Das kaiserzeitliche Gräberfeld von Halbturn
The Roman Cemetery of Halbturn
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
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GRÄBERFELD,
BRANDBESTATTUNG,
SPÄTANTIKE,
GRABGÄRTCHEN,
KÖRPERBESTATTUNG,
VILLA RUSTICA
Seit 1988 wird in Halbturn, Burgenland, ein kaiserzeitliches Gräberfeld untersucht, der Bestattungsplatz einer Villa rustica, einem römischen Gutshof. Die Belegung des Friedhofs begann im 2. Jahrhundert in Form von Brandgräbern und sogenannten Grabgärtchen. Dieser Belegungsphase sind auch Körpergräber von Neonaten zuzuordnen. Am Ende des 3. Jahrhundert ging man zur Körperbestattung über, wobei die Grabbauten stark variierten. Die jüngsten Gräber stammen wohl aus der Mitte des 5. Jahrhunderts und zeigen im Fundmaterial germanische Einflüsse. Die Grabgärtchen des früheren Brandgräberfeldes konnten geophysikalisch prospektiert werden. Zahlreiche Gebäude der Villa rustica und diverse Feldbegrenzungen wurden luftbildarchäologisch entdeckt und vermessen, sowie teilweise ebenfalls geophysikalisch prospektiert. Begleitende naturwissenschaftliche Untersuchungen ermöglichten eine Rekonstruktion der naturräumlichen Voraussetzungen in Halbturn. Eine erste Monographie zu den Forschungen in Halbturn ist bereits eingereicht. Anläßlich des letzten Antrags zur Grabung Halbturn 1994 wurde die Grabung der Nekropole mit insgesamt vier Kampagnen kalkuliert. Im Zuge des beantragten Projektes soll nun die 3. und 4. veranschlagte Grabungskampagne unter der lokalen Grabungsleitung von Mag.Dr. Gabriele Scharrer durchgeführt und die archäologische Untersuchung des Gräberfeldes I plangemäß abgeschlossen werden. Gleichzeitig wird die Auswertung des Komplexes betrieben. Der Katalog und die begleitenden naturwissenschaftlichen Untersuchungen, insbesondere die Auswertung der Skelettreste, der botanischen Makroreste und schmiedeteschnische Untersuchungen sollen fertiggestellt, die kulturhistorische Analyse der Grabungsergebnisse vorangetrieben werden.
Ziel des Projektes ist die Rekonstruktion der gesellschaftlichen Verhältnisse in einer spätantiken ländlichen Ansiedlung mit ihren Wirtschafts- und Sozialstrukturen, ihrer Religionsgeschichte und ihren ethnischen Wurzeln. Grundlage für die Beantwortung der damit verbundenen Fragestellungen ist die Freilegung und Auswertung des spätantiken Gräberfeldes von Halbturn, Burgenland. Die archäologischen Ausgrabungen des Gräberfeldes haben, durch mehrere FWF-Projekte unterstützt, im Jahr 1988 begonnen. Auch in den Jahren 2000-2002 wurden zwei Ausgrabungskampagnen unternommen, womit eine fast vollständige Freilegung des Gräberfeldes gelungen ist. Untersucht wurden insgesamt 3305 m 2 ; innerhalb der ergrabenen Fläche befanden sich 26 Körpergräber, 71 Brandgräber, etliche Pfostenlöcher und Gruben, vermutlich das Fundament eines Grabdenkmals sowie mehrere Gräben. Gleichzeitig fanden Arbeiten statt, die zur Aufnahme der Funde und Befunde dienten. Diese sind notwendig als Basis für jede archäologische Interpretation. Die menschlichen Überreste aus den Brand- und Körpergräbern wurden durch anthropologische Bestimmungen erfaßt; das langfristige Ziel der anthropologischen Auswertung ist es, Aussagen über die Charakteristika der Bevölkerung und Rückschlüsse auf ihre Lebensgewohnheiten und Lebensumstände zu erhalten. Das Tierknochenmaterial wurde im Rahmen der Archäozoologie bestimmt, wobei man sich allgemeine Aufschlüsse zum Tierbestand und zur Bedeutung einzelner Tierarten für die Ernährung einer spätantiken ländlichen Bevölkerung erhofft. Aber auch die Bedeutung verschiedener Tierarten im Rahmen des Bestattungsbrauchtums wäre zu erfassen. Archäobotanische Bestimmungen von pflanzlichen Resten fanden ebenfalls statt. Die Gewinnung dieser Daten ermöglicht im besten Falle eine Rekonstruktion der spätantiken Umweltbedingungen, besonders hinsichtlich der Vegetation, sowie einen Beitrag zu kulturhistorischen Fragen wie jenen nach dem Ackerbau in unserer Region in römischer Zeit, aber auch zu vegetabilen Nahrungsbeigaben, Beigaben von Pflanzen aus rituellen Gründen usw. Die Aufnahme der Keramik-, Metall- und Glasfunde sowie Befunde erfolgte konventionell und digital. Sämtliche Fundzeichnungen wurden gescannt und stehen somit im Rahmen einer Bilddatenbank für die Erstellung der Typologie sowie für die Bearbeitung durch weitere statistische Analysen zur Verfügung. Mehrere hundert Befundumzeichnungen wurden unter Zuhilfenahme der Software AutoCAD digitalisiert. So können diese Daten bei der Auswertung in ein geographisches Informationssystem (GIS) übernommen und die einzelnen Befunde dort mit den relevanten Daten (Fundkatalog) verknüpft werden. Dies eröffnet völlig neue Perspektiven für die Gräberfeldanalyse, da die räumliche Verteilung beliebiger Fundkategorien interaktiv kartiert und betrachtet werden kann. Zudem lassen sich die Ergebnisse räumlicher und zeitlicher statistischer Analysen im Rahmen eines GIS besser archäologisch interpretieren. Die Auswertung des Gräberfeldes konzentriert sich auf mehrere Schwerpunkte: Analyse der Bestattungssitten und des Fundstoffes (Typologie und Chronologie), soziale und ethnische Struktur des Gräberfeldes, historischer Hintergrund und Rückschlüsse auf die Besiedlungsgeschichte sowie Erstellung eines Wirtschaftsmodells als Synthese aus den bereits vorhandenen Überlegungen zu den Prospektionsdaten und den Ergebnissen der gräberfeldanalytischen Untersuchungen zur Bevölkerungsstruktur. Die ersten Resultate zeigen, daß die großflächigen Ausgrabungen die dafür benötigte Zeit und die eingesetzten Mittel auch rechtfertigen. Am deutlichsten läßt sich dies am Beispiel der Halbturner Kindergräber erkennen. Im Unterschied zu den meisten römerzeitlichen Gräberfeldern, wo Kindergräber entweder fehlen oder unterrepräsentiert sind, bildet diese Gruppe in Halbturn mindestens ein Drittel der Gesamtzahl der Gräber. Die hohe Anzahl der Kindergräber ist nicht zuletzt auch auf die geeignete Ausgrabungsmethode und fast vollständige Erfassung des Gräberfeldes zurückzuführen. Die neu gewonnenen Informationen bezüglich dieser Altersgruppe sind sehr wertvoll. Die Bildung der Kindergräbergruppen einerseits und die abgesonderte Lage mancher Kinderbestattungen andererseits geben Hinweise auf die Strukturierung des Gräberfeldes nach unterschiedlichen sozialen Aspekten. Soweit dies derzeit beurteilt werden kann, spielten dabei mindestens drei Faktoren eine Rolle. Der erste wäre der Zeitpunkt des Kindestodes: fand er in den ersten sechs Lebensmonaten statt, erhielten die Kinder (während der Brandbestattungsphase) einen anderen Grabritus und wurden grundsächlich beigabenlos und mit einer einfachen Bestattungszeremonie beigesetzt. Der zweite Faktor, der sich möglicherweise im Grabritus wiederspiegelt, wäre die "Andersartigkeit" des Kindes im Sinne einer Behinderung. Und nicht zuletzt spielte als dritter Faktor der Status der Familie in der Gemeinschaft bei der Auswahl des Grabstandortes, der Anwendung einer unterschiedlich aufwendigen Grabzeremonie und der Ausstattung eine Rolle.
- Universität Wien - 100%