Lernen, Lehren und die Weitergabe von Wissen
Studying, teaching, transmitting knowledge
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (30%); Philosophie, Ethik, Religion (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (50%)
Keywords
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Arabic Papyrology,
Scholarship in Early Islam,
Hadith,
Transmission of knowledge,
Literary papyri
Ab dem siebten Jahrhundert n.Chr. eroberten die Araber große Teile des Nahen Osten, Nordafrikas und Zentralasiens. Die rechtliche Legitimationsbasis für die Regierungs- und Verwaltungspolitik dieses Reiches wurde vom Islamischen Recht gebildet, dessen zweite Quelle nach dem Koran, der rechtliche Fragen teils nur vage behandelt oder gar auslässt die Prophetentradition (hadith) ist, also Sammlungen von Aussprüchen und Taten des Propheten Muhammad, seiner Gefährten und auch anderer Propheten. Schon im frühen Islam entwickelte sich aus den Gruppen von Überlieferern des hadith eine Gelehrtenschicht. Man geht heute davon aus, dass die Prophetentradition auch bereits früh niedergeschrieben wurde und ihre Kanonisierung mit dem 10.Jh. n.Chr. abgeschlossen war. Die frühe Zeit der hadith-Gelehrsamkeit vor dieser Kanonisierung wurde bereits in zahlreichen Werken untersucht, deren AutorInnen auch auf Themen wie Mündlichkeit und Schriftlichkeit und den damaligen Lehrbetrieb eingingen. Was den Arbeiten zum Thema allerdings fast durchgehend fehlt, ist der Bezug auf dokumentarische Quellen, also Originalquellen aus der Zeit, obwohl sie durchaus existieren, und zwar in der Form von arabischen literarischen Papyri. Nachdem arabische literarische Papyri größtenteils unerforscht sind, wird der erste Arbeitsschritt dieser Studie sein, ein Korpus aus in etwa 150 Papyrustexten aus verschiedenen Sammlungen weltweit zusammenzustellen. Von diesen Texten werden in etwa 30 genau ediert werden. Diese 150 Texte werden dann, zusammen mit dem bisher publizierten Material, in Bezug auf formelle und innere Kriterien untersucht, wobei erstere Aspekte wie Wiederverwendung von Material, Form, mise-en-page, die optische Struktur der Texte sowie auch die Diskussion der verwendeten Schriftstile betreffen. Letztere betreffen Themen wie Mündlichkeit und Schriftlichkeit in Lehrbetrieb und Gelehrtentum, hadith-Schulen, frühe Diskussionen schiitischen Gedankenguts und generell wie sich politische und gesellschaftliche Gegebenheiten in hadith-Texten niederschlagen, die vor der Sammlung des Materials zu den heute bekannten kanonischen Monumentalwerken geschrieben und verbreitet wurden. Diese Studie möchte zeigen, wie Wissen, dass die rechtliche Basis für ein spätantikes Reich bildete, in seiner frühesten Zeit weitergegeben wurde, wie Gelehrte arbeiteten und in welcher Weise dokumentarische Texte geschichtliche Ereignisse und politische Gegebenheiten ihrer Zeit spiegeln können.
Das Projekt "Studying, teaching, transmitting knowledge" wurde an der Universität Cambridge durchgeführt, einer Institution, die nicht nur wegen ihres internationalen Rufs, sondern auch wegen ihrer Bibliothek gewählt wurde, da diese die Michaelides-Sammlung arabischer Papyrusfragmente beherbergt. Diese Texte, die zwischen dem 7. und 10. Jh.n.Chr. geschrieben wurden und allesamt aus Ägypten stammen, sind die einzig verbleibende Originalquelle aus frühislamischer Zeit (abgesehen von Inschriften und Münzen), literarische Papyri haben in der Vergangenheit unverhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit erfahren. So kommt es, dass aus dem allgemein kaum erschlossenen Korpus arabischer Papyri nur 5% literarische Papyri sind. Ziel des Projekts war eine systematische Studie literarischer Papyri mit hadith (Prophetentradition, die zweite Quelle islamischer Religionspraxis und des islamischen Rechts nach dem Koran), und weiters eine Analyse ihrer Überlieferung einerseits bezüglich Schreibpraxis und andererseits bezüglich Gelehrsamkeit. Der hadith wurde aus mehreren Gründen als beispielhaft für literarische Papyri ausgewählt: Er besteht traditionellerweise aus Berichten, die ihre individuellen Überliefererketten anführen, es gibt immer noch Diskussionen über seine mündliche und/oder schriftliche Weitergabe, und seine thematische Breite lässt auch eine physische Abbildung dieses inhaltlichen Spektrums vermuten. Hypothesen aus früherer Forschung wurden im Projekt hauptsächlich bestätigt, aber auch neue Aspekte beleuchtet. Unter den bereits bekannten, allerdings nie durch Originaltexte bestätigten Erkenntnissen waren folgende: Mündliche und schriftliche Überlieferung scheinen parallel existiert zu haben (Niederschrift nach Diktat und Abschreiben von einer Vorlage), rein juristischer hadith hatte einen eigenen Schreibstil, der ihn von anderen Texten abhebt, praktisch der gesamte hadith auf Papyrus kommt aus Handbüchern von Gelehrten, und ein großer Teil des ägyptischen hadith wurde über eine medinensisch-syrische Linie überliefert. Bereits zuvor als prominent identifizierte Gelehrte des frühen ägyptischen hadith kommen in den Papyri häufig vor. Einige neue Erkenntnisse aber ergaben sich erst nach einer systematischen Durchsicht von in etwa 150 Papyrustexten: Das islamische Ritualgebet ist das am häufigsten vorkommende Thema, mit Berichten von technischen Angelegenheiten wie dem Gebet auf Reisen und dem Nachholen des Gebets, wenn man es vergessen hat, bis hin zu moralischen Implikationen des Angebens mit dem Gebet vor Anderen. Was die Häufigkeit an Belegen angeht, so ist das private Bittgebet an zweiter Stelle, hierbei beinhalten die meisten Berichte Empfehlungen zum Inhalt. Bestimmt die überraschendste Entdeckung waren die Überreste eines Notizbuchs mit der bisher älteste bekannte Version der islamischen Davidpsalme, in Kombination mit Bittgebeten und hadith-Berichten, die man heute nur in Quellen weit außerhalb des Mainstream-Kanon findet. Alle Texte haben den offensichtlich pietistischen Unterton gemeinsam, der sich in ausführlichen Erwähnungen von Tod, Trauer, Verlust und (Angst vor) dem Jüngsten Gericht ausdrückt. Betrachtet man die Bittgebete, die in hadith-Papyri vorkommen, so sieht man pietistische Tendenzen als allgemeines Charakteristikum. Dies bedeutet , dass zumindest manche ägyptische Gelehrte tief in der pietistischen Bewegung verwurzelt waren, welche zur gleichen Zeit im Osten bereits schrittweise aufgegeben wurde.
- University of Cambridge - 100%
- W. Matt Malczycki, Auburn University - Vereinigte Staaten von Amerika
- Fred M. Donner, University of Chicago - Vereinigte Staaten von Amerika