Kontrollmotivation und kollektive Identität
control Motivation and Collective Identity: Testing a Model of Group-Based Control Restoration
DACH: Österreich - Deutschland - Schweiz
Wissenschaftsdisziplinen
Medizinisch-theoretische Wissenschaften, Pharmazie (20%); Psychologie (80%)
Keywords
-
Lack Of Control,
Intergroup Relations,
Threat,
EEG,
Fmri,
Ethnocentrism
Die Mitgliedschaft in sozialen Gruppen kann Individuen ein Gefühl allgemeiner Kontrolle über ihre Umwelt vermitteln oder dieses wieder herstellen. So könnte erklärt werden, weshalb die subjektive Bedeutsamkeit von Gruppenmitgliedschaften und ethnozentrisches Verhalten dann zunehmen, wenn Menschen an die grundlegende Beschränktheit persönlicher Kontrolle erinnert werden. Derartige Beschränkungen persönlicher Kontrolle sollten besonders in Zeiten sozialer oder persönlicher Krisen zu Tage treten. In dem beantragten Projekt wollen wir ein Modell gruppenbasierter Kontrollrestauration entwickeln und testen, welches eine neuartige Erklärung des Verhaltens innerhalb und zwischen Gruppen darstellt. Im Einzelnen möchten wir vorangehende Befunde zur Erhöhung von Eigengruppenfavorisierung unter Bedrohung globaler Kontrollwahrnehmungen auf andere Formen der Unterstützung eigener Gruppen (z.B. das Befolgen von Normen der Eigengruppe) ausdehnen. Gleichzeitig sollen alternative Erklärungen dieser Befunde, wie z.B. Systemrechtfertigung, Unsicherheitsreduktion und Selbstwertstreben, ausgeschlossen werden. Ferner beabsichtigen wir die Hypothese zu testen, dass die Bestätigung eigener Gruppenmitgliedschaft nach Kontrollbedrohung Wahrnehmungen von Kontrolle und Wohlbefinden erhöht und Kontrollmotivation sowie neurophysiologische Bedrohungsindikatoren verringert. Schließlich möchten wir erkunden, welche Eigenschaften einer Gruppe für das Auftreten von Effekten gruppenbasierter Kontrollrestauration notwendig sind. Diese Forschungen können unser Verständnis darüber erweitern, wie Menschen mit unterschiedlichen Formen von Bedrohung umgehen und welche Rolle Gruppenmitgliedschaften hierbei spielen. Darüber hinaus sind sie für die Frage von Bedeutung, wie auch in Zeiten von Bedrohung die Beziehungen zwischen Gruppen verbessert werden können.
Menschen sind bestrebt, ein Gefühl von Kontrolle über Ereignisse in ihrer Umwelt zu haben, die ihnen wichtig sind. Man kann dieses Gefühl sogar als eine Voraussetzung für menschliches Handeln betrachten, denn wenn wir nicht davon überzeugt wären, Dinge zumindest teilweise beeinflussen zu können, wäre Handeln eigentlich zwecklos. Ist dieses Kontrollgefühl nicht oder nicht zur Genüge vorhanden, wird dies zumeist als negativ und aversiv erlebt, und wir sind dann motiviert, Kontrolle wiederherzustellen. Allerdings ist dies oft schwierig oder sogar unmöglich. Ein Beispiel sind gesellschaftliche Probleme und Herausforderungen, denen wir als Individuen machtlos gegenüberstehen, und die nur durch kollektive Bemühungen angegangen werden können. Die Hauptfrage in diesem Projekt ist, wie Menschen mit Kontrollverlust umgehen, bzw. welche Strategien sie zur Wiederherstellung von Kontrolle anwenden, wenn Kontrolle bedroht erscheint.Aus der Forschung ist bekannt, dass Individuen durch die Mitgliedschaft in sozialen Gruppen ein Gefühl allgemeiner Kontrolle über ihre Umwelt zurückgewinnen können. Beispielsweise wurde empirisch gezeigt, dass Kontrollverlust zur Folge hat, dass man sich stärker mit ethnischen, kulturellen oder sozialen Gruppen identifiziert. Dies ist die zentrale Idee unseres gruppenbasierten Kontrollmodells, welches wir in diesem Forschungsprojekt überprüft und erweitert haben. Ein Schlüsselbefund des vorliegenden Projektes ist, dass geringe Kontrollwahrnehmung Menschen nicht, wie zuvor angenommen, konservativer werden lässt, sondern auch fortschrittlicher und liberaler, sofern ebendiese Werte zentral für die Eigengruppe sind. Ein weiterer zentraler Befund ist, dass Handlungsfähigkeit eine sehr wichtige Gruppeneigenschaft ist, die darüber entscheiden kann, ob eine Gruppe als Coping-Ressource gegen Kontrollmangel fungiert oder nicht. Der wahrgenommene Status einer Gruppe im Sinne von Macht oder Ansehen scheint diesbezüglich weniger wichtig zu sein. Ist die Handlungsfähigkeit einer Eigengruppe bedroht, identifizieren sich Menschen nicht mehr mit ihr, um Kontrolle wieder herzustellen. In solchen Fällen scheinen Menschen auf die Barrikaden zu gehen, und kollektive Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Es scheint, als ob Gruppen ein hohes Niveau an Handlungsfähigkeit brauchen, um psychohygienische Funktionen übernehmen zu können. Verlieren sie diese, versuchen ihre Mitglieder diese wiederherzustellen. Die Hauptaufgabe des FWF-geförderten Teams in Salzburg war es, mit Hilfe von Gehirnstrommessungen und bildgebenden Verfahren zu erforschen, was im Gehirn passiert, wenn Menschen Kontrollverlust erleiden. Wir konnten zeigen, dass Kontrollverlust das sogenannte dorsale anteriore Cingulum aktiviert, eine Großhirnstruktur die als Konflikt-Detektor fungiert. Neuronen in diesem Bereich des Gehirns haben vermutlich die Aufgabe, zu signalisieren, dass etwas unerwartet oder überraschend ist, und dass die Situation ein Eingreifen erfordert. Somit konnten wir zeigen, dass das Gehirn sehr ähnlich auf Kontrollverlust reagiert wie auch auf andere Erwartungsverletzungen es gibt also keine speziellen Kontrollverlust-Neuronen. Ein weiteres Ziel der Salzburger Gruppe war es, die neuronalen Grundlagen von erhöhter Eigengruppenfavorisierung unter Kontrollverlust zu erforschen. Wir vermuteten, dass der mediale präfrontale Kortex hierbei eine Schlüsselrolle übernimmt, denn Neuronen in diesem Bereich sprechen vor allem auf selbst-relevante Reize hin an, wie z.B., wenn wir Fotos von uns selbst sehen oder jemand uns beim Namen nennt. Diese Region spricht in abgeschwächter Form auch an, wenn wir Informationen über nahestehende Personen verarbeiten. Somit könnte dieser Gehirnbereich gewissermaßen ein Schnittpunkt zwischen der Eigenwelt und Mitwelt von Personen sein. Wie wir schon wissen, assoziieren sich Menschen stärker mit Eigengruppen, wenn ihre Kontrolle eingeschränkt ist, was eine stärkere Verschmelzung von Mit- mit der Eigenwelt bedeutet. Deshalb müsste der mediale präfrontale Kortex stärker auf Eigengruppenmitglieder ansprechen, wenn die wahrgenommene Kontrolle gering ist. Das gefundene Ergebnismuster konnte diese Vermutung nicht bestätigen. Zwar kam es unter bedrohlichen Bedingungen zu stärkerer Aktivierung durch Eigengruppenmitglieder, aber Fremdgruppen führten ebenfalls zu stärkerer Aktivierung. Dies könnte bedeuten, dass Kontrollverlust die wahrgenommene Nähe zu Gruppen insgesamt und nicht nur die Nähe zur Eigengruppe erhöht, und dass die Favorisierung von Eigengruppen möglicherweise andere neuronale Hintergründe hat. Die Ergebnisse dieses Forschungsprojekts konnten das allgemeine Verständnis des Phänomens Kontrollverlust und der Rolle von Gruppenmitgliedschaften erweitern. Darüber hinaus sind diese Ergebnisse bedeutend für die Verbesserung von Intergruppenbeziehungen in Krisenzeiten, in denen ein allgemeines Gefühl von Kontrollverlust herrscht.
- Universität Salzburg - 100%
- Immo Fritsche, Universität Leipzig - Deutschland
Research Output
- 929 Zitationen
- 12 Publikationen
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2015
Titel Striving for group agency: threat to personal control increases the attractiveness of agentic groups DOI 10.3389/fpsyg.2015.00649 Typ Journal Article Autor Stollberg J Journal Frontiers in Psychology Seiten 649 Link Publikation -
2016
Titel Perceived control increases the reward positivity and stimulus preceding negativity DOI 10.1111/psyp.12786 Typ Journal Article Autor Mühlberger C Journal Psychophysiology Seiten 310-322 -
2013
Titel Existential neuroscience: self-esteem moderates neuronal responses to mortality-related stimuli DOI 10.1093/scan/nst167 Typ Journal Article Autor Klackl J Journal Social Cognitive and Affective Neuroscience Seiten 1754-1761 Link Publikation -
2013
Titel The power of we: Evidence for group-based control DOI 10.1016/j.jesp.2012.07.014 Typ Journal Article Autor Fritsche I Journal Journal of Experimental Social Psychology Seiten 19-32 -
2013
Titel Destined to Die but Not to Wage War DOI 10.1037/a0033052 Typ Journal Article Autor Jonas E Journal American Psychologist Seiten 543-558 -
2014
Titel Chapter Four Threat and Defense From Anxiety to Approach DOI 10.1016/b978-0-12-800052-6.00004-4 Typ Book Chapter Autor Jonas E Verlag Elsevier Seiten 219-286 -
2017
Titel Uncontrollability, reactance, and power: Power as a resource to regain control after freedom threats. Typ Book Chapter Autor M. Bukowski -
2017
Titel Neural evidence that the behavioral inhibition system is involved in existential threat processing DOI 10.1080/17470919.2017.1308880 Typ Journal Article Autor Klackl J Journal Social Neuroscience Seiten 355-371 Link Publikation -
2016
Titel The Possibility of Self-Determined Death Eliminates Mortality Salience Effects on Cultural Worldview Defense: Cross-Cultural Replications DOI 10.4236/psych.2016.77101 Typ Journal Article Autor Hongfei D Journal Psychology Seiten 1004-1014 Link Publikation -
2016
Titel When climate change information causes undesirable side effects: The influence of environmental self-identity and biospheric values on threat Responses. Typ Journal Article Autor Klackl J Et Al -
2013
Titel Controlling death by defending ingroups — Mediational insights into terror management and control restoration DOI 10.1016/j.jesp.2013.05.014 Typ Journal Article Autor Agroskin D Journal Journal of Experimental Social Psychology Seiten 1144-1158 Link Publikation -
2017
Titel Extending control perceptions to the social self: Ingroups serve the restoration of control. Typ Book Chapter Autor M. Bukowski