Gewaltregime
Regimes of Violence
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (50%); Sprach- und Literaturwissenschaften (50%)
Keywords
-
Nationhood,
Ethnicity,
Militarism,
Turkey,
Violence,
Southeast Europe
Was bringt Menschen dazu, im Namen abstrakter Begriffe wie der " Nation" zu sterben bzw. zu töten? Wie überbrückt man die Distanz von einem Verständnis der Nachbarschaft zur eingeschworenen Feindschaft? Warum verlieren Menschen Empathie für die Opfer von Gewalt, wenn diese im Namen der Verteidigung des Nationalstaates erfolgt? Diese Fragen standen im Zentrum meiner Forschung und meines ersten Buches Blood Ties: Religion, Violence, and the Politics of Nationhood in Ottoman Macedonia, 1878-1908 (Cornell, 2014). Mein zweites Buchprojekt Regimes of Violence: War, Militarism, and the Making of the Turkish Nation, 1878-1939 stellt sich ähnlichen Fragen in einem anderen Kontext: Hier geht es um die Türkei des Interbellums. Mit Interbellum ist hier die Zeitspanne gemeint, die mit dem Russisch- Osmanischen Krieg von 1877-78 -Endpunkt der Tanzimat (Neuordnung) Epoche weitreichender Reformen im Osmanischen Reich- beginnt und im Vorfeld des zweiten Weltkriegs zum Ende kommt. Mein Argument ist, das die historischen Wurzeln des Militarismus als integraler Bestandteil türkischen Nationalbewusstseins aus dem Zusammenspiel lokaler und internationaler Kräfteverschiebungen in dieser Periode zwischen zwei Kriegen entstanden sind. Mein Ziel in diesem Projekt ist es nachzuzeichnen, wie das Wechselspiel zwischen Militarismus und Nationalbewusstsein durch soziale Praktiken und kulturelle Normen konstituiert wurde und wie sich dieses Verhältnis gewandelt hat. Die Armee als eine Institution, die die türkische Modernität nachhaltig geformt hat, wird dabei einen zentralen Aspekt der Analyse darstellen. Ich bin aber besonders daran interessiert zu verstehen, wie diese Prozesse der Nationenbildung auf der gesellschaftlichen Ebene jenseits des Offizierskorps und der Soldaten ablief. Der Hauptbeitrag dieses Projektes wird dann auch sein, das Verständnis der Beziehung zwischen den konzeptionellen Kategorien Gewalt, Militärkultur und Nationalgefühl zu vertiefen. Seit den neunziger Jahren ist diesen unterschiedlichen, aber miteinander verbundenen konzeptionellen Matrizen wachsendes akademisches Interesse zugekommen. Allerdings beschränkt sich die daraus erwachsende Literatur auf Fallstudien aus den europäischen Kernstaaten. Zudem ist das Zusammenwirken von Ideologie und Praxis des Nationalen, verbunden durch kollektive, meist gewalttätige Aktion, bisher nicht ausreichend beachtet worden. Meine besondere Zielsetzung mit dieser Arbeit ist daher die Aufarbeitung der Verbindungen zwischen dem Prozess der Nationenbildung und der Produktion und Konsumption von Militarismus als kultureller Tropus, der die Exklusion und Unterordnung widerspenstiger und ungewollter Elemente durch verschiedene Formen der kollektiven Gewaltanwendung ermöglicht. Das Forschungs- und Buchprojekt wird auf bisher unerschlossenen Dokumenten aus dem Osmanischen und dem Türkisch-Republikanischen Archiv aufbauen, sowie aus den Archiven des Roten Halbmonds und des Völkerbunds. Darüberhinaus wird es diplomatische Quellen aus Frankreich, Großbritannien, Deutschland und Österreich aufarbeiten. Mit dieser reichen Quellenlage wird das Buch die Gründungsperiode des türkischen Nationalismus in den weiteren Rahmen der gewalttätigen Nationsbildungsprozesse Südosteuropas einordnen.
- Universität Graz - 100%