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Familie als Netzwerk materiell-diskursiver Praktiken

Family as a nexus of material-discursive practices

Cornelia Schadler (ORCID: 0000-0002-5068-4573)
  • Grant-DOI 10.55776/J3451
  • Förderprogramm Erwin Schrödinger
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.03.2014
  • Projektende 31.08.2017
  • Bewilligungssumme 140.295 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Soziologie (100%)

Keywords

    New Materialism, Family, Everyday Life, Parent, Ethnography, Posthumanism

Abstract Endbericht

Obwohl der Begriff und die Bedeutung von Familie laufend neu definiert wird, verliert die Institution Familie in unserer Gesellschaft kaum an Wichtigkeit. In der gegenwärtigen Familienforschung konkurrieren zwei Verfahrensweisen zur Definition von `Familie` miteinander. Es gibt Top-Down-Definitionen in Form von Kategorien, die vorgeben welche Formationen Familie sind, etwa Kategorien wie nukleare Familie, Patchwork- Familie und Ein-Eltern-Familie. Dazu gehören auch rechtliche oder politische Definitionen von Familie. In Gesprächen mit Informant*(inn)en tauchen immer wieder Bottom-up-Definitionen von Familie auf. Hier handelt es sich um situative Selbstdefinitionen von Familie, die obige Kategorien auch weit überschreiten können, wenn sich etwa eine Wohngemeinschaft als Familie definiert oder ein Paar ihre Haustiere als Teil der Familie sieht. Die Forschung an diesen Selbstdefinitionen sieht diese Bedeutungszuschreibungen als Grundlage des Familienhandelns. Meine Forschung betrachtet Familie als Zusammenhang von Familienpraktiken, die beides Top-Down-Definitionen und Bottom-Up-Definitionen inkludieren können. Praktiken sind in meiner Forschung aus neomaterialistsicher Sicht definiert. Praktiken sind Prozesse in denen materiell-diskursive Partizipierende miteinander wirken. Innerhalb dieser Praktiken bilden sich z.B. Familienmitglieder, aber auch Grenzen zwischen Familie und nicht-Familie. Verschiedene Definitionen von Familie sind Teil dieser Praktiken. Ziel meiner Forschung ist es deswegen Familienpraktiken ethnographisch zu beschreiben, um folgende Fragen zu beantworten: Welche Praktiken figurieren eine Familie? Welche Praktiken figurieren Grenzen zwischen Familie und nicht-Familie? Welche Partiziperenden gibt es neben den Menschen an diesen Praktiken (etwa Tiere, Dinge, Definitionen, Dokumente, Diskurse.). Empirisch sollen verschiedene Formationen untersucht werden, die durch Außen- oder Selbstzuschreibung als Familie definiert werden. Aus Interviews, Fototagebüchern und Beobachtungen sollen Praktiken rekonstruiert werden, die Familien schaffen.

Obwohl der Begriff und die Bedeutung von Familie laufend neu definiert wird, verliert die Institution Familie in unserer Gesellschaft kaum an Wichtigkeit. Die Definition Familie wird zahlreichen Lebensverhältnissen zugeschrieben und ebenso auf bedeutsame Dinge oder Haustiere ausgedehnt. In Interviews zeigt sich zusätzlich, dass Menschen bei der Beschreibung von verschiedenen Situationen oder Ereignissen jeweils unterschiedliche Lebewesen und Dinge als Familie definieren. Wie sollen Familienwissenschafter*innen auf Basis dieses Wissens Familie definieren? Wissenschaftlich gibt es im Moment zwei Vorschläge Familie zu definieren: a) Strukturdefinitionen, wie rechtliche oder statistische Definitionen von Familie, die starr vorgeben wer oder was Familie ist oder b) davon oft stark abweichende Selbstdefinitionen von Interviewten, die ihre Familienmitglieder nennen. Meine Forschung zeigt, dass beide Definitionsversuche in eine dritte Strategie integriert werden können, nämlich Familie anhand von alltäglichen Tätigkeiten zu definieren. Ich schlage also vor Familie nicht durch die Familienmitglieder zu definieren, sondern durch Tätigkeiten. Ich gehe davon aus, dass es Tätigkeiten gibt, die eine Grenze zwischen Familienmitgliedern und nicht-Familienmitgliedern zieht. Empirisch habe ich verschiedenste Formen des Zusammenlebens untersucht (nicht-monogame Partnerschaften, Zweierbeziehungen, nukleare Familien, Menschen mit Haustieren, hochmobilen Familien, Singles, Hausgemeinschaften und Arbeitsgemeinschaften). Meine These ist, dass sich bestimmte Alltagspraktiken, die Zusammensein und Zusammengehören definieren, stark ähneln, auch wenn Selbstdefinitionen oder strukturelle Definitionen höchst unterschiedlich sind. Empirisch wurde diese These bestätigt. Es ließen sich über verschiedenste Familienkonstellationen hinweg Tätigkeiten finden, die Familie definieren. Das zeigt sich an diesem Beispiel: Zwei Erwachsenen leben mit einem Kind. Am Morgen kommt eine weitere erwachsene Person, die nebenan wohnt, hinzu, um mit der Versorgung des Kindes zu helfen, bzw. diese zu übernehmen. Das gemeinsame Frühstück, die Versorgung des Kindes und das Planen des gemeinsamen Alltags definieren diese drei Erwachsenen und das Kind als Familie. Diese sehr ähnliche Praxis ließ sich in zwei Familienformationen finden. Eine Familie definierte sich selbst als polyamore Familie und alle drei Erwachsenen definierten sich als Eltern des Kindes. Im zweiten Fall definierte sich zwei Erwachsene als Kernfamilie und eine weitere Erwachsene als Tante des Kindes. Würden wir beide Konstellationen nach ihrer Selbstdefinition von Familie fragen, würden sie höchst unterschiedlich antworten. Aus der Perspektive der Strukturdefinitionen würde für den ersten Fall keine Definition existieren und beim zweiten Fall nur die Fürsorgeleistung von Mutter und Vater sichtbar sein. Trotz dieser höchst unterschiedlichen Struktur- und Selbstdefinitionen unterschieden sich die beiden Familienformationen auf der praktischen Ebene kaum. Meine Studie zeigt einerseits, dass eine Orientierung an Tätigkeiten Familiendefinitionen möglich machen, die eine Vielzahl von Lebensweisen inkludieren und andererseits, dass im wissenschaftlichen und öffentlichen Diskursen Menschen in anderen Fällen auch Tiere oder Dinge übersehen werden, die das Familienleben prägen. Empirisches Ziel dieses explorativen qualitativ-empirischen Projekts war es über die sehr unterschiedlichen Formen des Zusammenlebens hinweg Praktiken zu dokumentieren, die Zusammengehören und nicht Zusammengehören definieren. Die Definition von Familie als eine Abfolge konkreter Grenzziehungspraktiken löst auf wissenschaftlicher Ebene die Opposition und Ambivalenz zwischen Struktur- und Selbstdefinitionen.

Forschungsstätte(n)
  • Ludwig Maximilians-Universität München - 100%

Research Output

  • 97 Zitationen
  • 9 Publikationen
Publikationen
  • 2022
    Titel Introduction: Parenting, polyamory and consensual non-monogamy. Critical and queer perspectives
    DOI 10.1177/13634607221114466
    Typ Journal Article
    Autor Cardoso D
    Journal Sexualities
  • 2021
    Titel Ever more parents in polyamorous families: A new materialist typology of parenting practices and division of work
    DOI 10.1177/13634607211037481
    Typ Journal Article
    Autor Schadler C
    Journal Sexualities
    Seiten 807-823
    Link Publikation
  • 2016
    Titel Non-Representational Methodologies: Re-Envisioning Research
    DOI 10.1111/jftr.12173
    Typ Journal Article
    Autor Schadler C
    Journal Journal of Family Theory & Review
    Seiten 518-523
  • 2017
    Titel Widerständige Apparate: Was ein anti-dualistischer und anti-dialektischer Materialismus zur Analyse von Differenz und Ungleichheiten beitragen kann.
    Typ Book Chapter
    Autor Löw
  • 2017
    Titel Enactments of a new materialist ethnography: methodological framework and research processes
    DOI 10.1177/1468794117748877
    Typ Journal Article
    Autor Schadler C
    Journal Qualitative Research
    Seiten 215-230
    Link Publikation
  • 2016
    Titel New Materialism und Allgemeine Systemtheorie: eine kritische Parallellektüre.
    Typ Book Chapter
    Autor Schadler C
  • 2016
    Titel How to Define Situated and Ever-Transforming Family Configurations? A New Materialist Approach
    DOI 10.1111/jftr.12167
    Typ Journal Article
    Autor Schadler C
    Journal Journal of Family Theory & Review
    Seiten 503-514
    Link Publikation
  • 2017
    Titel Intensive Mutterschaft und polyviduelle Sozialisation.
    Typ Book Chapter
    Autor Schadler C
  • 2015
    Titel Polyviduen: Liebe und Subjektivierung in Mehrfachpartnerschaften
    DOI 10.3224/gender.v8i1.22198
    Typ Journal Article
    Autor Schadler C
    Journal Gender
    Seiten 11-26
    Link Publikation

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