Identität, Kohäsion, Eingliederung:das premyslidische regnum
Identity, Cohesion, Inclusion: Premyslid regnum
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (90%); Soziologie (10%)
Keywords
-
Periphery,
Middle Ages,
Identities,
Premyslids,
Community,
Holy Roman Empire
1. Inhalt des Projektes In meinem Projekt beabsichtige ich zuerst die in tschechischen Ländern bis 1306 verfassten Nekrologien mit den wichtigsten Handschriften der Chronik von Kosmas zu analysieren, um zu zeigen, in welchem Ausmaß diese Texte zur Herausbildung der sozialen Kohäsion der premyslidischen Monarchie beitragen konnten. Im nächsten Schritt werde ich mich einer Gruppe der normativen, in Ostmitteleuropa benutzten Handschriften und Texte widmen, die das Nachleben der karolingischen Kultur beweisen und als Indizien der Eingliederung dieses Raumes ins christliche Europa dienen können. 2. Hypothesen Nekrologische Einträge bilden einen Teil der aktiv konstruierten historischen Memoria und haben das Potenzial uns zu zeigen, welche Persönlichkeiten von der Kirche besonders geehrt worden sind und als wichtige Knotenpunkte im Netzwerk der Toten und Lebendigen im Rahmen der böhmischen Gesellschaft gedient haben. Der Text der Chronik von Kosmas (1045-1125) ist ziemlich stabil gewesen und seit dem 12. Jh. ist er als Referenztext benutzt worden. Um seine Rolle besser zu verstehen, müssen wir auch seine Überlieferung kennenlernen. Obwohl das Imperium der Karolinger verschwunden ist, werden die karolingischen Texte weiterhin kopiert und benutzt. Um die Frage beantworten zu können, warum und wie sie auch in ostmitteleuropäischen Monarchien abgeschrieben worden sind, müssen wir diese späteren Kopien mit früheren Abschriften vergleichen. Damit werden wir die Mechanismen der Integration dieses Raumes in die Strukturen des christlichen Europa besser kennenlernen. 3. Methode Die wichtigste Rolle wird die Komparation spielen, da nur durch den Vergleich von verschiedenen Texten und Handschriften die Ähnlichkeiten und Unterschiede auftauchen, die uns als wertvolle Quelle dienen werden. 4. Innovatives Potential Bisher wurden die Nekrologien in der tschechischen Historiographie nur als nützliche Quelle für die Genealogie betrachtet, aber eine systematische Analyse dieser Einträge wurde nie unternommen. Deshalb sind sie noch nicht als ein wichtiger Teil der historischen Memoria thematisiert. Die Frage, welche Personen vergessen worden sind und welche man mehr als einmal findet, blieb unbeantwortet, obwohl sie uns ermöglicht zu sehen, wie die Premysliden in verschiedenen Epochen und Regionen konstruiert worden sind. Soziale Imagination wird damit Teil der klassischen sozialen Geschichte. Auch die Handschriften der Chronik von Kosmas erfreuten sich nicht der Aufmerksamkeit der neueren Historiographie. Ihr Studium wäre aber wieder ein wichtiger Beitrag zur Erkenntnis des historischen Bewusstseins der böhmischen Länder während der Herrschaft der Premysliden. Obwohl der Einfluss der karolingischen Rechtsbücher in Ostmitteleuropa des 11. Jhs. nicht ganz unbekannt ist, wurde er nie in der komparatistischen Perspektive untersucht. Auch dieser Mangel wird bei diesem Projekt behoben.
Auf welche Art und Weise die menschlichen Gemeinschaften gestaltet werden, wie sich der Mensch als Glied einer solchen Gemeinschaft mit dieser identifizierte und darüber hinaus mit Hilfe welcher Mittel sich dieses künstliche Sozialgebilde in breitere Strukturen einzugliedern weiß, das alles sind mögliche natürlich weitaus nicht alle Fragen, welche die Menschheit seit den Anfängen ihrer Geschichte diskutierten und immer noch diskutieren. Und eben das Wiener Institut für Mittelalterforschung und im Besonderen seine Identitätsforschungsgruppe zählt zu den führenden Forschungszentren in Europa, welche sich mit solchen Fragen beschäftigt und diese Problematik besonders an dem Beispiel der spätantiken oder frühmittelalterlichen (c. 300-1000) menschlichen Gruppen studiert. Im Rahmen dieses Projektes wurden folgende Methoden und Methodologien, welche in Wien entfaltet worden sind, anhand von Böhmen des 10.13. Jahrhundert getestet. Es hat sich gezeigt, dass: 1. die mittelalterlichen Kopien einer wichtigen böhmischen mittelalterlichen Chronik verfasst von Cosmas von Prag um 1120 zunächst als 1.1. Zeugnis der Kommunikation zwischen dem Zentrum in Prag und lokalen Kirchen zu betrachten ist, die ihre Geschichten sorgfältig in die große Geschichte eingegliedert haben; 1.2. ferner als ein Beispiel der sich immer verwandelnden Botschaft der Texte verstanden werden können. Der Text der Chronik ist zwar in einer fast nicht geänderten Gestalt abgeschrieben und weitergegeben worden, doch in seinen fünfzehn mittelalterlichen Handschriften modifiziert seine Mitteilung wesentlich der Kontext von mannigfachen anderen Texten, mit denen die Chronik abgeschrieben worden ist Cosmas und seine Chronik der Böhmer wurde in den Handschriften mit den Chroniken von Rom, oder derjenigen von Sachsen parallelisiert, oder nur aus der lokalen Perspektive weiter kommentiert und fortgesetzt. Das bezeugt, das diese Chronik noch bis zum 15. Jahrhundert in Böhmen und Mähren intensiv benutzt und reflektiert wurde; 1.3. die Analyse der Handschriften der Chronik von Cosmas in Böhmen visualisiert auch die spezifische historiographische Kultur in den böhmischen Ländern, welche z. B. im Vergleich mit Österreich zentrumorientiert war und an einem einzigen Haupttext basierte. Übrigens auch die späteren erfolgreichen böhmischen Chroniken von so genannten Dalimil (ca. 1310) oder von Pulkava (ca. 1380) haben ihre Erzählungen besonders an Cosmas gebaut. 2. Die Klöster haben im Prozess der Entstehung der Premyslidischen Herrschaft eine Schlüsselrolle gespielt, da sie das Zentrum und lokale Eliten auch symbolisch gebunden haben. 3. Die Rechtstexte und ihre Sammlungen, die von den karolingischen Herrschern im 8. und 9. Jahrhundert proklamiert wurden, sind auch nach dem Verfall der karolingischen Herrschaft im 10. Jahrhundert immer noch intensiv benutzt worden. Aber ihre Anbindung an ihren ursprünglichen karolingischen Kontext ist locker geworden die Texte behielten zwar ihre Autorität, aber nur begrenzt wurden sie von ihren Abschreibern und Lesern als karolingisch empfunden und wahrgenommen. Wichtig ist noch, dass sie sich auch in den Gebieten außerhalb des Karolingischen Reiches durchgesetzt haben.