Kontextuelle und quantitative Bearbeitung der Funde und Befunde des Artemisions von Ephesos
Quantitative analysis of the archaeological evidence of the Artemision
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
-
EPHESOS,
ARCHITEKTUR,
ARTEMISION,
BAUPHASEN,
TOPOGRAPHIE,
KULTGESCHEHEN
Projektnummer: Forschungsprojekt P 13187 Projekttitel: Quantitative Analyse der archäologischen Evidenz im Artemision KURZBESCHREIBUNG DES PROJEKTES A: Die frühe Keramik aus dem Artemision von Ephesos Die Grabungen im Artemision von Ephesos unter der Leitung von Doz. A. Bammer haben seit 1965 ein bedeutendes griechisches Heiligtum der geometrischen und archaischen Epoche ans Licht gebracht. Dieses Projekt soll - in Zusammenarbeit mit anderen - einen Beitrag dazu liefern, die verschiedenen Aspekte des frühen Artemisheiligtums und seines Kultes zu erforschen. Gefäße aus Ton stellen die größte Materialgruppe unter den Funden. Ihr Spektrum reicht vom Kochtopf bis zur aufwendig bemalten Prunkvase. In der großen Menge und in der Vielfalt liegt das wissenschaftliche Potential der Keramik, das durch eine quantitative Auswertung erschlossen werden kann. Eine rasche und effektive Dokumentation der Materialfülle, die zu diesem Zweck bewältigt werden muß, ist durch die Entwicklung eines an die speziellen Bedingungen der Artemision-Grabung angepaßten digitalen Aufnahmesystems möglich geworden. Aus der Fundlage der einzelnen Gefäße und Fragmente innerhalb der Stratigraphie ergibt sich eine relative Abfolge. Nach dieser werden die Merkmale geordnet und ergeben als Endprodukt eine `diachrone Keramiktypologie` des Fundortes Ephesos, d.h. eine nach der Entstehungszeit gegliederte Übersicht über die hier vertretenen Gefäßformen und deren Wandel. Diese Typologie liefert ihrerseits die Grundlage für die Datierung der Schichtenfolge und der darin eingebetteten Architektur. Bemalte Feinkeramik gehört zu den wichtigsten Zweigen des Kunsthandwerks in frühgriechischer Zeit. Den Beitrag der Töpfer und Vasenmaler von Ephesos zu erforschen, ist ein weiterer Schwerpunkt dieses Projektes. Analysiert man Gefäße aus einem geschlossenen Kontext nach ihrer Form, so erhält man wichtige Aufschlüsse über den ursprünglichen Zweck dieses Fundensembles. Daraus lassen sich Grundzüge des Kultgeschehens im Artemision rekonstruieren. So konnten bereits Opfermahle mit gebratenen und gekochten Speisen und reichlich Weingenuß nachgewiesen werden. Keramik ist auch ein wichtiges Zeugnis der antiken Wirtschaftsgeschichte. Die Herkunft der Importstücke und ihr Mengenanteil geben Aufschluß über die Kontakte des frühen Ephesos zu anderen Regionen der Mittelmeerwelt und deren Intensität. Voraussetzung ist die Bestimmung der Herkunft eines Gefäßes, die mit Hilfe archäometrischer Methoden heute objektivierbar geworden ist. In interdisziplinärer Zusammenarbeit Prof. H. Mommsen (Bonn) und Dr. R. Sauer (Wien) sollen die Fabrikate je nach ihrer Beschaffenheit mit chemischen und/oder mineralogischen Methoden analysiert und ihren Produktionsorten zugeordnet werden. B: Korinthische Importkeramik und archaische Trinkschalen aus dem Artemision von Ephesos Ziel des Projekts, das in engem Zusammenhang mit dem Projekt "Die frühe Keramik aus dem Artemision von Ephesos" steht, ist die Bearbeitung der "Korinthischen Importkeramik" und der "Archaischen Trinkschalen" aus den Grabungen von Doz. A. Bammer ab 1965. Von der Korinthischen Keramik werden die Funde der Grabungen nach 1991 bearbeitet. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Bezug der Korinthischen Keramik zur Stratigraphie. Die relativ gut erforschte korinthische Keramik ist in den Fundkontexten des Artemisions zahlreich vertreten und bietet so eine ausgezeichnete Voraussetzung, Anhaltspunkte für eine genauere Datierung der weniger gut erforschten ostgriechischen und westanatolischen Keramikgattungen herauszufinden. Die Archaischen Trinkschalen stellen die zahlenstärkste Einzelgruppe im keramischen Fundspektrum des Artemisions dar. Für die beiden Gruppen Vogelschalen und Knickrandschalen (sog. "Ionische Schalen") gibt es Bedarf an einer zeitlich differenzierten ("diachronen") Typologie, die für die Auswertung der Stratigraphie von besonderer Bedeutung ist. Die zur Zeit benutzten Typologien bedürfen einer Überarbeitung und einer Anpassung an den spezifischen Bestand von Ephesos. Die Vogelschalen haben sich als Produkte eines nordionischen Zentrums erwiesen. Bei den Knickrandschalen ist nach den ersten Ergebnissen der archäometrischen Fabrikatsbestimmung ein bedeutender Eigenanteil ephesischer Töpfer zu erwarten. Zunächst wird mit Hilfe eines Binokularmikroskopes eine Musterkollektion der in Ephesos vorkommenden Fabrikate erstellt. Die Trennung der Gruppen muß anschließend von dem Naturwissenschaftler verifiziert werden. Darüber hinaus sollen Fragen des Kultablaufes und der antiken Handelsbeziehungen in Kleinasien und der Ägäis erörtert werden. Das Material soll in Ephesos digital erfaßt sowie zeichnerisch und photographisch dokumentiert werden. Um eine statistische Auswertung der großen Fundmenge möglich zu machen, wird das bereits 1997 entwickelte digitale Dokumentationssystem herangezogen und ständig weiterentwickelt. Somit entsteht ein Modul für die umfassende digitale Grabungsdokumentation. C: Die Bronzefunde aus dem Artemision von Ephesos Die Bronzen aus den Grabungen A. Bammers von 1965 bis 1994 stellen sowohl zahlenmäßig (ca. 4880 ganz und fragmentarisch erhaltene Stücke) als auch in bezug auf die Objektvielfalt (Schmuck, Waffen, Gefäße, Geräte) einen bedeutenden Fundkomplex dar. Einzelne Beispiele wurden bereits publiziert; nun sollen die Bronzen in ihrer Gesamtheit und im Fundkontext vorgelegt werden. Im Zuge des vom FWF unter der Nummer P 11033-SPR geförderten Projektes wurden von Mag. Gudrun Klebinder alle Bronzen aufgenommen und klassifiziert und ein Katalog derjenigen Stücke erstellt, die für eine stilistische und stratigraphische Analyse aussagekräftig sind. Auf der Basis der Stratigraphie, Herstellungstechnik und Formanalyse werden zunächst die Chronologie und Typologie erstellt. Besonders bedeutend ist, daß die Bronzen aus dem Artemision stratigraphisch ergraben sind und dadurch auch in ihrem Kontext beurteilt werden können. Durch vergleichende Studien mit Bronzen anderer Fundorte können die Bronzen aus dem Artemision in einen größeren Rahmen eingeordnet und innerhalb der allgemeingültigen Chronologie und Typologie diskutiert werden. Durch das breite Formenspektrum sind von den Bronzen aus dem Artemision neue Aspekte zur Kunstgeschichte der griechischen Bronzen zu erwarten. Innerhalb des Artemisions ist der Zusammenhang mit den anderen Fundgattungen und den architektonischen Überresten zu untersuchen. Zu klären ist die Bedeutung der Bronzen für das Kult- und Opfergeschehen im Artemision und ihr Bezug zum Wesen des Artemiskultes. Angesichts der großen Menge an Bronzegegenständen ist eine Produktion in Ephesos selbst anzunehmen. Es muß untersucht werden, ob sich Metallwerkstätten im Heiligtumsbereich nachweisen lassen. Es ist zu klären, ob unter den Bronzen des Artemisions Importe aus anderen Kulturen zu identifizieren sind. Diese könnten Auskunft über die Ausstrahlung des Heiligtums und über kulturelle Kontakte geben. Ionien zählt auf dem Gebiet der Metallkunst zu den am wenigsten erforschten Landschaften. Die Untersuchung der Bronzen aus dem Artemision soll dann beitragen, die Rolle Ostgriechenlands als Vermittler von Technologie und Formengut besser zu verstehen. D: Topographie und Architektur des Artemisions von Ephesos vor der Kroisoszeit Im Artemision von Ephesos wurden in langjähriger Grabungstätigkeit seit 1965 unter der Leitung von Univ.-Doz. A. Bammer zahlreiche Gebäudereste der archaischen und geometrischen Periode freigelegt. Diese frühe Bebauung ist nicht nur für die Geschichte des ephesischen Artemisheiligtums von Bedeutung, sondern auch für die Entwicklungsgeschichte früher griechischer Heiligtümer im allgemeinen, besonders da nur sehr wenige Heiligtümer großflächig wie das Artemision ergraben werden konnten. Die Baureste, die alle durch den großen kroisoszeitlichen Tempel (ca. um 570 v.Chr.) überbaut worden sind, gehören zu kleineren Tempeln, Altären, und rechteckigen Steinbasen (sog. Kultbasen). Ein kleiner mit Säulen umstandener Tempel im Zentrum des vorkroisoszeitlichen Heiligtums, ist als eines der frühesten Beispiele für einen griechischen Ringhallentempel für die archäologische Forschung von besonderem Interesse. Im unmittelbaren Bereich einiger Bauten wurden zudem zahlreichen Funde entdeckt, die wichtige Hinweise auf das einstige Kultgeschehen geben. Durch das archaische kroisoszeitliche Artemision und den zugehörigen vorgelagerten Altar wurden alle früheren Gebäude überdeckt. Die zeitliche Aufeinanderfolge dieser Vorgängerbauten und ihr funktionaler Zusammenhang untereinander ist im Detail noch nicht geklärt. Es zeigt sich, daß bei Baumaßnahmen im Artemision die Dynamik der Flüsse und der hohe Grundwasserspiegel berücksichtigt werden mußten. Bei einer Untersuchung der Bauentwicklung im Artemision sind außer Fundamenten und aufgehenden Mauern auch Befestigungsmaßnahmen gegen Überschwemmungen zu untersuchen, die sich im Grabungsbefund z.B. als gepflasterte Böden und Böschungsmauern abzeichnen. Für eine Aufarbeitung der Grabung und für ein Verständnis des Kultgeschehens im Artemision ist es notwendig, die Schichtenabfolge und die Fundgattungen mit den Arealen und Gebäuden des Heiligtums in Beziehung zu setzen. Durch die Digitalisierung des Gesamtplanes und die Aufnahme der verschiedenen Fundgattungen in Datenbanken wird es unter weitgehender Automatisierung möglich sein, die Fundverteilung in Zusammenhang mit den Bauten des Artemisions in Form von Fundverteilungskarten darzustellen. Ein weiteres Ziel ist die Datierung, Beschreibung und graphische Darstellung der einzelnen Bauphasen des Artemisions vor der Kroisoszeit. Die enge Zusammenarbeit mit der Fundbearbeitung wird es ermöglichen, die einzelnen Gebäude stratigraphisch zuzuordnen und genauer als bisher zu datieren.
- Universität Wien - 100%
- Anton Bammer, assoziierte:r Forschungspartner:in
- Fritz Krinzinger, Österreichische Akademie der Wissenschaften , assoziierte:r Forschungspartner:in