Tiroler Namenbuch - Paznaun und Stanzertal
Tyrolean Place-Names
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
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TIROLER NAMENBUCH,
PAZNAUN,
STANZERTAL,
NAMENKUNDE,
FLURNAMEN
Anschließend an das Projekt TIROLER NAMENBUCH - WESTTIROL, das die Namen am oberen Tiroler Inn erfaß t und die ersten drei Gemeinden noch 1997 in Druck bringen wird, möchten wir auch das angrenzende Paznaun und Stanzertal bzw. den Bezirk Landeck flurnamenmäßig erfassen. Wie die Erfahrung der letzten Jahre zeigt steigt das Interesse der Heimischen, auch breiterer Bevölkerungsschichten, an namenkundlichen Arbeiten, da man sieht wie Namen verloren gehen. Der Hauptgrund für das Abgehen der Namen liegt in der rasanten Rückläufigkeit der bäuerlichen Bewirtschaftung (Skipisten statt Bergmähder, Tourismus statt Almwirtschaft), im Siedlungsausbau und Straßenbau (Autobahnen, Schnellstraßen, Umfahrungen oder Forstwege). Doch auch die moderne Zeit braucht Namen und Situierungshilfen, sei es auf Wanderkarten, in Prospekten oder bei Hubschrauber- Bergungen. Tirol ist Grenzland, sehr traditionsbewußt und heute im Umbruch. Zur Selbstbestimmung und Selbstfindung gehört auch die Namenlandschaft. Und in diesem Sinne ist die Sammlung, Situierung und Beschreibung unserer Namen und zwar als Erfassung vorerst der wichtigste Punkt, unabhängig von der "Herkunftserklärung", der Etymologie. Historische Belege und wirtschaftsgeschichtliche Hinweise sind Wegweiser dazu, jedoch in Archiven auch später noch erfaßbar, ganz im Gegensatz zu den lebendigen Namen. Sehr oft helfen in den Tiroler Bergen nur mehr die Namen, um Besiedlungs- und Nutzungsgeschichte der Kulturlandschaft aufzuhellen. Namen als Zeugen der Vor- und Frühgeschichte sind daher wichtige Dokumente, die zu erhalten sind.
In den dreißig Gemeinden des Tiroler Bezirks Landeck sind die noch bekannten und verwendeten wie auch die abgegangenen Flurnamen zuerst in Listen gesammelt worden. Mit Hilfe der heimischen Bevölkerung, insbesondere der Chronistinnen und Chronisten sowie einiger Vorarbeiten (W. Vogt, K. Finsterwalder) haben wir zwischen 150 und 1400 Namen je Gemeinde erhoben und aufgeführt mit Aussprache, Situierung bzw. Kurzbeschreibung und den wichtigsten Urkundenformen (i.a. Theresianischer Kataster von 1775), bisher insgesamt 430 Seiten PC-Ausdruck (10 Punkte). Das anfängliche Konzept, alle gesammelten und dokumentierten Namen auch zu deuten, mußte in Anbetracht der stark unterschätzten Zahl der Namen (gegen 1500 in großen Talschlußgemeinden) und der häufig inexistenten Vorarbeiten (historische Formen fast nur in handschriftlichen Urkunden) bald auf das oberste Tiroler Inntal eingeschränkt werden. Im Druck erschienen ist Spiss sowie mehrere Aufsätze in Dorfbüchern wie Serfaus und Galtür und in Fachperiodika, weitere Dorfbücher zu Nauders, Pfunds und Fliess sind im Entstehen. Da entsprechende Datenmengen (insgesamt etwa 15 000 Namen ohne Varianten) zuerst in Ermangelung geeigneter Programme und leistungsfähiger Hardware als Textdatei angelegt wurden, mußte diese später in eine Datenbank umgesetzt werden, wobei Transkription der Namen (mit Sonderzeichen) und besonders das Situierungssystem der Namen auf Karten (Koordinaten zu Planquadraten) uns vor Probleme gestellt haben, die wir mit Hilfe der Geographen für den Musterfall Spiss und Nauders gelöst haben, die aber ohne gute Kartengrundlage (d.h. mit Siedlung, Höhenlinien, Felszeichnung und ohne Namen; Maßstab 1: 10 000) derzeit finanziell außer Reichweite zu liegen scheinen. Die bisherigen Ergebnisse werden wir als Namendateien im Druck weiterhin gemeindeweise vorlegen, soweit man es mir ermöglicht, damit weitergearbeitet werden kann: a) an einer breiteren historischen Belegsammlung, b) an einem Gesamttiroler Ortsnamen-Repertorium, c) an den für ein Tourismusgebiet grundlegenden und unersetzlichen Flurnamenkarten. An diese Voraussetzungen ist jede seriöse Ortsnamendeutung gebunden, die auch als Grundlage für Siedlungsgeschichte, Ortsentwicklung und Selbstdarstellung eine Ortes unersetzlich sein dürften. Wie die namenkundlichen Beiträge von Projektmitarbeiter(inne)n, die sehr gefragt sind bei landeskundlichen Publikationen, in mehreren Bereichen gezeigt haben, ist zwar die Namenkunde (ON-Forschung wie PersN- Forschung) in unserem Universitätsbetrieb kaum mehr präsent, im internationalen Forschungsbetrieb jedoch in Politik (Mehrsprachigkeit, Minoritäten), in der Wirtschaft (Tourismus, Werbung) und natürlich in Sprachwissenschaft und historischen Teilbereichen wichtig und unabdingbar, wie entsprechende Bemühungen in den Nachbarländern uns nahelegen. Es geht dabei um arbeits- und kostenintensive längerfristige Arbeiten, die aber in Berggebieten Aufschluß geben können über Gefahrenzonen (Benennungen alter Lawinenzüge und Murengänge), über Sumpf- und Quellgebiete, aufgegebene Siedlungsgebiete oder Wüstungen und über Witterungseinflüsse und besondere Vegetationsstandorte. Von Interessenten haben wir erfahren, daß Wandern und Bergradeln oder auch alpines Rettungswesen ohne zuverlässige Gebietskarten mit Orts- und Flurnamen nicht auskommen.
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