Kriegserinnerungen. Kinder, Grenzregionen & Migranten
War Memories. Children, Border Regions & Migrants in Europe
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Sozialwissenschaften (20%); Geschichte, Archäologie (55%); Soziologie (25%)
Keywords
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World War II,
Migration,
Children,
Memory,
History in Europe,
Border Regions
Der Zweite Weltkrieg verschob in Europa Grenzen und setzte Menschen in Bewegung. In den Jahren unmittelbar nach dem Krieg unternahmen die wiedererrichteten Nationalstaaten Anstrengungen, den nationalen und sozialen Aufbau durch die Konstruktion von Kriegserinnerungen zu legitimieren, die den Zweiten Weltkrieg als eine gemeinsame nationale Erfahrung darstellten. Die mit solchen Interpretationen der Vergangenheit verbundenen sozialen Spannungen traten in Grenzgebieten wie auch unter Migranten häufiger auf als anderswo. Da man in Kindern eine neue Generation begeisterter Staatsbürger erblickte, die dazu bestimmt waren, den nationalen Zusammenhalt zu gewährleisten, brachten die Nationalstaaten ihnen bei, derartige neue Narrative zu artikulieren, und dies sowohl Kindern, die im Grenzgebiet geblieben waren, wie auch denjenigen, die es gegen Kriegsende verlassen hatten. Obwohl derartige Narrative im Osten und im Westen Europas verschieden waren, sprachen die Renationalisierungskampagnen der frühen Nachkriegszeit dieselbe militante Sprache. Auch die nationalstaatlichen Mobilisierungsstrategien wiesen Ähnlichkeiten auf. Auf Grundlage von Fallstudien zu zwei Grenzregionen, der Eupen-St. Vith-Malmedy-Region im heutigen Belgien, und der ostpreußischen Region (Ostpreußen/Warmia i Mazury) im heutigen Polen fragt das Projekt nach Ähnlichkeiten und Unterschieden in Narrativen der Kriegserinnerung von Kindern, die während der frühen Nachkriegszeit eine Beziehung zu diesen Grenzregionen hatten. Im Gegensatz zu sozialhistorischen Arbeiten, die sich fast ausschließlich auf Strukturen konzentrieren, hebt dieses Projekt auf die komplexe Beziehung zwischen Strukturen und den (sozialen) Praxen, mittels derer Kinder mit diesen Strukturen umgingen, ab. Kinder werden daher nicht als den Renationalisierungskampagnen lediglich Unterworfene, sondern als Akteure aufgefasst, die (soziale) Praxen nutzten, um ihren Krieg zu erzählen. Dabei bedienten sie sich sowohl der Anleitungen, die "von oben" kamen, als auch dessen, woran sie sich selbst erinnerten. Von Kindern verfasste Ego-Dokumente der frühen Nachkriegszeit werden analysiert und verglichen mit Interviews, die in der Gegenwart mit den Autoren/Autorinnen dieser Egodokumente geführt werden. Mithilfe dieses analytischen Quellenabgleichs wird es möglich sein, die Schreibpraxis im sozialen Alltag des jeweiligen Autors/der jeweiligen Autorin während der frühen Nachkriegszeit zu verorten und zugleich andere Praxen, die seine/ihre Erzählungen aus dieser Zeit prägten, herauszuarbeiten. Durch den Vergleich der Befunde hinsichtlich der Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen den beiden Grenzregionen erweitert das Projekt die herkömmliche Geschichtsschreibung um eine multiperspektivische Betrachtungsweise, die sich (unter anderem) kritisch mit der (unlängst "erfundenen") Kriegskindergeneration auseinandersetzt und zugleich das Erkenntnispotential von Grenzgebiets- und Migrationsforschung für die Zeitgeschichte unter Beweis stellt.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 21 Zitationen
- 3 Publikationen
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2015
Titel Child forced labour: an analysis of ego documents throughout time DOI 10.1080/13507486.2015.1008412 Typ Journal Article Autor Venken M Journal European Review of History: Revue européenne d'histoire Seiten 368-388 Link Publikation -
2015
Titel Growing up in the shadow of the Second World War: European perspectives DOI 10.1080/13507486.2015.1008410 Typ Journal Article Autor Venken M Journal European Review of History: Revue européenne d'histoire Seiten 199-220 Link Publikation -
2014
Titel Nationalization campaigns and teachers' practices in Belgian–German and Polish–German border regions (1945–1956) DOI 10.1080/00905992.2013.817386 Typ Journal Article Autor Venken M Journal Nationalities Papers Seiten 223-241 Link Publikation