundmünzen der römischen Zeit in Österreich: Steiermark
Coin Finds of Roman Austria: Styria
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (90%); Wirtschaftswissenschaften (10%)
Keywords
-
COIN FINDS,
ROMAN HISTORY,
COIN CIRCULATION,
ROMAN ECONOMY,
COINS AND ARCHEOLOGY,
FLAVIA SOLVA
Forschungsprojekt P 14421Die Fundmünzen der römischen Zeit in Österreich: SteiermarkMichael ALRAM08.05.2000 Fundmünzenprojekte zählen seit langem zu einem Hauptarbeitsgebiet der numismatischen Forschung in ganz Europa. Dabei geht es einerseits um die Katalogisierung aller greifbaren Münzfunde einer bestimmten Region innerhalb eines bestimmten Zeitabschnitts und andererseits um eine entsprechende Auswertung des katalogisierten Materials in Hinblick auf sein historische, numismatische, archäologische sowie wirtschafts- und sozialgeschichtliche Aussagekraft. Ziel des vorliegenden Projekts ist die fächerübergreifende Analyse des Siedlungs- und Wirtschaftsbildes der Steiermark vom 2. Jahrhundert vor bis zum 5. Jahrhundert nach Christus. Die Münze wird hier nicht nur als solche betrachtet sondern in ihrer Funktion und in ihrem Vorkommen in Raum und Zeit. Die gut dokumentierte archäologische Landesaufnahme der Steiermark bietet die Möglichkeit, das archäologische mit dem numismatischen Quellenmaterial einer gemeinsamen, vergleichenden Analyse zu unterziehen. In der Komplexität dieser Analyse, die das gesamte für die politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklung der römischen Steiermark relevante Quellenmaterial einbezieht, liegt die Innovation des Projekts. Für das römische Österreich ist eine solche Untersuchung bislang noch nie durchgeführt worden. Die bisher erschienen FMRÖ-Bände verstanden sich als Materialvorlage im Dienste numismatischer Grundlagenforschung und harren bis heute einer entsprechenden Auswertung. Für die geplante Analyse des Wirtschaftsbildes der römischen Steiermark bilden sie jedoch wertvolles Vergleichsmaterial, das in die Untersuchung in jedem Falle einzubeziehen ist. Territoriale Unterschiede in der Geldversorgung - so etwa die unterschiedliche Speisung mit Kleingeld - lassen wichtige Rückschlüsse auf die politische und wirtschaftliche Entwicklung einer Region innerhalb eines bestimmten Zeithorizonts zu. Gerade durch den numismatischen Vergleich verschiedener Gebiete miteinander - einerseits innerhalb der Grenzen einer Provinz, andererseits aber auch grenzüberschreitend - wird der Geldverkehr der Austria Romana anschaulich dokumentiert und damit eine seit langem bestehende Lücke der numismatischen Forschung in Österreich geschlossen.
Das Ziel des Projektes "Coin finds of Roman Austria: Styria" (FMRÖ Steiermark, P14421) war erstens die flächendeckende Aufnahme der antiken Fundmünzen der Steiermark in eine digitale Datenbank, zweitens eine methodische Auswertung der erfassten Materialmassen nach historischen, archäo-logischen, geld-, wirtschafts- und besiedlungsgeschichtlichen Kriterien, um Einblick in Münzumlauf, Währungspolitik etc. zu erhalten. In der ausgehenden Latène- und frühen römischen Kaiserzeit zirkulierten keltisches und römisches Geld nebeneinander, was auf die guten wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Rom und Noricum hindeutet. Der Münzumlauf der keltischen Periode konzentrierte sich vor allem in den größeren keltischen Höhen-siedlungen, aber auch in den späteren römischen Ansiedlungen wurde weiterhin keltisches Geld verwendet. Als bemerkenswertes Faktum stellt sich heraus, dass es eine Währungsgrenze zwischen den keltischen Stämmen des westlichen und jenen des östlichen Teiles Noricums gegeben hat. Gegen Ende des ersten Jahrhunderts v. Chr. wurde das sog. norische Königreich von den Römern ohne kriegerische Aktionen annektiert. Im Laufe des ersten Jahrhunderts n. Chr. verschwanden die keltischen Münzen allmählich aus dem Umlauf und ab der zweiten Jahrhunderthälfte existierte sicher schon eine entwickelte römische Geldwirtschaft in der Steiermark. Diese ist hauptsächlich durch die Verwendung von Bronzenominalien im Nahverkehr charakterisiert. Silbergeld spielte im ersten und zweiten Jahr-hundert n. Chr. offenbar keine so große Rolle, was auf einen eher bescheidenen Wohlstand und keine großen wirtschaftlichen Initiativen der Bevölkerung hinweist. In die zweite Hälfte des zweiten Jahrhunderts fallen einerseits eine große Seuche andererseits die Markomannenkriege, von denen die Provinz getroffen wurde. Die Münzfunde gehen zunächst zurück, steigen aber Ende des zweiten und Anfang des dritten Jahrhunderts wieder an, die Bevölkerung scheint sich rasch erholt zu haben. Es beginnen sich nun vor allem Silberdenare in den Funden niederzuschlagen. Diese - ursprünglich in reinem Silber hergestellt - wurden nun mit unedlen Metallen legiert. Auch das steigende Geldvolumen der im Material abgewerteten Münzen zeugt von einer zunehmenden wirtschaftlichen Instabilität. Ab ca. 240 n. Chr. verschwanden Denare aus dem Geldumlauf, sie wurden durch die neu eingeführten und ursprünglich silbernen Antoniniane ersetzt. Doch auch diese können die galoppierende Inflation nicht mehr aufhalten. Antoniniane bilden die größte Masse der römischen Fundmünzen in der Steiermark, da ihre Kaufkraft immer weiter sank. In diesem Zusammenhang sind auch die wenigen Schatzfunde der Steiermark zu sehen, die wohl im Zuge der chaotischen monetären Zustände und permanenter kriegerischer Bedrohungen verborgen wurden. Gegen Ende des Jahrhunderts wurde das Geldwesen unter Diokletian neu geordnet, woraufhin das Geldvolumen drastisch zurückging. Gutes neues Geld war anscheinend noch Mangelware. Im vierten Jahrhundert ist eine kontinuierliche geldwirtschaftliche Ent-wicklung beobachtbar, die jedoch um 400 abbrach, d.h. ab dieser Zeit kam kein neues römisches Geld mehr in die norische Steiermark, die alten Münzen wurden aber noch eine Zeit lang weiter verwendet. Die Untersuchung, von wo aus die Steiermark mit römischem Geld versorgt wurde, erbrachte, dass die Münzen bis ans Ende des dritten Jahrhunderts vorrangig aus Rom kamen. Danach spielte unter den neu gegründeten Münzstätten Siscia/Sisak an der Save die wichtigste Rolle für die Geldversorgung.
- Odo Burböck, Universalmuseum Joanneum , assoziierte:r Forschungspartner:in