Zur Geschichte der psychoanalytisch- pädagogischen und individualpsychologischen Erziehungsberatung in Wien von 1920 bis zur Gegenwart: Historische Entwicklungslinien und gegenwärtige Institutionalisierung
Depth psychological Educational Guidance in Vienna since 1920
Wissenschaftsdisziplinen
Erziehungswissenschaften (34%); Psychologie (66%)
Keywords
-
PSYCHOANALYTISCHE PÄDAGOGIK,
ERZIEHUNGSBERATUNG,
INDIVIDUALPSYCHOLOGIE,
TIEFENPSYCHOLOGIE,
GESCHICHTE DER PÄDAGOGIK,
GESCHICHTE DER PSYCHOANALYSE
Das vorliegende Forschungsprojekt heißt "Zur Geschichte der psychoanalytisch-pädagogischen und individualpsychologischen Erziehungsberatung in Wien von 1920 bis zur Gegenwart: Historische Entwicklungslinien und gegenwärtige Institutionalisierung". Der erste Forschungsschritt beinhaltet die wissenschaftliche Aufarbeitung und Evaluation von Informationen und Archivmaterialien aus der Zeit zwischen 1920 und 1970, die bislang noch nicht wissenschaftlichen Zwecken zugänglich waren. Den zweiten Schritt stellt die Analyse der Bedeutung jener Erfahrungen und konzeptuellen Entwicklungen für aktuelle Tendenzen der Institutionalisierung von Erziehungsberatung dar. Die Untersuchung umfaßt Interviews mit Personen, die eine wichtige Rolle in der Entwicklung tiefenpsychologisch orientierter Erziehungsberatung gespielt haben. Darüber hinaus wird das folgende unpublizierte Archivmaterial analysiert: Beratungsprotokolle aus dem Nachlaß von Oskar Spiel und Protokolle der Erziehungs- und Kinderberatungsstelle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, Materialien der August Aichhom Gesellschaft, des Österreichischen Vereins für Individualpsychologie und dem Nachlaß Rosa Dworschak. Außerdem sollen Informationen aus nichtwissenschaftlichen Publikationen der Zwischenkriegszeit und Aufsätze aus schwer auffindbaren Zeitschriften und Schriftenreihen weitere Einsichten in die Entwicklung tiefenpsychologisch orientierter Erziehungsberatung ermöglichen. Die Institutionalisierung tiefenpsychologisch orientierter Erziehungsberatung wird dabei unter dem Gesichtspunkt der "Adressaten" bearbeitet, an die sich Erziehungsberatung richtete und richtet. Darüber hinaus sollen Methoden tiefenpsychologisch orientierter Erziehungsberatung und Probleme der Aus- und Weiterbildung von Beratern erforscht werden. Ziel des Forschungsprojekts ist es, ein umfassendes Verständnis der Entwicklung und Konzeption von tiefenpsychologisch orientierter Erziehungsberatung zwischen den frühen 1920ern und den späten 1960ern zu erlangen und ihre Einflüsse für aktuelle Tendenzen tiefenpsychologischer Erziehungsberatung zu erforschen.
In den ersten Jahrzehnten des 20 Jahrhunderts wurde die Tiefenpsychologie durch Sigmund Freud und Alfred Adler begründet. Vertreter der Psychoanalyse und Individualpsychologie entwickelten nicht nur psychotherapeutische Konzepte, sondern auch Konzepte der Erziehungsberatung, insbesondere Beratungskonzepte für die Beratungstätigkeit in den verschiedenen Bereichen der Erziehung. Ihr Engagement für die Erziehungsberatung mit Eltern, Lehrern, Kindern und Jugendlichen sowie ihre wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu diesem Thema waren wichtige Beiträge innerhalb des Prozesses der Entstehung der Psychoanalytischen Pädagogik (i.e. "Psychoanalyse in der Erziehung" als einem speziellen Bereich innerhalb der Erziehungswissenschaft). Dennoch wußte man bislang recht wenig über: - den institutionellen Rahmen, innerhalb dessen Erziehungsberatung angesiedelt war; - den sozialen Hintergrund der Klienten der Erziehungsberatung; - die Entwicklung spezieller Methoden ("Techniken") der Erziehungsberatung; - die Ausbildung der Erziehungsberater (Ausbildungscurricula und Methoden). Der Untersuchung dieser vier Interessensschwerpunkte war das Forschungsprojekt gewidmet. Dokumente aus Wiener Archiven wurden ausgewertet; Zeitungsberichte und wissenschaftliche Zeitschriften wurden im Hinblick auf nach 1918 erschienene Beiträge untersucht; noch lebende Psychoanalytiker und Individualpsychologen, die die Entwicklung der tiefenpsychologischen Erziehungsberatung beeinflußt und vorangetrieben haben, wurden interviewt. Auf diesem Material aufbauend wurden die Grundzüge einer "Geschichte der Erziehungsberatung in Wien" in zahlreichen Aspekten nachgezeichnet, die hauptsächlich die folgenden Entwicklungen betrafen: August Aichhorns Aktivitäten im Wiener Jugendamt und innerhalb der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV); die enge Beziehung zwischen Individualpsychologen und privaten Fürsorgeeinrichtungen und deren Bedeutung dafür, daß schließlich 28 Beratungseinrichtungen aufgebaut werden konnten, wo Individualpsychologen kostenlos arbeiteten; die Beratungsaktivitäten von Fritz Redl, der nach dem 2. Weltkrieg in den USA ein bekannter Wissenschaftler wurde mit seinen Studien über "Kinder, die hassen"; die Begründung der Child Guidance Clinics (Institute für Erziehungshilfe) in den späten 40er Jahren; die Entwicklung eines dreijährigen Ausbildungsprogrammes für psychoanalytisch-pädagogische Erziehungsberater; und die Dokumentation von Forschungsberichten zum Thema Erziehungsberatung, die in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts von Wiener Wissenschaftlern veröffentlicht worden sind. Besondere Aufmerksamkeit wurde den politischen Veränderungen, die Österreich 1934, 1938 und 1945 erfuhr, sowie den einschneidenden Konsequenzen gewidmet, die diese politischen Ereignisse für die Entwicklung der Konzepte und institutionellen Eingebundenheit von Erziehungsberatung zeitigte. Mit dem Augenmerk auf die Erziehungsberatung in Wien konnte im Detail gezeigt werden, auf welche Weise diese politischen Veränderungen die Entwicklung der Erziehungsberatung in ihrer Gesamtheit für Jahrzehnte beeinflußten. Die Ergebnisse dieses Forschungsprojekts umfassen sowohl die frühen Anfänge der tiefenpsychologischen Erziehungsberatung als auch deren weitere Entwicklungslinien. Der Forschungsbericht ist deshalb ein Beitrag zu einer umfassenden Geschichte der psychoanalytischen Pädagogik.
- Universität Wien - 100%
- Harald Leupold-Löwenthal, Vereinsrechtl. F&E-Einrichtung , assoziierte:r Forschungspartner:in