Ludwig Wittgenstein: Persönliche Schriften
Ludwig Wittgenstein: Personal Writings
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (60%); Philosophie, Ethik, Religion (40%)
Keywords
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EDITIONS,
DIARIES,
LETTERS,
LECTURES,
ETHICS,
AESTHETICS
Forschungsprojekt P 14395 Ludwig Wittgenstein: Persönliche SchriftenAllan JANIK26.06.2000 1. Problemstellung / Stand der Forschung: a) Es wird von der These ausgegangen, daß Ludwig Wittgensteins Tagebücher, soweit sie überliefert sind oder rekonstruiert werden können, sowohl ihrer literarischen Form als auch den darin vermittelten Inhalten nach einen eigenständigen, unverwechselbaren Texttyp darstellen, in dem sich eine gleichfalls unverwechselbare, persönliche Elemente stark zur Geltung bringende Denkweise äußert. b) Diese These wird folgendermaßen erweitert: Wittgensteins Tagebücher stehen inhaltlich und von ihren Intentionen her mit anderen, von ihm verfaßten Schriften, insbesondere mit Briefen und mit dem Vortrag zur Ethik, in einem Naheverhältnis, welches nach genauer Darstellung drängt. - Diese Darstellung soll im Rahmen des Projektes durch parallele Edition exemplarischer Texte von unterschiedlicher textsortenmäßiger Zugehörigkeit geleistet werden, damit die erwähnte, bisher zu wenig beachtete persönliche Seite an Wittgensteins Art zu denken angemessen in Erscheinung tritt. c) Es läßt sich darstellen, daß in bisherigen Auseinandersetzungen der Wittgenstein-Forschung mit Texten der obgenannten Art vielfach einseitig auf deren rein philosophische oder biographische Aufschlußkraft Bezug nimmt, ohne ein mögliches eigenständiges Denk- und Darstellungsprofil zu berücksichtigen. 2. Projektziele: Vorbereitung sämtlicher während des Ersten Weltkrieges verfaßten Tagebücher für die Edition (sowohl elektronisch als auch in Buchform): Die von Wittgenstein in den Jahren 1914-16 verfaßten philosophischen Tagebücher und die parallel in Geheimschrift verfaßten persönlichen Aufzeichnungen sind noch nie gemeinsam ediert worden. Eine gemeinsame Edition samt Kommentar ermöglicht einen direkten Vergleich der ausgesprochen philosophischen mit der hier so genannten persönlichen Denkweise Wittgensteins. Vorbereitunq aller drei Fassungen des Vortrags über Ethik (Lecture on Ethics) vom Jahre 1929 für die Edition (sowohl elektronisch als auch in Buchform): Vor allem aus der Textentwicklung über mehrere Bearbeitungsstufen und aus der Textpragmatik (Vortrags- Situation) läßt sich der betont persönliche Charakter dieser Schrift ermitteln. Vorbereitung der vervollständigten und um mehrere Aufsätze erweiterten Korrespondenz Ludwig Wittgensteins mit Paul Engelmann: Dieser einschließlich einer beträchtlichen Anzahl von Gegenbriefen Engelmanns und mehrerer sowohl bekannter wie auch neu aufgefundener Texte Engelmanns über Wittgenstein neu edierte Briefwechsel läßt sowohl Wittgensteins Verhalten zu nahen Freunden als auch weltanschauliche Sachverhalte in besonderer Deutlichkeit erkennen. Vervollständigung des Projekts Nr. 12928-SOZ: Allfällige Erqänzung der Taqebuchbestände aus dem philosophischen Nachlaß: Es wird versucht, durch Aussonderung genuiner Tagebuchtexte aus dem Verband anderer Werkteile in Wittgensteins Nachlaß den Unterschied zwischen philosophischer und persönlicher Schreib- und Denkweise texttypologisch zu ermitteln. Konzentrierte Darstellung der Ergebnisse aus den oben genannten Editionen im Bezuq auf \/Vittgensteins Art, persönlich zu denken. 3. Methode. Wie in den "Denkbewegungen" wird bei allen Texten von Wittgenstein, ausgenommen den Briefwechsel mit Engelmann, das norwegische System MECS (multi-element-code-svstem) zur Transkription verwendet. Die Erarbeitung der Kommentare geschieht in Modifikation der im Projekt "Ludwig Wittgenstein - Gesamtbriefwechsel" mit Hilfe des Systems "Folio Views" angewandten Methode. - Weiters kommen analytische, typologische und pragmatische Textbeschreibungsmethoden zur Anwendung.
Ziel des Projektes war es, Wittgensteins "persönliche Schriften" wissenschaftlich zu bearbeiten und sie für eine Publikation vorzubereiten. Bei diesen Schriften handelt es sich um Tagebucheintragungen und Briefe, doch auch um Wittgensteins Vortrag über Ethik, in dem sein persönliches Empfinden gegenüber ethischen und religiösen Fragen zum Ausdruck kommt. Außerdem war die Bearbeitung der Tagebücher seines Freundes Ludwig Hänsel von Wichtigkeit, da dieser darin über Diskussionen literarischen, philosophischen und religiösen Inhalts berichtet, die er mit Wittgenstein unmittelbar nach der Zeit des Ersten Weltkrieges geführt hat. In einem ersten Gang wurden die Texte transkribiert und kollationiert. In einem zweiten Gang wurde ein wissenschaftlicher Kommentar verfaßt - einerseits in Form eines Einzelstellenkommentars, andererseits in Form eines Flächenkommentars bzw. ergänzenden Aufsatzes. Die Transkription der Kriegstagebücher betraf die in Code geführten Stellen der Manuskripte 101, 102 und 103 und erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Wittgenstein-Archiv der Universität Bergen, mit dem schon seit 1993 mit dem Brenner-Archiv in Innsbruck eine Kooperation besteht. Die Transkription von MS 101, MS 102 und MS 103 sowie MS 139b (eine im Nachlaß von Rudolf Koder aufgefundene Fassung des Vortrags über Ethik) ist mittlerweile in der Bergen Electronic Edition von Wittgensteins Nachlaß publiziert. Für die geplante Buch-Edition, die erstmals den philosophischen und persönlichen Teil bzw. die in Normalschrift und verschlüsselter Schrift abgefaßten Texte von 1914-1916 als eine Einheit präsentieren soll, sind derzeit Gespräche mit den Nachlaßverwaltern im Gange. Die Neuausgabe von Paul Engelmann: Ludwig Wittgenstein: Briefe und Begegnungen wird nun mit den Gegenbriefen Engelmanns an Wittgenstein sowie weiteren Erinnerungsnotizen bereichert und soll im Frühjahr 2003 beim Haymon-Verlag in Innsbruck erscheinen. Auch die Tagebücher Ludwig Hänsels sind für eine Edition bei Haymon geplant. Als Ergänzung zur Arbeit an der Vorbereitung der Editionen der genannten Texte hat die Projektbearbeiterin mehrere Vorträge gehalten und Artikel geschrieben, die in Beziehung zu den Themenschwerpunkten ihrer Forschungstätigkeit stehen.
- Universität Innsbruck - 100%
- Walter Methlagl, Universität Innsbruck , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Claus Huitfeldt, Bergen University Rresearch Foundation - Norwegen