Ludwig Gumplowicz (1838-1909): Ein polnisch-jüdisch-österreichischer Soziologe. Rekonstruktion einer Biographie
The Life of Ludwig Gumplowicz
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (100%)
Keywords
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GESCHICHTE DER SOZIOLOGIE,
JUDEN IN KRAKAU,
WISSENSCHAFTSGESCHICHTE,
GUMPLOWICZ-BRIEFWECHSEL,
ÖSTERREICHISCHE SOZIOLOGIE
Der 1838 in Krakau geborene und 1909 in Graz gestorbene Ludwig Gumplowicz gilt als einer der frühen "Klassiker" einer wissenschaftlichen Soziologie und findet daher in allen umfassenden Darstellungen zur Geschichte dieses Faches Erwähnung. Dennoch weist der bisherige Forschungsstand zu Leben und Werk von Gumplowicz erhebliche Lücken und vernachlässigte Fragen auf; dieses Manko so weit wie möglich zu beseitigen und damit die Grundlagen für eine wissenschaftliche Biographie zu schaffen, war das Erkenntnisziel des Projekts. Im einzelnen handelt es sich dabei um folgende Themen und Probleme: - Das Hauptinteresse an Gumplowicz richtete sich in der neueren Sekundärliteratur auf eine ideengeschichtliche Einordnung seines soziologischen Werkes. Dieses ist dem Positivismus verpflichtet, versteht das gesellschaftliche Leben vorrangig als einen Kampf sozialer Gruppen und steht somit am Beginn einer soziologischen Konflikttheorie. Vergleiche mit Comte, Spencer, Durkheim und Simmel drängen sich hier auf. Im Projekt konnte hingegen gezeigt werden, daß eine rein soziologiegeschichtliche Perspektive zum Verständnis des Werkes von Gumplowicz nicht ausreichend ist. Es war nämlich vor allem die Auseinandersetzung mit den um die Mitte des 19. Jh. im deutschsprachigen Bereich vorherrschenden Systemen der Rechtstheorie und der Staatslehre (u. a. Ahrens, Bluntschli, Mohl, Stein), durch die Gumplowicz zur Formulierung eines eigenen soziologischen Programms gelangte. Daneben war er besonders durch das ethnologische Schrifttum eines Bastian beeinflußt. - Gumplowicz lebte bis 1875 in Krakau, wo er als Jurist und Journalist tätig war und mit einem Habilitationsversuch 1868 scheiterte. Um seine denkerische Entwicklung in dieser Zeit zu rekonstruieren, war es nötig, auf seine in polnischer Sprache verfaßten und in der Sekundärliteratur bislang nur punktuell berücksichtigten Werke einzugehen. Eine Schlüsselstellung nehmen dabei die "Acht Briefe aus Wien" sowie die in der Zeitung "Kraj" erschienenen Artikel ein. Diese polnischen Schriften wurden sodann mit jenen zwischen 1875 und 1885 publizierten deutschsprachigen Werken verglichen, in denen er seine Soziologie entwickelte. Erstmals können nun die Kontinuitäten und Brüche genau benannt werden, die es im Denken von Gumplowicz gegeben hat. - Durch die Projektarbeit wird es möglich sein, den spezifischen soziologischen Denktypus zu präzisieren, durch den sich Gumplowicz - entgegen seiner eigenen Einschätzung - nicht nur als ein "Kind" des 19. Jh. erweist, sondern als unfähig zeigt, jene Entwicklungen angemessen zu berücksichtigen, die in einer Analyse der Moderne im Vordergrund stehen. - Gumplowicz verfaßte auch in seiner Grazer Zeit eine Reihe polnischer Artikel, die zum Teil wissenschaftlichen, zum Teil politischen Inhalts sind. Wie er zu einem spezifischen Publikum spricht, erlaubt vor allem Rückschlüsse auf seine politisch-nationalen Vorstellungen. Er erscheint hier als ein Mann, dessen Herz zwar für die polnische Unabhängigkeit schlägt, der sich aber einen Zerfall des Habsburgerreiches nicht vorstellen konnte. - Durch die Erschließung von mehr als 1500 Seiten Material aus vor allem polnischen Archiven läßt sich nun genau rekonstruieren, wie Gumplowicz versuchte, seiner Soziologie durch die Knüpfung wissenschaftlicher Netzwerke und die Protegierung von Schülern Geltung zu verschaffen. Vor allem die immens umfangreiche Korrespondenz vertieft unser Wissen über die frühe Soziologie und läßt sich für wissenschaftssoziologische Analysen auswerten.
- Universität Graz - 100%