Visualität und Repräsentation im antiken Lehrgedicht
Visuality and Representation in Didactic Epic (VIRIDE)
Wissenschaftsdisziplinen
Psychologie (5%); Sprach- und Literaturwissenschaften (95%)
Keywords
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Visuality,
Vividness,
Enargeia,
Imagery,
Animals,
Didactic Epic
Die rasanten ökologischen Veränderungen unserer Gegenwart geben auch den Literaturwissenschaften Anlass dazu, das Verhältnis Mensch Natur neu zu denken und sich zunehmend auch dem Nicht- Menschlichen in der Literatur zuzuwenden z.B. Tieren, Pflanzen oder der Umwelt. Um aufzuzeigen, wie Literatur ökologische Inhalte verarbeitet und wie diese Bearbeitungen unser Erlebnis des Dargestellten beeinflussen, wird häufig das Potenzial literarischer Texte untersucht, es einem Leser zu ermöglichen, in die erzählte Welt einzutauchen und die vermittelten Inhalte so bewusster wahrzunehmen. Dies wird durch eine anschauliche Form des Erzählens erreicht, die uns bei der Lektüre eines Textes herausfordert, uns das Erzählte sinnlich so vorzustellen, als würden wir es selbst erleben, und uns so stärker in die Geschichte involviert. Derartige Prozesse wurden bisher zumeist an literarischen Beispielen der jüngsten Vergangenheit diskutiert vielfach liegt der Fokus auf Texten, die die ökologischen Auswirkungen der Industrialisierung ab dem 19. Jh. oder lediglich der vergangenen Jahrzehnte bzw. Jahre beschreiben. Historisch gesehen stellt die Einflussnahme des Menschen auf seine Umwelt aber seit jeher eine Ausdrucksform menschlicher Zivilisation dar und zeigt sich so auch in der Kunst und Kultur vergangener Jahrtausende. Aus diesem Grund nimmt das beschriebene Projekt die Literatur der griechisch-römischen Antike in den Blick und versucht, anhand der erwähnten Ansätze neue Erkenntnisse zum antiken Verständnis von Mensch und Natur zu gewinnen. Es beschäftigt sich mit Inszenierungen des Nicht-Menschlichen (Tiere, Pflanzen, Umwelt) im antiken Lehrgedicht (z.B. den Werken des Hesiod, Nikander, Vergil, Nemesian oder Oppian) einer Gattung, die sich seit ihren Anfängen damit befasst, die Rolle des Menschen in der Welt zu reflektieren. Anhand einer vergleichenden, diachronen Analyse wird die literarische Darstellung nicht-menschlicher Inhalte in Tier- oder Naturszenen in diesen Werken als Ausdruck der Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt betrachtet. Insbesondere soll dabei die Bedeutung einer anschaulichen, sensorisch stimulierenden Erzählung beleuchtet werden. Fragen, die in diesem Zusammenhang geklärt werden sollen, sind: 1.Wie werden Tiere, Pflanzen und die Umwelt im Lehrgedicht dargestellt und funktionalisiert (im Gegensatz zu menschlichen Darstellungen)? 2.Was sagt uns diese Darstellung über das imaginierte Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt in der Antike? 3.Auf welche Weise trägt die Anschaulichkeit der Darstellung zur Auseinandersetzung mit der Erzählung bzw. den vermittelten Inhalten bei? 4.Sind Darstellungen und Lehrinhalte, die den Bereich der Mensch-Umwelt-Interaktion betreffen, mit einer besonderen Art der Anschaulichkeit versehen? Worin genau besteht diese bzw. wie wird sie aktiviert? 5.Wie kann ein Verständnis dieser Phänomene unsere zeitgenössische Sichtweise auf ähnliche Themen (z.B. im Sinne der ökologischen Bewusstseinsbildung) beeinflussen?
Das Projekt VIRIDE untersucht die literarische Darstellung nicht-menschlicher Inhalte im antiken didaktischen Epos und versucht, neue Erkenntnisse zum antiken Verständnis des Mensch-Umwelt-Verhältnisses in der griechisch-römischen Literatur zu gewinnen. Konkret werden Tier- oder Naturszenen als Ausdruck der vielschichtigen Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur in den Blick genommen, die dieser Literaturgattung (z.B. den Werken des Hesiod, Nikander, Vergil oder Nemesian) eingeschrieben sind. Dabei soll insbesondere die Wirkung einer anschaulichen Darstellung bei der Modellierung dieser Beziehungen und ihre Bedeutung für das System des literarischen 'entertainment' beleuchtet werden. Einige der grundlegenden Fragen, die in diesem Projekt behandelt werden, sind: Wie werden Tiere, Pflanzen und die Umwelt in didaktischen Epen dargestellt und funktionalisiert? Was sagt uns diese Darstellung über das imaginierte Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt in diesen Texten? Auf welche Weise trägt eine anschauliche Qualität der Darstellung zur Auseinandersetzung des Lesers mit der Erzählung bzw. den vermittelten Inhalten bei? Sind Darstellungen und Lehrinhalte, die den Bereich der Natur bzw. der Mensch-Umwelt-Interaktion betreffen, mit einer besonderen Art der Anschaulichkeit versehen? Worin genau besteht diese bzw. wie wird sie aktiviert? Wie kann ein Verständnis dieser Phänomene unsere zeitgenössische Sichtweise auf ähnliche Themen (z.B. im Sinne der ökologischen Bewusstseinsbildung) beeinflussen? Die Studie unternimmt den Versuch, ökokritische bzw. ökonarratologische Ansätze für die Analyse antiker Literatur nutzbar zu machen. Sie gründet sich dabei auf der Kombination zweier 'turns' der modernen Literaturwissenschaft und verspricht neue Erkenntnisse sowohl hinsichtlich der Gestaltung, Funktion und Wirkung literarischer Anschaulichkeit aus einer kognitionswissenschaftlichen Perspektive ('cognitive turn') als auch hinsichtlich eines nicht- bzw. post-humanen Zugangs zum antiken Lehrgedicht ('posthumanist turn'). Insbesondere das antike Konzept der enargeia, einer Form der anschaulichen Darstellung, die dem Leser das Beschriebene 'vor Augen führt', nimmt hier eine Schlüsselposition ein. Diese und damit in Verbindung stehende Theorien können dazu beitragen, die Funktion einer sensorisch stimulierenden Modellierung naturbezogener Inhalte und ihr literarisches Potenzial für antike wie auch moderne Leser herauszuarbeiten. Das Projekt greift Zugänge auf, die in der geisteswissenschaftlichen Forschung jüngst an Popularität gewonnen haben, bei der Beschäftigung mit antiker Literatur aber erst allmählich Anwendung finden. Seine Ergebnisse können zu einem besseren Verständnis der Rolle anschaulicher Darstellungsweisen bei der Vermittlung von Inhalten (z.B. der Mensch-Umwelt-Beziehungen) in der antiken Literatur - und darüber hinaus zu einer umfassenderen Würdigung antiker, vormoderner Perspektiven im Kontext aktueller gesellschaftlicher Diskurse beitragen.
- University of Oxford - 100%
- Luuk Huitink, University of Amsterdam - Niederlande
Research Output
- 2 Publikationen
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Titel Ceu fulgura caeli terrificant. Visuality and Spectacular Hunting in Nemesianus' Cynegetica; In: Spectacles, Visuality, and the Literature of Late Antiquity Typ Book Chapter Autor Spielhofer L Seiten 1-15 -
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Titel Reading Smell in Nicander - Multisensory Experience in the Theriaca; In: Experiencing Smell and Taste in the Greco-Roman World Typ Book Chapter Autor Spielhofer L Seiten 1-12