Nationalismus und Antisemitismus im postnationalen Europa
Nationalism and antisemitism in postnational Europe
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (100%)
Keywords
-
Nationalism,
Antisemitism,
Economic Crisis,
Critical Discourse Analysis,
Austria,
England
Dieses Forschungsprojekt hat zum Ziel, Formen des Ineinandergreifens von Nationalismus und Antisemitismus anhand der Printmediendebatten zur gegenwärtigen weltweiten Wirtschaftskrise in Österreich und England zu untersuchen. Vor allem im Hinblick auf die Möglichkeiten und Bedingungen einer "postnationalen Konstellation" (Habermas), gekennzeichnet durch Pluralismus und kulturelle Mobilität, globalisierte Ökonomie und eine veränderte Rolle der Nationalstaaten, ist die aktuelle Relevanz dieser Zusammenhänge zu verorten. Die Blickrichtung umfasst das komplexe und scheinbar paradoxe Verhältnis zwischen einer zunehmend postnationalen Orientierung einerseits und der Persistenz von Nationalismus und Antisemitismus andererseits. In ökonomischen Krisenzeiten zeigt sich traditionell eine verstärkte Tendenz zu nationalistischen und antisemitischen Reaktionen und Erklärungsmustern, die auf einem tradierten Verstehens- und Wahrnehmungshorizont beruhen, einem Archiv althergebrachter Ideologien, welche traditionell Nationalismus und Antisemitismus als zentrale Momente enthalten. Neben einer theoretischen Auseinandersetzung mit Nationalismus und Antisemitismus als zwei ineinandergreifende Ideologien, in Verbindung mit Konzepten von Postnationalismus und Kosmopolitismus, richtet sich die Kritische Diskursanalyse der krisenrelevanten Printmediendebatten in England und Österreich nach den folgenden leitenden Forschungsfragen: Wie wird Nationalismus allgemein in den Mediendebatten um die Wirtschaftskrise ausgedrückt? Welche antisemitischen Stereotype finden sich in diesen Mediendebatten? In welchen Settings greifen antisemitische und nationalistische Diskursfragmente ineinander? Wo ergeben sich Ähnlichkeiten und Unterschiede, Kontinuitäten und Diskontinuitäten im transnationalen Vergleich? In populären Printmedien tauchen Nationalismus und Antisemitismus oft nicht manifest als offen artikulierte rassistische Ausschließung, sondern eher in latenten Formen auf, kodiert in alltäglichen sprachlichen Praktiken und Routinen. Deshalb wurde für dieses Projekt absichtlich ein breites Konzept von Nationalismus und Antisemitismus gewählt, sodass die Analyse sich nicht auf den rechten politischen Rand beschränkt, sondern sich vor allem den alltäglichen Formen von Inklusion und Exklusion analytisch zuwendet. Indem der Fokus auf Diskurse um das Eigene und Fremde, "wir" und "die anderen" im Kontext der Auseinandersetzungen um die Wirtschaftskrise gelegt wird, soll die Rolle von Nationalismus und Antisemitismus in alltäglichen kommunikativen Praktiken auch auf einer latenten Ebene erschlossen werden. Dieser Zugang basiert auf der Annahme, dass in den heutigen westlichen Gesellschaften nicht nur extremer und offener Nationalismus und Antisemitismus einer Gesellschaft von WeltbürgerInnen im Wege stehen, sondern auch kaum bemerkte aber wohl eingeübte Routinen der ausschließenden Identifikation.
Sind Antisemitismus und Nationalismus in einem globalisierten Europa nach wie vor gesellschaftlich wirkmächtige Ideologien oder ist ihr Auftreten heute eher Ausdruck einer Rückständigkeit seitens der Individuen, die der postnationalen Gegenwart nicht mehr entsprechen würde? Mit anderen Worten: Sind Antisemitismus und Nationalismus heute museumsreif oder doch von einer Relevanz, die gerade auch auf die zunehmend postnationalen Strukturen der Gegenwartsgesellschaft zurückzuführen sind, zu deren Charakteristika Pluralismus und kulturelle Mobilität, globalisierte Ökonomie und eine veränderte Rolle der Nationalstaaten zählen? Diese Frage, ob Antisemitismus und Nationalismus trotz oder gerade wegen der veränderten "postnationalen Konstellation" (Habermas) nach wie vor auftreten, stand im Zentrum des Forschungsprojekts, das an der Lancaster University (UK), an der Georgetown University in Washington DC und an der Universität Wien in Kooperation mit Ruth Wodak durchgeführt wurde. Die normative-theoretische Argumentation Jürgen Habermas, wonach angesichts der Entkräftung des Nationalstaats und seiner Institutionen zu erwarten stünde, dass die Orientierung der BürgerInnen zunehmend in eine postnationale Richtung weisen würden, wurde mit der widersprüchlichen empirischen Evidenz konfrontiert, die in Europa gerade einen Anstieg nationalistischer und antisemitischer Einstellungen belegt. Dafür wurden bewährte empirische Methoden der Ideologiekritik angewendet, nämlich der diskurshistorische Zugang der Kritischen Diskursanalyse nach Ruth Wodak, mit welchem Printmediendiskurse in England und Österreich vergleichend daraufhin untersucht wurden, ob und auf welche Weise antisemitische und nationalistische Argumentationslinien instrumentalisiert wurden. Dabei stellte sich heraus, dass Antisemitismus zumeist nicht als offen artikulierte rassistische Ausschließung, sondern eher in latenten Formen auftrat, kodiert in alltäglichen sprachlichen Praktiken und Routinen. Vor allem in Boulevard-Medien finden alte, u?berkommen geglaubte Ressentiments gegen Juden und Jüdinnen nach wie vor Eingang in die Öffentlichkeit. Ganz im Sinne einer diskursiven Iudeus ex machina-Strategie werden viele, oft widerspru?chliche, traditionelle ebenso wie neue antisemitische Stereotype für unterschiedliche Zwecke politisch instrumentalisiert vom Dingfestmachen der Schuldigen an der Finanzkrise wie im Fall der Neuen Kronen Zeitung in Österreich bis zur Ausgrenzung der Labour Party in der Daily Mail in Großbritannien. Auffällig an diesen Fällen, die einer genauen Analyse unterzogen wurden, war das durchgängige Zusammenziehen nationalistischer und antisemitischer Momente zu einem umfassenden Ausgrenzungsdiskurs gegen Fremde innerhalb und außerhalb von Großbritannien und Österreich.
- University of Lancaster - 100%
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 1 Publikationen
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2014
Titel 'Nationale Einheit' und die Konstruktion des 'fremden Juden' - Die politische Instrumentalisierung rechtspopulistischer Ausgrenzung in der Daily Mail. Typ Journal Article Autor Stogner K Journal Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie