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Political Literacy in der Migrationsgesellschaft

Political Literacy in Migration Society

Erol Yildiz (ORCID: 0000-0003-2338-4513)
  • Grant-DOI 10.55776/I3162
  • Förderprogramm Einzelprojekte International
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.01.2018
  • Projektende 31.12.2021
  • Bewilligungssumme 289.202 €
  • Projekt-Website

DACH: Österreich - Deutschland - Schweiz

Wissenschaftsdisziplinen

Erziehungswissenschaften (50%); Soziologie (50%)

Keywords

    Migration Society, School, Political Literacy, Participation, Global Cities, Democracy

Abstract Endbericht

Was denken und wissen Schüler/innen politisch über transnationale Migrationsphänomene? Welche von transnationalen Migrationsphänomenen konstituierten individuellen und kollektiven Positionierungen erfahren sie in ihren alltäglichen Lebenskontexten? Wie beziehen sie sich analytisch und normativ auf die Tatsache, dass Migration von Menschen und Lebensweisen eines der zentralen Themen im gegenwärtigen Europa sind? Im Rahmen des Forschungsprojekts Political Literacy in der Migrationsgesellschaft (PLiM) werden Formen politischer Artikulation von Schüler/innen der 8. Schulstufe ausgewählter Schulen der Cities Berlin, Wien und Zürich untersucht. Die Untersuchung politischer Artikulation von Schüler/innen ist so angelegt, dass Formen demokratischer Bildung, ihre sozialen (Ermöglichungs-)Bedingungen und Effekte empirisch und theoretisch identifizierbar und theoretisierbar werden. Insofern transnationale Migrationsphänomene das soziale Leben in Städten am stärksten prägen, stellt Bildung in Bezug auf die (globale) Migrationsgesellschaft eine fundamentale politische Anforderung der Gegenwart dar. Literacy wird dabei als kontextspezifischer Umgang mit sprachlich gefassten, gesellschaftlichen Fragen verstanden. Vor diesem Hintergrund stellt Political Literacy eine kontextrelationale politische Artikulationspraxis dar und wird als angemessenes Lesevermögen verstanden, das auf (migrations-)gesellschaftliche Wirklichkeit bezogen ist. Political Literacy zeichnet sich hierbei durch Wissen über politische Sachverhalte, den Grad erfahrungsbezogener Selbstreflexion bezogen auf diese Sachverhalte sowie das Eintreten für angemessene politische Standpunkte aus. Die zentralen Forschungsfragen diesbezüglich sind: Welche unterschiedlichen Formen politischer Artikulation finden in Schulen der Migrationsgesellschaft statt und welche Bedingungen liegen diesen Artikulationen zugrunde? Welche Bedingungen tragen dazu bei, (normativ) angemessene politische Artikulationen (Political Literacy) in der Migrationsgesellschaft zu ermöglichen? Das Projekt arbeitet mit den Methoden der audio-basierten teilnehmenden Beobachtung, ethnografischen Interviews, Diskursanalysen und Stimulus-basierten Gruppendiskussionen. Mittels der komplementären In-Beziehung-Setzung von Schulen aus drei Global Cities und der Integration unterschiedlicher Forschungsstrategien und -methoden arbeitet das Projekt mit einem innovativen Forschungsdesign, dass jenseits eines methodologischen Nationalismus und einer Reduktion auf mikrokontextuelle Bedingungen Einsichten in Bezug auf Political Literacy erwarten lässt.

PLiM - ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), dem Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) und dem Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördertes D-A-CH-Projekt mit Standorten in Bielefeld, Zürich und Innsbruck - fokussierte politische Literalität und politische Bildungsprozesse im schulischen Alltag vor dem Hintergrund migrationsgesellschaftlicher Bedingungen. Politische Literalität bemisst sich nicht an vorab definierten Kompetenzen, sondern manifestiert sich als soziale Praxis. Mittels einer explorativen ethnographischen Forschungsstrategie richtete sich daher der Fokus auch auf Mikropolitiken des Klassenzimmers, in dem migrationsgesellschaftlich relevante Konfliktdimensionen und Zuschreibungen verhandelt werden. Im Laufe des Forschungsprozesses stellte sich heraus, dass sich in jeder der vier beforschten Einzelschulen Adressierungen von SchülerInnen, darin eingelassene Erwartungen, Normen und Zuschreibungen sowie deren Umgang damit sehr unterschiedlich gestalten. Zum einen fanden wir Adressierungspraktiken z.B. als gebildete Zukunftselite oder selbstverantwortliche LeistungsträgerInnen in Schulkontexten, in denen - anstelle eines defizitorientierten Blicks - eine positive Einstellung zu Diversität und die Anerkennung von Migration als Tatsache und Normalität dominieren. Zum anderen konnten wir aber auch feststellen, dass SchülerInnen insbesondere im Bereich der deprivilegierenden Beschulung in homogenisierender Weise ein Konglomerat an Defiziten zugeschrieben wird, das über Verknüpfungen von sogenannter "Bildungsferne", Armut und Migration strukturiert wird. In der Schulkultur verankert, versteht sich die Schule wohlwollend als kompensatorische Instanz, die "Defizite" ausgleichen möchte, auf die die SchülerInnen gleichzeitig fixiert werden. Schulische Bildungsnormalität kann Literalisierungsprozesse ermöglichen oder verhindern, wobei der schulkulturell abgesteckte Rahmen auch Formen von Literalität hervorbringen kann, die - beispielsweise in einem ironisierendenen, Zuschreibungen zurückweisenden Gestus im Doing Brennpunktschule - sich erst vor dem Hintergrund dominanter schulkulturell verankerter Grundhaltungen als solche erschließen. Das heterogene Panorama migrationsbedingter Differenzierungsprozesse und des Umgangs mit Diversität widerstrebt der in der medialen Öffentlichkeit vermittelten Entgegensetzung von "Problemschule" versus "Normalschule". Wenn sich beispielsweise Schule als Ort zelebrierter Vielfalt und gelungener Integration präsentiert, bleibt das Sprechen über Zugehörigkeit dennoch ambivalent, da - ausgehend von einer Aufteilung in Wir/die Anderen - Zugehörigkeitsordnungen aufgerufen werden, auf die sich SchülerInnen beziehen müssen und die ihren Raum für Selbstpositionierung einrahmen. Diversität ist daher nicht als einfach gegebene Tatsache zu lesen, sondern als machtvoller Konstruktionsprozess von Differenzierungen, der in der Schule der Migrationsgesellschaft immer noch durch Unterscheidungen in Wir/Andere strukturiert ist. Der Forschungsprozess hat gezeigt, wie wichtig es für politische Bildungsprozesse wäre, schulspezifische Diversitätsmodi zu hinterfragen und zu reflektieren. Zuschreibungen, mit denen SchülerInnen konfrontiert werden, werden von ihnen gelesen, verarbeitet und uminterpretiert, beispielsweise mit ironischer Zurückweisung, in der Verweigerung zugewiesener Identitäten oder in der Infragestellung von Zugehörigkeitsordnungen. Anlässe für politische Bildungsprozesse ließen sich also auch in mikropolitischen Prozessen eines Klassenzimmers finden. Die Kultivierung von Lese- und Sprechfähigkeit in Bezug auf politische Wirklichkeit würde nicht zuletzt eine politische Alphabetisierung erfordern, die sich von der gängigen Unterscheidungsordnung mit/ohne "Migrationshintergrund" abwendet, ein neues und anderes Vokabular zur Geltung bringt und damit zur Normalisierung von Migration beitragen könnte.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Innsbruck - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Paul Mecheril, Universität Bielefeld - Deutschland
  • Roland Reichenbach, University of Zurich - Schweiz

Research Output

  • 1 Zitationen
  • 7 Publikationen
Publikationen
  • 2021
    Titel Wirklichkeit anders lesen - Worte zur Einleitung
    DOI 10.14361/9783839456149-001
    Typ Book Chapter
    Autor Gensluckner L
    Verlag Transcript Verlag
    Seiten 7-18
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Das Postmigrantische und das Politische
    DOI 10.14361/9783839456149-002
    Typ Book Chapter
    Autor Yildiz E
    Verlag Transcript Verlag
    Seiten 21-42
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Deprivilegierende Beschulung: Über verweigerte Größe
    Typ Journal Article
    Autor Gensluckner
    Journal AEP-Informationen. Feministische Zeitschrift für Politik und Gesellschaft
    Seiten 33-37
  • 2021
    Titel Die Wirklichkeit lesen. Political Literacy und politische Bildung in der Migrationsgesellschaft
    Typ Book
    Autor Gensluckner
    editors Gensluckner, Ralser, Thomas-Olalde, Yildiz
    Verlag transcript
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Familialisierte Schule – illiteralisierende Praktiken – verweigerte Größe
    DOI 10.1515/9783839456149-011
    Typ Book Chapter
    Autor Gensluckner L
    Verlag De Gruyter
    Seiten 191-220
  • 2021
    Titel Selbstpositionierungen zu »Zugehörigkeit«
    DOI 10.1515/9783839456149-012
    Typ Book Chapter
    Autor Thomas-Olalde O
    Verlag De Gruyter
    Seiten 221-242
  • 2021
    Titel Die Wirklichkeit lesen, Political Literacy und politische Bildung in der Migrationsgesellschaft
    DOI 10.1515/9783839456149
    Typ Book
    Verlag De Gruyter
    Link Publikation

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