Unerwünschter Besuch -- Topologie einer medialen Erfahrung
Unwelcome Visit--Topology of a Media Experience
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (20%); Medien- und Kommunikationswissenschaften (60%); Philosophie, Ethik, Religion (20%)
Keywords
-
Media dispositif,
Experience,
National Socialism,
Propaganda,
Communication history,
Austro-Fascism
Das Forschungsprojekt, das ich im Rahmen des Schrödinger-Stipendiums durchführen werde, ist ein integraler Bestandteil meines Habilitationsvorhabens "Unerwünschter Besuch - Topologie einer medialen Erfahrung". Diese Studie unternimmt den Versuch, Medialität als historische Erfahrung zu untersuchen. Methodisch kommt eine Dispositivanalyse nach Michel Foucault zum Einsatz, die auf die Klärung der Bedingungen zielt, unter denen sich das Erfahrungsfeld der Medialität herausbilden konnte. Sie umfasst drei Ebenen, die perspektivisch getrennt sind, sich aber empirisch überschneiden - eine Archäologie der medialen Wissensformen, eine Genealogie der medialen Machtbeziehungen und eine Typologie der medialen Subjektivierungsweisen. Als Modellfall dient ein Chronotopos von vierundzwanzig Stunden vom 13. bis 14. Mai 1933 in Wien, der durch "Türkenbefreiungsfeiern" der österreichischen Nationalsozialisten und Heimwehren geprägt ist. Das Jubiläum der Befreiung Wiens von den Türken richtete sich von Grund auf nach Prozessen der Massenkommunikation: Die Kundgebungen wurden von der Parteipresse vorbereitet, zum Teil live im Radio gesendet und in Propagandafilmen festgehalten. Um eine Gegenöffentlichkeit zu bilden, publizierten die Sozialdemokraten programmatische Leitartikel und veranstalteten Platzkonzerte in den Wiener Gemeindebauten. Während im Burgtheater Mussolinis Drama "Campo di Maggio" aufgeführt wurde, lief in den großen Kinos der Tonfilm "Das Testament des Dr. Mabuse" von Fritz Lang, der in Deutschland verboten war. Die Analyse soll die rekonstruierten Medienereignisse auf jene Mediendispositive der Zwischenkriegszeit zurückführen, deren Effekte sie darstellen. Im zwölfmonatigen Auslandsaufenthalt werde ich die wissensgeschichtliche Basis der Studie erarbeiten. Das geplante Forschungsprojekt geht von zwei Punkten des gewählten Zeit-Raums aus: einerseits von der Radio-Übertragung der Reden, die bei der "Türkenbefreiungsfeier" der Heimwehren gehalten wurden, und andererseits von einem Essay über Edward Bernays, der am selben Tag im wichtigsten bürgerlichen Blatt Wiens, der "Neuen Freien Presse", erschien. Der österreichische Rundfunk hatte die Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle von Paul Lazarsfeld mit einer Hörerbefragung beauftragt, deren Ergebnisse im Herbst 1932 vorlagen. Den Wert der Korrelation zwischen Programmen und Sozialgruppen, die im Schlussbericht hergestellt wird, deutet der Zeitungsartikel über Sigmund Freuds Neffe an, der in New York Propaganda als "exakte Wissenschaft" betreibe, um die öffentliche Meinung über "Gruppenführer" zu steuern. Eingeladen vom Department of Media Studies der New School und zusätzlich betreut durch Prof. Mark Crispin Miller von der New York University, setze ich mich mit den PR-Praktiken auseinander, die Bernays in den 1920er Jahren entfaltete. Die Untersuchung ist von der These geleitet, dass Lazarsfelds Wiener Pionierstudie das empirische Pendant zu den Propagandatechniken von Bernays schuf. In der sechsmonatigen Rückkehrphase, die am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Wien stattfindet, werde ich die Forschungsergebnisse veröffentlichen und mich um das Habilitationsprogramm APART der Österreichischen Akademie der Wissenschaften bewerben, wo sich synergetische Kooperationsmöglichkeiten bieten.
Was hat das Theaterstück "Campo di Maggio" von Benito Mussolini mit Fritz Langs Kriminalfilm "Das Testament des Dr. Mabuse" zu tun? Wie ist eine "Türkenbefreiungsfeier" in Schönbrunn mit einer "Freiheitsfeier" im Karl-Marx-Hof verknüpft? Welche Verbindung besteht zwischen der Sozialforschung von Paul Lazarsfeld und den Public Relations von Edward Bernays? Es handelt sich um Akteure, die an einem Wochenende im Mai 1933 -- genau in 24 Stunden -- in Wien auftraten. Der Medienwissenschaftler Simon Ganahl fertigte eine Karte der Ereignisse an und stellt den verdichteten Zeit-Raum in Form einer interaktiven Webseite dar. Als nationalsozialistische Minister am Samstagnachmittag, dem 13. Mai 1933, auf dem Flugfeld Aspern bei Wien landeten, erwartete sie eine Horde von Presseleuten. Die "Reichspost", das offiziöse Organ der christlichsozialen Regierung, hatte den angekündigten Besuch aus Deutschland in einem Leitartikel als "unerwünscht" bezeichnet. Denn für Sonntagvormittag war eine große Feier der Heimwehr geplant, die in Erinnerung rufen sollte, dass sich Österreich vor 250 Jahren schon einmal gegen "Fremdgeist" verteidigt hatte. Waren es 1683 türkische Truppen, die Wien erobern wollten, so würden nun russische Bolschewisten nach Westen drängen. "Im Kampf um die Heimat halten wir fest und treu zusammen!", rief Bundeskanzler Engelbert Dollfuß in das Mikrofon der Radio-Verkehrs-AG und die Kamera der Fox Tönenden Wochenschau. Was sich am 14. Mai 1933 im Schlosspark Schönbrunn abspielte, war ein nationales Medienereignis. Den Sozialdemokraten blieben nur die Parteizeitungen, um über die "Freiheitsfeiern" zu berichten, die an diesem Sonntag als Gegenveranstaltungen im Gemeindebau stattfanden. Die deutschen Politiker, darunter Hans Frank, später Generalgouverneur im besetzten Polen, genossen hingegen das rege Interesse der Journalisten. Sie grinsten den Fotografen zu, winkten den Kameramännern, luden zu einer Pressekonferenz in die Deutsche Gesandtschaft und hielten am Samstagabend eine nationalsozialistische "Türkenbefreiungsfeier" in der Engelmann-Arena ab. Zur selben Stunde gab Werner Krauss im Burgtheater einen Napoleon, der die "Diktatur für eine bestimmte Zeit" forderte, um sein Vaterland retten zu können. Der vernünftige Führer, den Mussolini in "Campo di Maggio" ersann, steht dem verrückten Verbrecher entgegen, wie ihn Fritz Lang in "Das Testament des Dr. Mabuse" inszenierte. Der in Deutschland verbotene Kriminalfilm kam am Freitag, dem 12. Mai 1933, in Österreich heraus und lief am folgenden Wochenende in ganz Wien. Die Hauptrolle spielen in dem Tonfilm keine Menschen, sondern jene Medientechniken, die den Ablauf der Handlung bestimmen, nämlich Telefonapparate, Lautsprecher und Grammophone. Ist es ein Zufall, dass die "Neue Freie Presse" am Sonntag, dem 14. Mai 1933, einen Essay mit dem Titel "Humbug, Bluff und Ballyhoo" brachte? Während die Schönbrunner Kanzlerrede live im Radio übertragen wurde, konnte man in dem bürgerlichen Blatt nachlesen, dass ein Neffe Sigmund Freuds Propaganda als "exakte Wissenschaft" betreibe, um die öffentliche Meinung über "Gruppenführer" zu lenken. Edward Bernays hatte sein New Yorker Büro für Public Relations 1919 eröffnet. Das Konzept, Lebensstile um Produkte herum zu bilden, ging aber erst mit den statistischen Verfahren auf, die Paul Lazarsfeld in Wien entwickelte. Der Soziologe führte 1932 mit seiner Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle eine Studie für den österreichischen Rundfunk durch, die das Publikum nicht mehr als Masse von Individuen auffasste. Indem er die Programmwünsche der Hörer mit ihren Sozialdaten verknüpfte, entstanden Zielgruppen, die sich ökonomisch verwerten ließen. In seinem Forschungsaufenthalt an der New School in New York führte Simon Ganahl diese Ereignisse auf ihre historischen Entstehungsbedingungen zurück. Die Türkenbefreiungsfeiern, zum Beispiel, bezieht der
- New School University - 100%
Research Output
- 1 Publikationen
-
2014
Titel Campus Medius. Typ Journal Article Autor Ganahl S Journal Sensate.