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Hegemoniale Diskurse und Diskurse des Widerstandes in der Habsburgermonarchie im 19. Jahrhundert

Discourses of hegemony and resistance under the Habsburgs

Rosita Schjerve-Rindler (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P13346
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.06.1999
  • Projektende 31.08.2001
  • Bewilligungssumme 124.550 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (25%); Sprach- und Literaturwissenschaften (75%)

Keywords

    DISKURS, NATIONALITÄTEN, HABSBURG, SPRACHKONFLIKT, HEGEMONIE, WIDERSTAND

Abstract Endbericht

Das vorliegende Projekt beschäftigt sich mit dem hegemonialen Diskurs der Habsburgermonarchie und den Diskursen des Widerstandes ausgewählter national "erwachender" Ethnien des Vielvölkerreichs Österreich im 19. Jahrhundert (insbesondere nach 1848). Das wissenschaftliche Interesse gilt dabei den diskursiven Strategien, die Exponenten einzelner Volksstämme einerseits im Diskurs der hegemonialen Kräfte und andererseits im Widerstand gegen die Hegemonialmacht und gegen konkurrierende Ethnien anwendeten. Die untersuchten Diskurse stammen aus den Regionen der italienischsprachigen Provinzen Küstenland (Triest, Istrien), Welschtirol und Dalmatien, aus Böhmen sowie aus der Bukowina. Als Untersuchungskorpus dienen medialisierte Diskursfragmente (Zeitungen deutsch-österreichischer Sicht vs. Zeitungen antizentralistischer Sicht) zu zwei wichtigen Ereignissen des 19. Jahrhunderts: die Revolution von 1848 als äußerst verdichteter Knotenpunkt von konkurrierenden Diskurssträngen und die Volkszahlung von 1900, die vor allem den Streit um die Erhebung der "Umgangssprache" im Vielvölkerreich Österreich verdeutlicht. Die methodische Erschließung über die Historische Diskursanalyse erlaubt es, die sozialpsychologische und kognitive Dimension der Diskurse und den Kontext um diese zwei Ereignisse zu erfassen. Das Projekt umfaßt verschiedene Arbeitsschritte. Zunächst wird die Sichtung der medialisierten Quellen aus den einzelnen Regionen vorgenommen. Im zweiten Arbeitsschritt werden die Quellen inhaltlich und strukturell untersucht und kontextualisiert. Der dritte Arbeitsschritt betrifft die Rekonstruktion der konkurrierenden Diskursstränge für die untersuchten Provinzen. Das Interesse gilt dabei insbesondere der Diskurswelt des Widerstandes der Italiener Dalmatiens, des Küstenlandes (Triest, Istrien) und Welschtirols, der Tschechen in Böhmen und der bukowinischen Rumänen gegen die Hegemonialmacht sowie gegen konkurrierende Volksstämme in den synchronen Schnitten der Jahre 1848 und 1900 sowie auch im diachronen Vergleich dieser beiden Schnitte. Der vierte Arbeitsschritt soll die "Programmatik" des diskursiven Widerstandes und des Hegemonialdiskurses (Verhältnis zwischen Sprache und Macht) rekonstruieren. Konvergenzen und Divergenzen der Diskursstrategien in den jeweiligen Provinzen werden dabei in ihren sprachlichen Ausformungen verglichen. Das Endziel der Untersuchung ist es, ein Diskursprogramm der Hegemonie und des Widerstands im Vielvölkerreich Österreich des 19. Jahrhunderts nachzuzeichnen.

Das Projekt beschreibt, wie in verschiedenen Ländern der Habsburger Monarchie, zwischen 1848 und 1905, Sprache verwendet wurde, um Macht auszuüben, sich der Machtausübung zu widersetzen, bzw. Machtdefizite auszugleichen. Dabei untersuchte ein Projektteil die Domäne der Verwaltung, und die restlichen fünf dienten der Analyse verschiedener politischer Diskurse öffentlicher Medien in mehreren Ländern der Monarchie. In Medien, die von politischen und sozialen Eliten des Küstenlandes (Triest, Istrien, Görz und Gradisca) betrieben wurden, ergibt sich aufgrund einer Analyse mit Beispielen aus 1848 und 1901, dass italienische Eliten in ihren Medien den Machterhalt anstrebten, was mit einer Widerstandsrhetorik gerechtfertigt wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts kam es in zunehmendem Maße zwischen slavisch` und italienisch` orientierten Medien zu einem rhetorischen "Wettbewerb um den exklusiven Opferstatus" und zu nationalem Exklusivismus, der mit sprachlichen Ausgrenzungsstrategien realisiert wurde . Die Analyse der risorgimentalen italienischen Medien in Lombardisch Venetien arbeitete mit Texten von 1846 und 1848. In diesen konstruierten Angehörige verschiedener gehobener` sozialer Schichten zunächst ein kollektives Unterlegenheitsgefühl, welches als Motivation für Appelle zur Mobilisierung und Stärkung der eigenen Identität diente. Der vor 1848 implizite Widerstand gegen die österreichische` Herrschaft wurde in diesem Jahr sprachlich offen praktiziert und die Rhetorik bediente sich statt der Opfermetapher nun der Symbole Helden und Märtyrer`. Die Untersuchung von Texten aus dem Jahr 1848 in Siebenbürgen ergab auch bei den Rumänen das defensive Opfer-Bild, nur dass die rumänischen Eliten der siebenbürgischen Nationalbewegung die Taktik eines sehr subtilen und impliziten rhetorischen Widerstandes nicht aufgaben und in ihren Texten der Kaiser` und Österreich` als Verbündete figurierten. Der politische Diskurs der Rumänen gegenüber ,Österreich` war rhetorisch eher defensiv und stellte auch eine kollektive Meinungsbildung in der anfänglichen Orientierungslosigkeit dar. Ein genauer Blick auf programmatische politische Texte aus tschechischen Medien in Böhmen aus den Jahren 1848 und 1849 zeigt spezifische historische kommunikative Praktiken in einer neu entstehenden (tschechischen) Öffentlichkeit. In den politisch-ideologisch unterschiedlich ausgerichteten Medien wurde an dem Projekt eines kollektiv vorgestellten Wir` gearbeitet, wobei aber die ideologischen Differenzen stark ausgebaut wurden, um die neue Diskursformation zu kolonisieren`. Die Analyse von serbischen Medien aus der Vojvodina, von 1848 und 1905, schloss auch nicht-politische Texte ein. Der antihegemoniale Wir-Diskurs, der sich 1848 erst noch als Subkultur entwickelte, war 1905 gefestigt und nahm teilweise bereits Züge einer Gegen-Hegemonie an, die in der Entstehung von interdiskursiven Bezügen bestand (u.a. über nicht-politische Texte), wie sie 1848 unvorstellbar gewesen waren, als man sich noch vornehmlich auf andere Diskurse bezog. Die Untersuchung der Machtverhandlungen im Verwaltungsdiskurs des böhmischen Schulwesens anhand von Aktenläufen aus den Jahren 1853 und 1900 zeigt, wie Machtverhältnisse im bürokratischen Diskurs verhandelt wurden. Die gewählte Textsorte vermittelt die Komplexität des habsburgischen Machtgefüges. So entsteht ein Bild der vergangenen Wirklichkeit in der Habsburgermonarchie, wie es nur durch Text- und Diskursanalysen gezeigt werden kann.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Nationale Projektbeteiligte
  • Michael Metzeltin, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
Internationale Projektbeteiligte
  • Peter H. Nelde, Katholieke Universiteit Brussel - Belgien
  • Elvio Guagnini, University of Trieste - Italien
  • Patrizia Cordin, Università di Trento - Italien
  • Monica Heller, University of Toronto - Kanada
  • Daniela Papadima, Humanitas Publishing House - Rumänien
  • Marius Sala, Rumänische Akademie der Wissenschaften - Rumänien
  • Liviu Papadima, University of Bukarest - Rumänien

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