Der bürokratische Alltag in Österreich
The day-to-day bureaucratic life in Austria
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (80%)
Keywords
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CIVIL SERVANTS/OFFICERS,
TWENTIETH CENTURY LITERATUR,
BUREAUCRACY,
EVERYDAY CULTURE,
SOCIAL HISTORY OF LITERATUR
Forschungsprojekt P 14260Der Bürokratische Alltag in ÖsterreichRoland INNERHOFER06.03.2000 Der Bürokratische Alltag in Österreich. Eine Analyse der Reflexe und Reflexionen anhand von literarischen Texten des 20. Jahrhunderts Dieses Forschungsvorhaben handelt von der bürokratischen Kultur im Wandel des 20. Jahrhunderts. Dabei wird von Beamten und Bürgern, den Protagonisten der bürokratischen Prozesse ausgegangen, die in Amtsstuben, auf Amtswegen, in Alltag und Freizeit diese Kultur hervorbringen und daran teilnehmen. Gegenstand der Untersuchung bilden sowohl Bilder und Mythen, Wünsche und Ängste als auch die verschiedenen historischen Bedingungen und Ideologien, durch die sie entstanden sind. Durch die Analyse der unterschiedlichen Perzeptionen von Wirklichkeit, der Arbeit an und in Bürokratie sollen Details vom Wesen der Kultur sichtbar gemacht werden. Um eine differenzierte Analyse der Bürokratie als verinnerlichte und vielseitige Lebens. und Arbeitsweise zu ermöglichen, werden verschiedene Diskurse untersucht: Ausgegangen wird von aktuellen Medienbeiträgen, Witzen, Karikaturen und Parteiprogrammen, in denen Vorurteile und Klischees manifest gemacht werden. Diesen Meinungen, die als Hypothesen für die Wahrnehmung der bürokratischen Kultur formuliert werden, wird durch die Analyse von literarischen Texten des 20. Jahrhunderts nachgegangen. Der literarische Diskurs wird dabei keineswegs als neutral oder objektiv angesehen, sondern als Teil der bürokratischen Kultur, der Ideale und Aversionen, Probleme und Träume nicht bloß kolportiert, sondern transformiert, installiert und inszeniert. Über die Analyse dieser Diskurse, die den bürokratischen Alltag betreffen, kann die Affinität spezifisch österreichischer Beamtentradition ausdifferenziert und neuen Perspektiven zugänglich gemacht werden. Andererseits sollen literarisierte Reflexe und Reflexionen den Prinzipien und Funktionen des bürokratischen Systems gegnübergestellt werden, wie sie in verschiedenen wissenschaftlichen Diskursen erarbeitet worden sind. Damit wird in diesem Vorhaben nicht nur ein Panorama von Wahrnehmungen des bürokratischen Alltags erstellt, sondern es werden auch gesamtgesellschaftliche Strukturen und Bedingungen sichtbar gemacht.
Der bürokratische Alltag folgt in den literarischen Texten einer amtsinternen informellen Ordnung, die für den Bürger unberechenbar und undurchschaubar ist. Sichtbar gemacht wird die bürokratische Kultur in Abweichungen, die meist in den Machthaushalt integriert werden. Bürokratie wird im literarischen Diskurs oft als Versuch dargestellt, symbolische Defizite des Staates auszugleichen und in ihren Eigenarten als konstitutives Element Österreichs thematisiert. In dieser Studie werden Auseinandersetzungen mit Bürokratie und alternative Ordnungen in der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts untersucht. Ausgangs- und Zielpunkt für Fragestellungen bildet der aktuelle Alltagsdiskurs, der vor allem auf Symptombekämpfung und auf einen Abbau von Posten, Personal, Kosten und Regelungen abzielt. Die Forderungen sind nicht ohne erhöhte Berücksichtigung bürokratischer Prinzipien wie Rationalisierung, Formalisierung, Kontrolle oder Berechenbarkeit zu erfüllen. Im Gegensatz zu dieser quantitativen Sichtweise fokussieren literarische Texte auf Bürokratie als qualitative Prozesse, in denen Disziplinierungen, gesellschaftliche Integration und die Kontinuität des Staates geleistet werden. Da sie auf komplexen Traditionen und Mechanismen gründen, scheint Entbürokratisierung ohne gravierende Veränderungen im Selbstverständnis der Bürger und Beamten nicht vorstellbar. Auf Errungenschaften der Demokratie müsste verzichtet werden. Für die vorliegende Arbeit wurden auch wissenschaftliche Erkenntnisse über bürokratische Gesetzmäßigkeiten herangezogen. Die Ausrichtung von Verwaltungsprozeduren auf wirtschaftliche Effizienz und Demokratietauglichkeit wird im literarischen Diskurs nur ironisch aufgegriffen, Machtzuwächse stehen im Vordergrund. Mit der Konzentration auf Störungen, die als Kontrastmittel für gesamtgesellschaftliche Befunde dienen, wird Bürokratie im literarischen Diskurs als Gegenbild zu seinen idealtypischen Figurationen dargestellt. Als Reaktion auf die unerträgliche Routine- und Formalisierungsarbeit haben sich im Amt eine Reihe informeller Konventionen beim Umgang mit Zeit und Mobilität herausgebildet. Zahlreiche Aufgabenbereiche der ranghöchsten Beamtenfiguren zielen, ungeachtet der herkömmlichen Logik, auf symbolische Gewinne ab, die vor allem in der ersten Jahrhunderthälfte Defizite des Staates ausgleichen sollen. Für die Bürger, die als Einzelne den assoziativen Kräften des Verwaltungsstabs gegenüberstehen, werden bürokratische Prozesse damit unberechenbar und sachlich nicht nachvollziehbar. Dazu kommt, dass viele lebensweltliche Angelegenheiten im formalisierten Behördendeutsch entstellt werden. Die häufig kritisierte Immobilität der Bürokratie, die die Autoren oft als konstitutiv für Österreich darstellen, wird in der Literatur auf folgende Gründe zurückgeführt: - Amtliche Kontinuität sichert staatliche Kontinuität und überbrückt historische Zäsuren sowie Phasen gesellschaftlicher Unsicherheiten, was auch im Interesse großer gesellschaftlicher Gruppen liegt. - Wirtschaftliche, patriarchale Autoritäten arbeiten oft mit der oberen Beamtenschaft zusammen und profitieren tendenziell von Bürokratisierung. - Bürger sind an Resultaten, Beamte vor allem an Prozessen interessiert. - Der Beamtenstab koppelt sich beständig vom Rest der Bevölkerung ab und hält sich aus amtsfremden Angelegenheiten heraus. - Durch Zentralismus und vielseitig abgesicherte Hierarchie verkommt jedes Veränderungspotential der unteren Ränge und der Provinz. - Durch den Individualisierungstrend der letzten Jahrzehnte schwindet das Interesse am Staat und damit auch ein breitgestreutes Interesse an qualitativen Veränderungen.
- Universität Wien - 100%
- Wendelin Schmidt-Dengler, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in