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Gedankenexperimente. Eine phänomenologische Untersuchung

Thought Experiments. A Phenomenological Account

Harald Andreas Wiltsche (ORCID: 0000-0001-9560-0284)
  • Grant-DOI 10.55776/J3114
  • Förderprogramm Erwin Schrödinger
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.04.2011
  • Projektende 28.02.2014
  • Bewilligungssumme 89.530 €

Wissenschaftsdisziplinen

Philosophie, Ethik, Religion (100%)

Keywords

    Thought Experiments, Phenomenology, Edmund Husserl, Metaphilosophy, Philosophy of Science

Abstract Endbericht

Die Literatur zu Gedankenexperimenten ist in den vergangenen Jahren stark angewachsen. Dass dies so ist, ist kaum verwunderlich, wenn man anerkennt, dass Gedankenexperimente ein integraler Bestandteil unseres wissenschaftlichen und philosophischen Methodenrepertoires sind. Gedankenexperimente finden Anwendung in der klassischen und nachklassischen Physik, in der Biologie, in der Mathematik, in der angewandten Statistik, in den Kognitionswissenschaften, in der Linguistik, in der Literaturwissenschaft, in der Ökonomie, in den Politikwissenschaften oder in der Geschichte. Gedankenexperimente haben jedoch auch das Gesicht der modernen Philosophie verändert, speziell in der Erkenntnistheorie, in der Ethik, der Philosophie des Geistes oder in der Debatte um personale Identität. Eine philosophische Analyse von Gedankenexperimenten scheint deshalb sowohl aus einer metaphilosophischen als auch aus einer wissenschaftsphilosophischen Perspektive überaus wichtig. Das geplante Forschungsprojekt "Gedankenexperimente. Eine phänomenologische Untersuchung" will zu dieser Debatte durch die Ausarbeitung eines spezifisch phänomenologischen Frameworks beitragen. Die grundlegende These ist, dass uns Gedankenexperimente mit imaginären Szenarien konfrontieren, um bislang unbemerkte Inkonsistenzen zwischen bestimmten Theorien, Behauptungen oder unreflektierten Intuitionen einerseits und grundlegenden konzeptuellen Verbindlichkeiten ("conceptual commitments") andererseits aufzudecken. Der spezifisch phänomenologische Aspekt des geplanten Forschungsprojekts ist jedoch, dass die Wendung "konzeptuelle Verbindlichkeiten" in den weiteren Kontext der phänomenologischen Methodenlehre eingebunden wird. Das Forschungsprojekt wird im Speziellen bei den Husserlschen Konzeptionen der Horizontintentionalität und der imaginativen Variation ansetzen, um die Beziehungen zwischen Gedankenexperimenten und eidetischer Einsicht deutlich zu machen. Obwohl die grundlegende Idee eines phänomenologischen Analyseframeworks sowohl auf wissenschaftliche als auch philosophische Gedankenexperimente angewandt werden soll, konzentriert sich der vorliegende Antrag auf einen einzelwissenschaftlichen Fall, nämlich auf Galileo Galileis Widerlegung des Aristotelischen Fallgesetzes. Dieses Gedankenexperiment wird als historisches Beispiel dienen, um die Eigenheiten eines genuin phänomenologischen Zuganges herauszustellen. Dieses Beispiel wird es zudem erlauben, die Unterschiede deutlich zu machen, die zwischen einem phänomenologischen Zugang einerseits und den Zugängen James Robert Browns, John Nortons und Tamar Szabo Gendlers andererseits bestehen.

Innerhalb der Debatte um Gedankenexperimente spricht man nicht selten von einer Paradoxie der Gedankenexperimente. Kurz gesagt kann diese Paradoxie wie folgt beschrieben werden: Gedankenexperimente kommen in Kerndisziplinen wie der Physik oder der Biologie vor. Sie scheinen außerdem dazu in der Lage zu sein, Wissen über die Welt zu generieren. Wie ist dies aber möglich? Da sie Experimente in Gedanken sind, scheinen sie doch keinen direkten, kognitiv relevanten Kontakt mit der Außenwelt herzustellen. Und genau dies macht Gedankenexperimente rätselhaft: Wie können wir etwas über die Welt lernen, in dem wir bloß über sie nachdenken?Es wurden unterschiedliche Vorschläge zur Lösung dieses Paradoxons gemacht: Manche meinen, dass es uns Gedankenexperimente erlauben, Naturgesetze mit unserem geistigen Auge (d.h. mittels rationaler Intuition) zu sehen. Andere meinen, dass Gedankenexperimente nichts anderes als Ketten induktiver oder deduktiver Schlussfolgerungen sind. Wieder andere erklären den Erfolg von Gedankenexperimenten mittels einer psychologischen Theorie, der zu Folge es die Manipulation von mentalen Modellen erlaubt, implizite Wissensbestände abzurufen, die uns ansonsten verschlossen bleiben. Das Ziel dieses Forschungsprojekts war es, eine alternative Theorie wissenschaftlicher Gedankenexperimente zu entwerfen; eine alternative Theorie, die auf den Einsichten und Methoden der Husserlschen Phänomenologie aufbaut.Was eine phänomenologische Herangehensweise an Gedankenexperimente von anderen Theorien unterscheidet, ist zunächst der analytische Ausgangspunkt: Anstatt Gedankenexperimente als Explananda zu betrachten, die mittels einer Theorie erklärt werden müssen, beginnt die Phänomenologie mit einer metaphysisch neutralen Beschreibung derjenigen Akt- und Objekttypen, die Bestandteil der gedankenexperimentellen Methode zu sein scheinen. Diese Herangehensweise hat unter anderem den Vorteil, die wenig gewinnbringende Dichotomie von Empirismus bzw. Rationalismus zu umschiffen, die vielen anderen Theorien zu wissenschaftlichen Gedankenexperimenten zugrunde liegt.Eine phänomenologische Theorie erlaubt es aber darüber hinaus, eine genauere und differenzierte Analyse unterschiedlicher Arten von Gedankenexperimenten zu liefern. Wie ich beispielsweise in einer detaillierten Analyse des Newtonschen Eimerexperiments gezeigt habe, hängt der Erfolg oder das Scheitern eines Gedankenexperiments von impliziten Wissensstrukturen ab, die durch die Durchführung des Gedankenexperiments aktiviert werden. Ich habe versucht, diese impliziten Wissensstrukturen im Rahmen einer phänomenologischen Intentionalitätstheorie zu untersuchen, um sowohl der Komplexität des menschlichen Bewusstseins (das ja das Labor der gedankenexperimentellen Methode ist) als auch der Komplexität der Gedankenexperimente selbst Rechnung zu tragen. Obwohl meine Untersuchungen noch nicht abgeschlossen sind, hoffe ich, dass ich das Verständnis dieses faszinierenden Teils der naturwissenschaftlichen Methode bereits jetzt ein Stück weit befördert habe.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Graz - 100%
  • University of Toronto - 100%

Research Output

  • 34 Zitationen
  • 5 Publikationen
Publikationen
  • 2012
    Titel What is Wrong with Husserl's Scientific Anti-Realism?
    DOI 10.1080/0020174x.2012.661572
    Typ Journal Article
    Autor Wiltsche H
    Journal Inquiry
    Seiten 105-130
  • 2011
    Titel Mythos Wissenschaft(lichkeit)?
    Typ Journal Article
    Autor Wiltsche Ha
    Journal Psycho-Logik. Jahrbuch für Psychotherapie, Philosophie und Kultur
  • 2013
    Titel How Essential are Essential Laws? A Thought Experiment on the Perspectival Givenness of Physical Things.
    Typ Book Chapter
    Autor Karl Mertens & Ingo Günzler (Eds.): Wahrnehmen
  • 2013
    Titel The Body, Thought Experiments, and Phenomenology.
    Typ Book Chapter
    Autor Fehige Y
  • 2013
    Titel Einführung in die Wissenschaftstheorie.
    Typ Book
    Autor Wiltsche Ha

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