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Die Ausbildung der neukantianischen Aprioritätslehren

The Formation of the Neo-Kantian Doctrines of Apriority

Hans-Dieter Klein (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P13560
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.05.1999
  • Projektende 30.04.2001
  • Bewilligungssumme 74.353 €

Wissenschaftsdisziplinen

Philosophie, Ethik, Religion (100%)

Keywords

    NEUKANTIANISMUS, WINDELBAND, WILHELM, APRIORITÄT, RIEHL, ALOIS, COHEN, HERMANN, LIEBMANN, OTTO

Abstract Endbericht

Im Rahmen des Forschungsprojektes soll die Formationsphase der Systembildungen des klassischen Neukantianismus untersucht werden, wobei davon ausgegangen werden kann, daß die Ausbildung eigenständiger Aprioritätslehren in den 1870er Jahren durch das Bestreben motiviert ist, die Wissenschaftlichkeit der Philosophie und zugleich die Selbständigkeit der Philosophie gegenüber den positiven Wissenschaften (insbesondere der empirischen Psychologie) zu sichern. Der historischen Ausgangslage entsprechend wird vor allem zu untersuchen sein, wie sich die führenden Neukantianer vom frühen physiologischen Neukantianismus (H. Helmholtz, F. A. Lange), von der Schopenhauerschen Kantinterpretation und vom Herbartianismus bzw. von der (herbartianischen) Völkerpsychologie lösen. Um der Komplexität des Phänomens Neukantianismus einigermaßen gerecht zu werden, soll erstmals eine vergleichende Untersuchung zur Ausbildung der Aprioritätslehren der Marburger und Südwestdeutschen, ihres Verhältnisses zueinander, sowie zu anderen Ausprägungen des Neukantianismus angestellt werden. Neben der Analyse des Denkweges der beiden Schulgründer Cohen (Marburger) und Windelband (Südwestdeutsche) in den (späten) 60er und in den 70er Jahren, sollen daher insbesondere auch die parallelen Problementwicklungen bei Otto Liebmann, Alois Riehl und Johannes Volkelt untersucht werden.

Im Rahmen des Forschungsprojektes wurde die Formationsphase der Systembildungen des klassischen Neukantianismus untersucht, wobei von der Überlegung ausgegangen wurde, daß die Ausbildung eigenständiger Aprioritätslehren in den 1870er Jahren durch das Bestreben motiviert war, die Wissenschaftlichkeit der Philosophie und zugleich die Selbständigkeit der Philosophie gegenüber den positiven Wissenschaften (insbesondere der empirischen Psychologie) zu sichern. Indem der Neukantianismus sich als eine Gegenposition sowohl gegenüber allem positivistischem, empiristischem und einzelwissenschaftlichem Psychologismus, wie auch gegenüber aller unwissenschaftlichen` Metaphysik und Spekulation versteht, unterscheidet er sich von der Spekulation` des Deutschen Idealismus ebenso, wie vom Herbartschen Realismus` oder der Willensmetaphysik Schopenhauers, und von der psychologischen Kant-Nachfolge (Fries, Beneke) ebenso, wie vom historischen Kant. Aus der Konfrontation mit den beiden systematisch bedeutsamsten Positionen, der Kantischen und der spekulativ- idealistischen, wird nachvollziehbar, wie diese Konstellation in einen Geltungsobjektivismus mündet: denn einerseits eliminiert der Neukantianismus alle vermögenspsychologischen Bausteine der Kantischen Architektonik, andererseits versucht er aber im Unterschied zum Deutschen Idealismus nicht, diese Bausteine durch eine spekulative Genetisierung des Apriori zu ersetzen. Folglich bricht der Kantische Systembau, der ja im wesentlichen auf der Parallelisierung logischer und psychologischer Strukturen beruht, in sich zusammen. Genauer gesagt, er schrumpft auf das vielberufene Bewußtsein überhaupt`. Dieser Systemverlust wird kompensiert durch die Identifikation des Bewußtseins überhaupt` mit einem sogenannten Normalbewußtsein (Windelband) oder Kulturbewußtsein (Cohen), die es gestattet, die Transzendentalphilosophie als Theorie der Wissenschaften und der Kultur zu verste-hen, d.i. als Theoretisierung der Geltungsbestände, in denen sich das Kulturbewußtsein objektiviert. Zugleich wird der systematische Anspruch in diesem Zusammenhang durch die Betonung der Geltungsfrage aufrechterhalten. Der geltungstheoretische Anspruch ist darum das Motiv, das es erlaubt, die systematisch relevanten Unterschiede zwi-schen den Hauptrichtungen des Neukantianismus zu rekonstruieren, sofern man der Frage nachgeht, wie der Geltungsanspruch unter den gegebenen gel-tungs-objek-ti-vi-stischen Voraussetzungen festgehalten und womöglich auch eingelöst werden könnte. Der im Lichte der Kantischen Erkenntniskritik naheliegendste und systematisch zweifellos fruchtbringendste Weg besteht in der konsequenten Orientierung am "Faktum` der Wissenschaft", indem man in der Kantexegese die synthetischen Grundsätze` zum "Hebel der Kritik" erklärt und in systematischer Weiterführung die-ser Kantinterpretation die reine Erkenntnis` mit der Erkenntnis der Wissenschaft identifiziert. Diesen Weg einer wissenschaftstheoretischen Objektivierung des Apriori ist die Marburger Schule gegangen. Anstelle einer Objektivierung des Apriori, die sich an jeweiligen Fakta der Wissenschaft und Kultur orientiert, kann man aber auch den Geltungsanspruch objektivieren, indem man die Geltung oder die überzeitlich geltenden Werte vom Sein und der Wirklichkeit scheidet und solcherart eine transzendente Welt der Ideen und Werte konstruiert. Dieser platonistische Lösungsansatz, der sich vor allem auf entsprechende Formulierungen in Kants prakti-scher Philosophie berufen kann, wird von der Südwestdeutschen Schule (Windelband, Rickert, Lask) verfolgt. Drittens besteht aber auch noch die Möglichkeit, die Geltung insgesamt zu objektivieren. Demnach wäre die Objektivität des Apriori nicht erst in den Leistungen des Kulturschaffens oder in einem transzendenten Reich der Werte, sondern in der Wirklichkeit selbst zu suchen. Diese dritte Variante des neukantiani-schen Geltungs-objektivismus, ein realistischer Kritizismus (Liebmann, Riehl), findet ihre bündigste Formulierung in Otto Liebmanns Gedanken einer objektiven Weltlogik, einer "Logik der Thatsachen"

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%

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