Historisch-kritische Edition von Heimito von Doderers Roman ´Die Dämonen´ auf CD-ROM
Critical Edition of Doderers Dämonen on CD-ROM
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
-
DODERER HEIMITO VON,
CD-ROM,
DIE DÄMONEN,
LITERATURWISSENSCHAFT,
HISTORISCH-KRITISCHE AUSGABE,
ÖSTERREICHISCHE LITERATUR
Die überraschend lückenlose Reaktion der öffentlichen Medien auf den 100. Geburtstag Heimito von Doderers im Jahre 1996 hat einen der bedeutendsten österreichischen Autoren im In- und Ausland wieder neu ins Spiel gebracht und auf die Aktualität seines intendiert geschichtsmächtigen Erzählens aufmerksam gemacht. Der bedeutendste Roman des Autors, "Die Dämonen" (1956), stellt den wohl interessantesten - und hinsichtlich seiner verwickelten Entstehung auch dringendsten Gegenstand der Wiederbeschäftigung mit diesem Autor dar. Die Verquickung des Romans mit den politischen Irrwegen Doderers und der außergewöhnliche Umfang des Romans (1.350 Seiten) ist dabei zugleich die Ursache für eine rückständige Forschungssituation wie für den Bedarf nach einer kritischen Edition des Textes, in der ein neuer Forschungsstand zu erarbeiten ist. Der Materialumfang und die Verflechtung des Romans mit Tagebüchern, Notizheften und Kompositionsskizzen des Autors, zeigen jedoch die Grenzen konventioneller Editionsvorhaben im Rahmen einer Buchausgabe: Von Doderers Arbeitstechnik einen Begriff zu geben, das verlangt nach einem Höchstmaß anschaulicher Materialreproduktion und Benützerfreundlichkeit, die sich nicht in der Darbietung von Variantenverzeichnissen oder der Textsynopsen erschöpft, sondern die für die parallele Darstellung verschiedenster Materialien individuelle Standards zugrundelegt. Angesichts des Vorliegens einer autorisierten Fassung des Romans in Buchform soll der Grundstock einer historisch-kritischen Gesamtausgabe der Werke Doderers mit einer historisch-kritischen Edition der "Dämonen" auf einem elektronischen Datenträger (CD-ROM) gelegt werden, der sowohl die kommentierte Fassung wie die Präsentation früherer Fassungen und Parallelstellen im Bezug zum Text enthält. Unter Maßgabe des Prinzips der Textunmittelbarkeit und der Materialvollständigkeit, der Möglichkeiten einer Kommentarvernetzung und der unvergleichlich komfortablen Such- und Forschungsoptionen im Text soll der Wissenschaftlichkeit des Unternehmens durch ein für die wissenschaftliche Arbeit einerseits und für das praktikable Nachschlagen jedes Benutzers andererseits optimales Medium entsprochen werden. Die digitale Edition der "Dämonen" wird sowohl die Grundlage künftiger Buchausgaben des Textes darstellen als auch der Erweiterung des Projekts auf das Gesamtwerk und seiner Öffnung für die neuen Medien (Internet) dienen.
Die historisch-kritische Edition von Heimito von Doderers Roman Die Dämonen hatte vier zentrale Aufgaben: 1) die Edition eines gültigen Textes, 2) die detaillierte Darstellung seiner Entstehung, 3) die Kommentierung von Text und Romangenese sowie 4) die zugleich übersichtliche wie vernetzte Präsentation von Text(en), Kommentar(en) und Material(ien) auf CD-ROM. Ziel war eine CD-ROM-Edition, die - je nach spezifischem Erkenntnisinteresse - einen schnellen und komfortablen Zugriff auf gebündelt wie auf gestaffelt präsentierte Informationen zum Text gestattete. Die zentrale Intention läßt sich wie folgt zusammenfassen: die Überwindung der üblicherweise von den Herausgebern erzeugten (oder von diesen nicht aufgelösten) Komplexität historisch-kritischer Editionen durch die Rezipienten soll nicht länger die Voraussetzung für deren spezifische Erkenntnisse sein. Im Zuge des Projekts gelang es, eine Vielzahl neuer Erkenntnisse über Die Dämonen zu gewinnen, bestehende Erkenntnisse zu vertiefen und zahlreiche offene Fragen zu beantworten. Es fällt daher schwer, die wichtigsten Ergebnisse herauszugreifen und sie hier in ihrer Bedeutung - isoliert und in Kürze - zu beschreiben. In diesem Sinne seien hier drei Punkte angeführt. Verhältnis "Die Dämonen der Ostmark" zu Die Dämonen: Im Zuge seiner in mehreren Durchgängen erfolgenden Textrevision kürzte der Autor (gerechnet auf der Basis einer durchschnittlichen Dämonen-Seite) ca. 206 von insgesamt rund 555 Seiten; das entspricht etwa 37% der Textmasse der "Dämonen der Ostmark"; neu geschrieben und in den bestehenden Text eingefügt wurden rund 89 Seiten. Eine systematische Überprüfung der gekürzten Passagen ergab, daß im Gegensatz zum allgemeinen Kenntnisstand nicht nur Doderers Neukonzeptionen des Romans als ursächlich für Kürzungen und Überarbeitungen bzw. Interpolationen neuen Textmaterials anzusehen waren. Auch die von der Forschung bisher stets in den Vordergrund gestellte Ansicht, Doderer habe mit seiner Überarbeitung primär eine Bereinigung der in den frühen und mittleren 1930er Jahren bewußt gesetzten Bemerkungen antisemitischer Provenienz vornehmen wollen, erwies sich als von deutlich geringerer Bedeutung als angenommen. Es zeigte sich vielmehr, daß die Mehrzahl von Doderers Eingriffen in den Text im weitesten Sinne stilistisch begründet werden kann. Romangenese: Die Aufarbeitung der Genese der Dämonen zeigte weiters, daß Doderers theoretisch begründete Konzepte für die Entwicklung seines Romans eine weit geringere Rolle spielten als erwartet. Abgelegene Quellen wie etwa der als urban legend zu qualifizierende Zeitungsartikel: "Polypen schwimmen durch die Kanalanlagen" (Isar-Post, 14. 9. 1953) erwiesen sich dagegen als enorm produktiv für die Romangenese. Ganze Passagen und Inhalte des Romans wurden davon nachweislich direkt beeinflußt. Komplexität der Materie: Mit zunehmender Einarbeitung in die Materie erwies sich die über drei Jahrzehnte reichende Entstehungsgeschichte der Dämonen, die aufgrund politischer Irrwege des Autors, umfangreicher Textrevisionen und wiederholter, teils mehrjähriger Unterbrechungen der Niederschrift ohnehin als problematisch galt, als wesentlich komplizierter und komplexer, als dies bei Antragstellung des Projektes bekannt bzw. ersichtlich war. Die angesprochene Komplexität zeigte sich sowohl an den vielfältigen Aspekten von Doderers Textproduktion als auch an den zur Niederlegung der Kommentare und Reflexionen, mit denen er die Entstehung der Dämonen begleitete, zahlreich geführten Tages-, Skizzen- und Notizbüchern. Innerhalb dieser erhöhten Komplexität die Kontexte zu ermitteln, eine Ordnung herzustellen und zugleich die Übersicht zu wahren, ließ sich innerhalb des vorgesehenen Projektlaufzeit nicht abschließend bewerkstelligen. Aufgrund der bisherigen Arbeitsergebnisse und den wissenschaftlichen Perspektiven, aber auch angesichts des größeren Rahmens einer historisch-kritischen Ausgabe der Werke Heimito von Doderers erscheint eine Weiterführung des Projektes gleichwohl dringend geboten.