Regelverständnis, subjektive Perspektiven und soziale Display-Regeln
Rule understanding, subjective perspectives, and social display rules
Wissenschaftsdisziplinen
Psychologie (100%)
Keywords
-
Rule Understanding,
Theory Of Mind,
Autism,
Social Display Rules,
Executive Functions,
Development
Das vorliegende Projekt erforscht die Entwicklung des Verständnisses von willkürlichen, miteinander in Konflikt stehenden Aufgabenregeln und von sozialen Display- Regeln. Das Regelverständnis wird dabei in Beziehung gesetzt zum kindlichen Verständnis von subjektiven Perspektiven und zum Ausmaß exekutiver Kontrollfähigkeiten. Die Hauptforschungsfragen dieses Projektes lauten: (1) Was können uns "Levels of consciousness"-Modelle über die Entwicklung des Regelverständnisses sagen? (2) Wie entwickelt sich der Gebrauch und das Wissen von sozialen Display-Regeln im Kindesalter? (3) Sind sich Kinder mit Autismus sozialer Display-Regeln bewusst und können sie sich entsprechend solcher emotionalen Display-Regeln verhalten? Einen wichtigen Entwicklungsschritt in Bezug auf das Regelverständnis machen Kinder mit etwa 4 Jahren, wenn sie ein Verständnis für miteinander in Konflikt stehende Regeln entwickeln. Sie gelingt es ihnen mit etwa 4 Jahren bei der "Dimensional Change Card Sorting"-Aufgabe von einer Sortierdimension zu einer anderen, konfligierenden Sortierdimension zu wechseln. Das "Levels of consciousness"-Modell geht davon aus, dass jüngere Kinder hier Schwierigkeiten haben, weil sie nicht über miteinander in Konflikt stehende Regeln reflektieren können und diese konfligierenden Regeln daher nicht in ein einziges, hierarchisch strukturiertes Regelsystem integrieren können. Interessanterweise hängt das kindliche Verständnis für miteinander in Konflikt stehende Regeln eng mit dem Verständnis für falsche Überzeugungen ("false beliefs") zusammen, welches als Indikator für das Verständnis subjektiver Perspektiven gilt. Das vorliegende Projekt geht in einer interdisziplinären Herangehensweise, wobei theoretisch-philosophische Überlegungen und empirische Befunde integriert werden sollen, der Frage nach, wie sich das Reflektieren auf miteinander in Konflikt stehende Regeln konzeptuell erfassen lässt und, wie diese Fähigkeit mit dem Verständnis subjektiver Perspektiven in Zusammenhang gebracht werden kann. Auch in alltäglichen, sozialen Interaktionen spielen spezielle Regeln, wie zum Beispiel kulturell geprägte soziale Display-Regeln, eine wichtige Rolle. Display-Regeln sind in Situationen relevant, in denen eine erlebte Emotion nicht gezeigt werden soll, beispielsweise, wenn eine Person über ein Geschenk enttäuscht ist. Das vorliegende Projekt untersucht die Entwicklung der Fähigkeit, solche Display-Regeln zu verstehen und das eigene Verhalten an diesen Regeln auszurichten. Dabei wird auch erforscht, wie das Verständnis und Anwenden von Display-Regeln mit der Entwicklung der sozialen Kognition ("Theory of Mind") und der Selbstkontrolle zusammenhängt und, wie sich Verständnis und Anwendung von Display- Regeln in unterschiedlichen Kulturen sowie bei Kindern mit Autismus entwickeln.
In diesem Projekt wurde eine neue Theorie (Teleologie) darüber entwickelt, wie Kinder die normativen Aspekte menschlicher Handlungen verstehen lernen. Die Theorie wurde in mehreren Studien getestet und soll auf Basis der folgenden Geschichte erklärt werden:Max sieht wie die Mutter seine Schokolade in einen Schrank legt. Später, als Max vom Spielen zurückkommt, möchte er seine Schokolade. Wohin wird er gehen?Die bisher dominierende Theorie-Theorie geht davon aus, dass wir diese Frage anhand theoretischer Annahme beantworten. Max hat gesehen, wo die Mutter die Schokolade hingelegt hat, deshalb weiß er, wo die Schokolade ist. Max weiß auch, um etwas zu bekommen, muss er dorthin gehen, wo es ist. Daraus wird die Handlung kausal abgeleitet und erklär- und vorhersagbar: Da Max seine Schokolade haben möchte, wird er dorthin gehen wo sie ist. Das Verstehen menschlichen Verhaltens wird hier gleichgesetzt mit dem Verstehen kausaler Vorgänge. Dabei wird ein wesentlicher Unterschied übersehen. Wenn zuviel Gewicht auf einer Brücke lastet wird sie einstürzen, Max dagegen wird nicht nur sondern soll auch dorthin gehen wo die Schokolade ist. Er hat einen guten Grund dafür. Die teleologische Handlungstheorie versteht Menschen nicht als gesetzmäßig, sondern als aus Gründen handelnd. Handelnde tun, was sie tun sollen - im Sinne von rationaler Normativität. Um die Teleologie empirisch zu überprüfen, wurden Vorhersagen in Bezug auf die kindliche Entwicklung abgeleitet und der Theorie-Theorie gegenübergestellt. Teleologie, im Sinne von Aristoteles, geht davon aus, dass Handlungen immer durch etwas Erstrebenswertes motiviert sind, nur dann gibt es einen guten Grund für die Handlung und nur dann soll sie ausgeführt werden. Selbst bei Handlungszielen, die nicht verfolgt werden sollten, weil andere dadurch zu Schaden kommen sollen, wird der Handelnde selbst einen guten Grund angeben können. Aus seiner Sicht ist das Ziel sehr wohl erstrebenswert. Um dies zu verstehen, muss die Perspektive des Handelnden eingenommen werden. Kinder unter 4 Jahren haben damit bekanntlich noch Probleme. In unseren Studien zeigte sich, dass junge Kinder noch Schwierigkeiten haben sabotierende Spielzüge zu verstehen und solche Brettspiele auch erst ab 4-5 Jahren vermarktet werden. Wir untersuchten außerdem, ob kindliches Protestverhalten Verständnis für soziale Normen ausdrückt. Junge Kinder protestieren, wenn jemand behauptet, ein Spiel mit bestimmten Spielregeln spielen zu wollen und dann etwas anderes macht. Wir schlussfolgerten, dass Kinder hier gegen die Verletzung einer praktischen Norm protestieren: Um das Spiel erfolgreich spielen zu können, sollen entsprechende Handlungen ausgeführt werden. Unsere Forschungsarbeit entstand in engem Austausch mit den Philosophie Projekten dieses ESF Projektes.
- Universität Salzburg - 100%
- Johannes Brandl, Universität Salzburg , nationale:r Kooperationspartner:in
- Hannes Rakoczy, Georg-August-Universität Göttingen - Deutschland
- Dan Zahavi, University of Copenhagen - Dänemark
- Ingar Brinck, Lund University - Schweden
- Philippe Rochat, Emory University - Vereinigte Staaten von Amerika
- Johannes Roessler, University of Warwick - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 564 Zitationen
- 18 Publikationen
-
2015
Titel Mental files and belief: A cognitive theory of how children represent belief and its intensionality DOI 10.1016/j.cognition.2015.08.006 Typ Journal Article Autor Perner J Journal Cognition Seiten 77-88 Link Publikation -
2015
Titel Mental Files in Development: Dual Naming, False Belief, Identity and Intensionality DOI 10.1007/s13164-015-0235-6 Typ Journal Article Autor Perner J Journal Review of Philosophy and Psychology Seiten 491-508 -
2018
Titel The robustness and generalizability of findings on spontaneous false belief sensitivity: a replication attempt DOI 10.1098/rsos.172273 Typ Journal Article Autor Schuwerk T Journal Royal Society Open Science Seiten 172273 Link Publikation -
2018
Titel Belief and Counterfactuality DOI 10.1027/2151-2604/a000327 Typ Journal Article Autor Rafetseder E Journal Zeitschrift für Psychologie Seiten 110-121 Link Publikation -
2018
Titel The practical other: teleology and its development DOI 10.1080/03080188.2018.1453246 Typ Journal Article Autor Perner J Journal Interdisciplinary Science Reviews Seiten 99-114 Link Publikation -
2018
Titel Supplementary Information from The robustness and generalizability of findings on spontaneous false belief sensitivity: a replication attempt. DOI 10.6084/m9.figshare.6139118 Typ Other Autor Priewasser B Link Publikation -
2018
Titel Supplementary Information from The robustness and generalizability of findings on spontaneous false belief sensitivity: a replication attempt DOI 10.6084/m9.figshare.6139118.v1 Typ Other Autor Priewasser B Link Publikation -
2018
Titel Supplementary Information from The robustness and generalizability of findings on spontaneous false belief sensitivity: a replication attempt. DOI 10.6084/m9.figshare.6139118.v2 Typ Other Autor Priewasser B Link Publikation -
2016
Titel Referential and Cooperative Bias: in Defence of an Implicit Theory of Mind. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Perner J Konferenz Commentary for symposium on Katharina Helming, Brent Strickland, and Pierre Jacob's "Solving the puzzle about early belief-ascription," on Brains Blog -
2013
Titel Teleology: Belief as perspective. Typ Book Chapter Autor Roessler J -
2015
Titel The direct way may not be the best way: Children with ADHD and their understanding of self-presentation in social interactions DOI 10.1080/17405629.2015.1051960 Typ Journal Article Autor Kloo D Journal European Journal of Developmental Psychology Seiten 40-51 Link Publikation -
2015
Titel Young children’s protest: what it can (not) tell us about early normative understanding DOI 10.1007/s11097-015-9437-8 Typ Journal Article Autor Brandl J Journal Phenomenology and the Cognitive Sciences Seiten 719-740 Link Publikation -
2015
Titel Evolution of human cooperation in Homo heidelbergensis: Teleology versus mentalism DOI 10.1016/j.dr.2015.07.005 Typ Journal Article Autor Perner J Journal Developmental Review Seiten 69-88 -
2015
Titel Pro-social cognition: helping, practical reasons, and ‘theory of mind’ DOI 10.1007/s11097-015-9438-7 Typ Journal Article Autor Roessler J Journal Phenomenology and the Cognitive Sciences Seiten 755-767 Link Publikation -
2017
Titel Mental files theory of mind: When do children consider agents acquainted with different object identities? DOI 10.1016/j.cognition.2017.10.011 Typ Journal Article Autor Huemer M Journal Cognition Seiten 122-129 Link Publikation -
2017
Titel Helping as an early indicator of a theory of mind: Mentalism or Teleology? DOI 10.1016/j.cogdev.2017.08.002 Typ Journal Article Autor Priewasser B Journal Cognitive Development Seiten 69-78 Link Publikation -
2012
Titel From infants’ to children's appreciation of belief DOI 10.1016/j.tics.2012.08.004 Typ Journal Article Autor Perner J Journal Trends in Cognitive Sciences Seiten 519-525 Link Publikation -
2012
Titel Competition as rational action: Why young children cannot appreciate competitive games DOI 10.1016/j.jecp.2012.10.008 Typ Journal Article Autor Priewasser B Journal Journal of Experimental Child Psychology Seiten 545-559 Link Publikation