Die Politisierung des Hungers in China und der Sowjetunion
The Politicization of Hunger in China and the Soviet Union
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (30%); Sprach- und Literaturwissenschaften (70%)
Keywords
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Hunger,
Discourses,
Famine,
China,
State-Peasant Relations,
Soviet Union
Obwohl die kommunistische Bewegung mit dem Versprechen antrat, Hunger abzuschaffen, kam es in sozialistischen Staaten mehrfach zu Hungersnöten wie in der Sowjetunion (1919-1920, 1931-1933 und 1947), in China 1959-1961, in Kambodscha 1979 sowie in Nordkorea in den 1990er Jahren. Dieses Projekt setzt sich zum Ziel, die Interaktionen zwischen Bauern und Staat in China und der Sowjetunion zu untersuchen, die zu den Hungernöten führten. Dabei steht die Politisierung des Hungers in den Diskursen über Ernährung im Vordergrund. Dieses interdisziplinäre Projekt wird zeigen, wie die Fragen wie viel Nahrung der Mensch zum Überleben braucht und welche Produkte überhaupt als Nahrung anerkennt werden, zu hoch politischen Fragen wurden. Sowohl in China als auch in der Sowjetunion entwickelte die Kommunistische Partei das Narrativ, dass Bauern Hunger vortäuschen würden, um den staatlichen Getreideaufkauf zu sabotieren. In diesem Zusammenhang soll untersucht werden, wie diese Diskurse die Fähigkeiten der Regime auf Mangelernährung und Hungersnöte zu reagieren beeinflussten. Das Projekt knüpft dabei an Erkenntnisse der Food Studies sowie Forschungen zu alltäglichen Widerstandsformen von Bauern gegenüber staatlichen Ordnungen an. Ohne eine Dekonstruktion des Mythos von einem bauernfreundlichen chinesischen Weg zum Sozialismus vorzunehmen, ist einen systematischer Vergleich der beiden sozialistischen Staaten nicht möglich. Vor dem Hintergrund von aktuellen akademischen Debatten zur "Stalinisierung" der Volksrepublik China in den 50er Jahren wird das Projekt die Herausforderungen eines vergleichenden Zugangs neu durchdenken. Als Zeitraum werden die Perioden der radikalen Transformation der Landwirtschaft gewählt (China 1949-1958 sowie Sowjetunion von 1928-1940). Das Fairbank Center for East Asian Research und die Bibliotheken der Universität Harvard besitzen wichtige chinesische Zeitschriften aus den 50er Jahren sowie sowjetische und chinesische Propaganda-Filme, die ausgewertet werden sollen. In Harvard stehen international renommierte Wissenschaftler wie Prof. William C. Kirby zur Betreuung des Projekts zur Verfügung. Experten aus den Gebieten der chinesischen und sowjetischen Geschichte sowie Food Studies aus Harvard sollen in die Diskussion mit einbezogen werden. Das Projekt soll einen wichtigen Beitrag leisten, die folgenreichen Hungersnöte im 20. Jahrhundert besser zu verstehen.
- Harvard University - 100%