Der Zivilisationswortschatz im südosteuropäischen Raum 1840- 1870. Herrschaft und Staat: Osmanisch
Lexicon of Civilization in S-E Europe: Ottoman Turkish
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (30%); Sprach- und Literaturwissenschaften (70%)
Keywords
-
OSMANISCHES REICH,
PRESSEWESEN,
19. JAHRHUNDERT,
SPRACHENTWICKLUNG,
MODERNISIERUNG,
BEGRIFFSBILDUNG
Die Zeit zwischen 1840 und 1870 stellt eine ziemlich homogene Phase in der Entwicklung des osmanischen Reiches dar,da sie jene Hauptperiode der Reformen und der Modernisierung ist, die allgemein unter dem Namen Tanzimat zusammengefaßt werden. Diese Reformen waren nicht als ein Mittel zur Wiederherstellung der alten Ordnung konzipiert, sondern orientierten sich nach dem Westen und umfaßten erstmals nicht mehr nur militärische Aspekte, wie dies bei früheren Reformversuchen der Fall gewesen war. Neue Ideen und neue Konzepte bezüglich Gesellschaft und Staat mußten adäquat im Rahmen des Osmanisch- Türkischen ausgedrückt werden, in einer Sprache also, die in ihrer langen Geschichte schon viele stilistische und lexikalische Mittel des Persischen absorbiert hatte, des Persischen, das wiederum die Fähigkeit entwickelt hatte, neue Wörter für neue Ideen aus arabischen Grundwörtern zu formen. Bis jetzt wurde die Frage, wie und auf welche Weise die Tanzimat die osmanisch-türkische Sprache beeinflußt hat, nur in ersten Ansätzen untersucht. Zeitungen und Zeitschriften - eine der Neueinführungen der Reformperiode - reflektierten einerseits die neuen unter Diskussion stehenden gesellschaftspolitischen Ansätze und mußten andererseits und dies ist ein wichtiger Aspekt - von den Lesern verstanden werden. Gleichzeitig hatte die von den Zeitungen verwendete Sprache Einfluß auf den Formung der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Leser. Im Rahmen des Forschungsvorhabens soll ein besonderes Schwergewicht auf die Sprache von Zeitungsartikeln mit sozio-politischem Inhalt gelegt werden. Das Forschungsmaterial wird vor allem aus fünf Zeitungen entnommen werden, nämlich dem offiziellen Takvim-i Vakayi, der halboffiziellen Ceride-i Havadis und Ruzname-i Ceride-i Havadis, der `halboppositionellen` Zeitung Tasvir-i Efkar und der oppositionellen Exilpublikation Hürriyet. Die Studie soll so das Verhältnis der interdependenten Beziehungen zwischen Sprache, Gesellschaft und Geschichte bezüglich der ersten tiefgreifenden und nachhaltigen Konfrontation der osmanischen Gesellschaft mit den Konzepten der Moderne untersuchen.
Das Projekt "Der Zivilisationswortschatz im südosteuropäischen Raum 1840-1870. Herrschaft und Staat" stellte sich die Aufgabe, die Beziehungen zwischen Sprache, Gesellschaft und Geschichte bezüglich der ersten tiefgreifenden und nachhaltigen Konfrontation des osmanischen Reiches mit den europäischen Konzepten und Ideen der Moderne in sprachlicher und geistesgeschichtlicher Hinsicht zu untersuchen. Die Periode zwischen 1840 und 1870 stellt eine ziemlich einheitliche Phase in der osmanischen Geschichte dar, die als die Zeit der Tanzimat bezeichnet wird, eine Zeit von Reformen, die sich an europäischen gesellschaftspolitischen Ansätzen orientierten. Die Osmanen waren einst eines der größten Weltreiche. In seiner größten Ausdehnung beherrschte das osmanische Reich - ein Imperium, das viele Völker, Religionen und Sprachen umfaßte - auch zahlreiche Länder Südosteuropas, die demnächst der Europäischen Union beitreten werden, beziehungsweise schon seit längerem in der EU sind (Griechenland). Aufgrund ihrer einstigen Stärke fühlten sich die Osmanen jedoch bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts trotz einzelner früherer Reformansätze derart überlegen, daß sie den Anschluß an die Entwicklungen in Europa (Aufklärung, Reformation, technologische Fortschritte) verloren. Dann aber mußte die Hohe Pforte aufgrund der vielen erlittenen Rückschläge resignierend feststellen, daß sich die Überlegenheit des osmanischen Reiches endgültig im Auflösungszustand befand. Somit begann eine sehr widersprüchliche und kontroverse Auseinandersetzung mit den verschiedensten Erscheinungsformen des modernen Lebens in Europa, die sich im 19. Jahrhundert und besonders in der Zeit der Tanzimat verstärkte. Es gab einerseits Bemühungen, europäische Werke der Literatur, Wissenschaft und Technologie ins Osmanisch-Türkische zu übersetzen, andererseits fand ein politischer Prozess statt, der besonders auf den Ebenen der Verwaltung, des Staates und des Rechts Vorbild an europäischen Mustern nahm. Dafür jedoch wurden neue Wörter und Begriffe benötigt, die Ideen ausdrücken konnten, die es bis dahin noch nicht gegeben hatte. Die Dynamik dieser Entwicklungen im osmanischen Reich und in der osmanisch-türkischen Sprache fand in einem Spannungsfeld statt: Die Nationalbewegungen im osmanischen Reich selbst, allen voran in Südosteuropa, entwickelten ihre eigenen Vorstellungen und ihre eigenen Nationalsprachen. Der "kranke Mann am Bosprous" mußte darauf und auf die Einflußnahme der europäischen Mächte reagieren. Aufgrund dieser Entwicklungen stellte das osmanische Reich innerhalb der Welt des Islam eines der ersten Länder dar, das eine Brücke zwischen dem Islam und der Moderne Europas zu schlagen versuchte. Wie sich dieser Brückenschlag auf sprachlicher Ebene vollzogen hat, war Inhalt dieses Projekts. Untersucht wurden neben Zeitungstexten vor allem die verfassungsähnlichen Dekrete dieser Reformzeit und schließlich die erste osmanische Verfassung aus dem Jahre 1876. Erforscht wurde die Einführung neuer Wörter zur Bezeichnung von Konzepten wie Rechtsstaatlichkeit, Parlamentarismus, moderne Verwaltung, Freiheit, Gleichheit und Nationalstaat der Neuzeit. Geschichte besser zu verstehen, so könnte das Resümée aus diesem Projekt lauten, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, um die Gegenwart mit ihren Konflikten und Gegensätzen begreifen und Lösungsansätze entwickeln zu können, und zwar für eine vernunftorientierte Kommunikation zwischen unterschiedlichen Zivilisationssträngen, wie sie sich in Fragen Islam-Moderne und in Fragen der EU-Erweiterung auftun.
- Universität Wien - 100%