Klientelismus und Senioritätsprinzip in Südosteuropa (19./ 20. Jh.)
Clientelism and the principle of seniority in the Balkans
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (50%); Soziologie (50%)
Keywords
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SÜDOSTEUROPA,
ALTERSFORSCHUNG,
KLIENTELISMUS,
SOZIALSTRUKTUREN,
DALMATIEN,
SERBIEN
Die Stützen der patriarchalen Strukturen auf dem Balkan bildeten Patrilinearität, Männervorrang und Seniorität. Das Element der Seniorität, des Altersvorzugs bzw. der Altenherrschaft, schließt in der internationalen Forschungsdiskussion an zwei Forschungsfelder an: an die Alters- und an die Klientelismusforschung. Beide Felder sind hinsichtlich Südosteuropa kaum bzw. nur in Ansätzen wissenschaftlich bearbeitet und eignen sich hervorragend für transkulturelle Vergleichsstudien, Das vorliegende Projekt strebt so eine Vergleichsstudie an. Es soll darum gehen, die Herrschaft der Älteren, das ist hier in zweierlei Hinsicht - in kalendarischer und in klassifikatorischer - zu verstehen, sowohl in der privaten als auch in der öffentlichen Sphäre für die westbalkanischen Zonen Südosteuropas zu erforschen und diese mit dem mediterranen ostadriatischen Raum zu vergleichen. Gesellschaften mit patrilinearer Verwandtschaftsorganisation, wie auf der westlichen Balkanhalbinsel, verwenden Patenschaftsbeziehungen zum Aufbau externer Allianzen. Im Gegensatz dazu bildeten sich in den mediterranen Teilen Südosteuropas seit der Antike Patron-Klient-Beziehungen aus. In diesen Gebieten war vielfach der Patron auch gleichzeitig Pate. In Patenschaftsbeziehungen ist der Pate jeweils der klassifikatorisch Alte, unabhängig von seinem chronologischen Alter. Das Prinzip der Seniorität bedeutet hingegen die Herrschaft der Väter über ihre Söhne und der älteren Brüder über ihre jüngeren Brüder. Hier ist nicht das klassifikatorische Alter sondern das relative Alter bzw. der Generationenabstand innerhalb des Haushaltes entscheidend. Wenn man nun von einer Herrschaft der Alten spricht, muß man allerdings bedenken, daß bedingt durch die demographische Situation noch im 19. Jahrhundert nur 10 Prozent der Haushaltsvorstände älter als 50 Jahre waren. Durch die einsetzenden Modernisierungsprozesse seit dem Ende des 19. Jh. erlangte das chronologische Alter einen immer stärker werdenden Einfluß auf den life course der Menschen in Südosteuropa, wodurch es schließlich zu einer weitgehenden Standardisierung der Lebensläufe kam. Die wesentlichen Eckpunkte dafür sind die allgemeine Schulpflicht, der Eintritt ins Erwerbsleben und staatlich garantierte Alterspensionssysteme. Aufgrund von englischen Daten wurde bereits eine allgemeine Theorie des Alterns entwickelt, die im Rahmen dieses Forschungsprojektes auf ihre Anwendbarkeit für Südosteuropa überprüft werden soll. Parallel soll untersucht werden, wie politische Strukturen mit ihrer sozialen und kulturellen Umwelt interagieren. Dies bedeutet im vorliegenden Fall eine Analyse des Verhältnisses von Politik und traditioneller Verwandtschafts- und Allianzorganisation. Die Arbeit in unserem Projekt soll auf zwei Problemkontexte fokussiert werden. In einem ersten Schritt wird es darum gehen, die Beziehung zwischen Verwandtschaft, Seniorität und Klientelismus im westlichen Balkangebiet bzw. im mediterranen Dalmatien vor dem Einsetzen beschleunigter Modernisierungsprozesse in unserem Jahrhundert bzw. vor den massiven sozialistischen Umgestaltungen genauer zu untersuchen. Im zweiten Schritt gilt es dann der Frage nachzugehen, inwieweit Verwandtschaft, Seniorität und Klientelbeziehungen auch gegenwärtig noch eine wichtige Rolle in Politik, Wirtschaft und Alltag zukommt.
- Universität Graz - 100%
- Michael Mitterauer, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in