Der amerikanische Süden und Europa
Southern Literature/Culture and the Idea(s) of Europe: Studies in the Development of the Autostereotypes of an American Region and Their Transatlantic Connections
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (80%)
Keywords
-
IMAGOLOGIE,
AUTOSTEREOTYP,
AMERIKANISCHES,
EUROPABILD,
REISELITERATUR,
SÜDSTAATEN,
AMERIKANISCHE,
BEZIEHUNGEN,
TRANSATLANTISCHE
Forschungsprojekt P 13858Der amerikanische Süden und "Europa"Waldemar ZACHARASIEWICZ28.06.1999 Der Unterfertigte, der sich seit langem mit imagologischen Problemen, insbesondere der Entwicklung, Verbreitung und Funktion von Nationalstereotypen in anglophonen Literaturen befaßt und ebenso über die Literatur des amerikanischen Südens gearbeitet hat, möchte seine beiden Forschungsinteressen verknüpfen und die Bedeutung der Varianten des Heterostereotyps "Europa" für das kollektive Selbstbild von Schriftstellern aus dem amerikanischen Süden untersuchen. Er geht dabei von der Überzeugung aus, daß das Selbstverständnis dieser Autoren ihre Produktivität geprägt hat und "Europa" dabei ein wesentlicher Katalysator und wichtiger Ideenspender war. Für die diachrone Darstellung dieser komplexen Beziehung sind viele Zeugnisse der autoptischen Erfahrung von Schriftstellern aus dem amerikanischen Süden in der Alten Welt bzw. ihre Verarbeitung von aus Europa importierten Konzepten zu analysieren. Dieser Phänomenkomplex ist bisher noch nicht ausreichend untersucht worden. Bislang wurden wohl europdische Impulse für "romantische" Tendenzen in der Gesellschaft des Südens herausgearbeitet (vgl. Walter Scotts Bedeutung für den problematischen Code des "Southern Cavalier"). Hingegen gibt es noch keine Synopsis der vielfätigen Anregungen aus Italien, Frankreich und Deutschland für den Lebensstil und die Kultur dieser Großregion. Ebensowenig wurden die transatlantischen Impulse nach der "Reconstruction" zusammenfassend dargestellt und die Rolle Europas, das paradoxerweise sowohl bei der Konsolidierung von Selbstbild und konservativer Sozialstruktur als Orientierungshilfe dienen konnte, als auch "fortschrittlichen" Autoren und schwarzen Intellektuellen mit Europaerfahrung half, reaktionäre Tendenzen in der eigenen Region bloßzustellen, zum Gegenstand einer umfassenden Analyse gemacht. Wohl haben Kulturhistoriker unterstrichen, daß sich die konservativen "Agrarians" bei der Verteidigung ihres Weltbildes und der Ablehnung des Modernisierungsschubes auf Werte beriefen, die in Europa in der Vergangenheit hochgehaltenen wurden. Die Rolle "Europas" als kritisches Gegenbild zum amerikanischen Lebensstil für die "Regionalisten" und Schriftsteller der Zwischenkriegszeit (z.B. Thomas Wolfe) und als inspirierender Faktor bei der Gestaltung des eigenen kulturellen Erbes in Autobiographie, Essay und Dichtung in der "Southern Renaissance" ist aber doch noch nicht ausreichend erforscht worden. Ebensowenig ist die weltanschauliche Affinität zwischen manchem Erzählkünstler aus, der Region seit dem 2. Weltkrieg und europäischen Denkern analysiert worden. Schließlich verdient auch die Frage Beachtung, ob allen Behauptungen von der gegenwärtigen Erosion der südstaatlichen Identität im "Sunbelt" und starken postmodernistischen Vereinheitlichungstendenzen zum Trotz die weiterhin produktiven ErzählerInnen des Südens, die vielfach aus neuen sozialen Schichten und anderen Subregionen als ihre großen Vorläufer stammen, noch immer aus einer besonderen Beziehung zu Europa wichtige Impulse gewinnen.
Ein wesentliches Ziel des Forschungsprojektes war es, die Bedeutung von Europareisen und Europakontakten von Wortführern des amerikanischen Südens im 19. und 20. Jahrhundert herauszuarbeiten. Die Analyse von veröffentlichten und unveröffentlichten Reiseberichten, Autobiographien, Romanen, Gedichten und Essays hat für die Zeit des Antebellum, die Jahre nach dem Bürgerkrieg und die Ära, in der in den 20er- und 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts die sogenannten Fugitives und Agrarians europäische Nationalkulturen als Vorbild bei ihrem Ringen um die Bewahrung der regionalen Identität nutzten, sehr viel relevantes Material erbracht. (Dies gilt auch für die Erzählprosa des amerikanischen Südens seit dem 2. Weltkrieg). Paradoxerweise haben die Begegnungen von Repräsentanten der afro-amerikanischen Minderheit im amerikanischen Süden mit der europäischen Kultur im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert aber auch deren Widerstand gegen ein reaktionäres und restriktives Selbstverständnis südstaatlicher Kultur gestärkt. Studien an neun amerikanischen Bibliotheken lieferten das Forschungsmaterial, das bisher in zwölf Vorträgen und Einführungsreferaten bei internationalen Konferenzen bzw. in Gastvorträgen an europäischen und amerikanischen Universitäten vorgetragen wurde. Es ist auch in acht bereits erschienene bzw. sechs in Druck befindliche Aufsätze bzw. Kapitel in Büchern eingegangen. Die Ergebnisse sollen auch bei weiteren internationalen Symposien (z.B. in Wien im Jahr 2005), bei denen Experten aus Europa und Nordamerika referieren werden, präsentiert werden.
- Universität Wien - 100%