Solidarität in Zeiten der Krise
Solidarity in times of crisis
Bilaterale Ausschreibung: Ungarn
Wissenschaftsdisziplinen
Politikwissenschaften (10%); Psychologie (30%); Soziologie (60%)
Keywords
-
Crisis,
Solidarity,
Populist radical right,
Socio-economic change,
Austria,
Hungary
Die jüngste Wirtschaftskrise hat sich gravierend auf die Arbeits- und Lebensbedingungen der Bürger und Bürgerinnen in Europa ausgewirkt und auch Gefühle von Unsicherheit und Misstrauen gegenüber öffentlichen Institutionen anwachsen lassen. Rechtspopulistische und rechtsextreme Bewegungen und Parteien nutzen die Ängste der Bevölkerung, indem sie Sündenböcke für gesellschaftliche Probleme anbieten und einfache Lösungen vorschlagen. Wie jüngste Wahlen in Europe zeigen, scheinen sie darin recht erfolgreich zu sein. Die subjektive Verarbeitung von Umbrüchen und sozialem Wandel muss aber nicht zwangsläufig in Richtung Autoritarismus, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit gehen. Viele äußern demokratischen und universell-solidarischen Protest und schließen sich progressiven sozialen Bewegungen insbesondere in Südeuropa an. Diese gegensätzlichen Reaktionen drücken eine wachsende Spannung zwischen nationalistischen und ausgrenzenden Formen von Solidarität einerseits und inklusiver und transnationaler Solidarität andererseits aus. Das Project SOCRIS untersucht die Auswirkungen des in Zeiten der Krise beschleunigten sozio- ökonomischen Wandels auf politische Orientierungen. Es baut dabei auf Ergebnisse des europäischen Forschungsprojekts SIREN auf, das zwischen 2001 und 2004 durchgeführt wurde und aufzeigt, wie Veränderungen der Arbeitswelt und der Lebensbedingungen zur Attraktivität der populistischen und extremen Rechten in Europa beigetragen haben. Als Follow-up-Studie wird SOCRIS die gegenwärtige Situation und die Veränderungen seit Ausbruch der Krise untersuchen. Das Projekt wird über die SIREN-Studie hinausgehen, indem es nicht nur auf die Affinität zur populistischen und extremen Rechten, sondern stärker auf die demokratischen und inklusiven politischen Orientierungen und die symbolischen Auseinandersetzung, welche mit verschiedenen Formen der Solidarität verbunden sind, fokussieren wird. Für die Untersuchung wurden die Länder Österreich und Ungarn ausgewählt, da sie zum einen Teil der SIREN-Studie waren, zum anderen aber auch die einzigartige Möglichkeiten bieten, zwei Länder zu untersuchen, in welchen die populistische radikale Rechte eine große Bedeutung erlangt hat, die jedoch sehr unterschiedlich von der Krise betroffen waren. Methodisch basiert die Studie auf einer Triangulation von quantitativen und qualitativen Daten. Untersucht werden soll, wie Subjekte den sozio-ökonomischen Wandel und die Krisenfolgen wahrnehmen und verarbeiten, und ob und wie die Entwicklungen die Attraktivität der populistischen radikalen Rechten und des Rechtsextremismus erhöht haben und wo und warum demokratische und sozial inklusive Orientierungen gestärkt wurden. Der Zeit- und Ländervergleich ermöglicht ein tieferes Verständnis der komplexen Beziehung zwischen sozialem Wandel und politischer Subjektivität.
Solidarität in Zeiten der Krise - Sozioökonomischer Wandel und politische Orientierungen in Österreich und Ungarn Die Europäische Union sowie ihre Mitgliedsstaaten wurden in den vergangenen beiden Jahrzehnten von unterschiedlichen Krisen getroffen. Dabei wurden zunehmend Fragen nach Solidarität sowohl innerhalb der, als auch zwischen den Mitgliedsstaaten gestellt. Solidarität wird in Wissenschaft und Öffentlichkeit häufig als Gegensatz zu unsolidarischem Verhalten gesehen und damit als an sich inklusiv und tolerant eingestuft. Insofern sich jedoch zunehmend auch extreme und populistische Rechtsparteien auf Solidarität berufen, verändert sich, was unter Solidarität verstanden wird. Das Forschungsprojekt SOCRIS hat die Auswirkungen des in Krisenzeiten beschleunigten sozio-ökonomischen Wandels auf politische Orientierungen untersucht. Im Zentrum stand dabei die Frage, wie Menschen den sozio-ökonomischen Wandel und die Krisen der jüngeren Vergangenheit wahrnehmen und wie sich das auf ihre Vorstellungen von Solidarität auswirkt. Für die Untersuchung wurden die Länder Österreich und Ungarn ausgewählt, da sie die einzigartige Möglichkeit bieten, zwei Länder zu vergleichen, in denen die populistische extreme Rechte eine große Bedeutung erlangt hat, die jedoch sehr unterschiedlich von den verschiedenen Krisen betroffen waren. Methodisch basiert die Studie auf einer Triangulation von quantitativen und qualitativen Daten. Die Ergebnisse zeigen ein breites Spektrum unterschiedlicher Vorstellungen von Solidarität und lassen daher Zweifel an der üblichen Gegenüberstellung von solidarischem und unsolidarischem Verhalten und an Aussagen über eine zunehmende gesellschaftliche Polarisierung aufkommen. Jene Positionen, die in bipolaren Darstellungen wiedergegeben werden, repräsentieren lediglich die Ränder. In der heterogenen Mitte des Spektrums finden sich vielfältige Sichtweisen, in denen inklusive und exkludierende Aspekte von Solidarität unterschiedlich miteinander verknüpft sind. Menschen, die Solidarität mit Geflüchteten äußern und diese sogar aktiv unterstützen, zeigen beispielsweise nicht unbedingt Solidarität mit anderen sozial benachteiligten Gruppen - wie eine Gegenüberstellung von solidarischen und unsolidarischen Haltungen nahelegen würde. Dadurch wird auch deutlich, dass Grenzen zwischen verschiedenen Gruppen häufig nicht so eindeutig verlaufen und dass Gegensätze weniger unüberwindbar sind, als sie erscheinen mögen. Die Untersuchung zeigt eine weitreichende Zustimmung der österreichischen Bevölkerung zum Wohlfahrtsstaat. Eine überwiegende Mehrheit lehnt Kürzungen in der sozialstaatlichen Unterstützung für benachteiligte Gruppen deutlich ab. Der Vergleich zwischen Österreich und Ungarn zeigt darüber hinaus, dass eine Mehrheit der österreichischen Befragten Vorstellungen inklusiver Solidarität teilt, während das nur auf eine Minderheit der Befragten in Ungarn zutrifft. Auch sind die sozialen Merkmale jener Gruppen, die ähnliche Solidaritätsvorstellungen haben, in Österreich und Ungarn unterschiedlich. Das deutet darauf hin, dass eine Erklärung von Solidaritätsvorstellungen nur durch sozio-demografische und sozio-ökonomische Faktoren zu kurz greift. Aufgrund von unterschiedlichen historischen und institutionellen Bedingungen können verschiedene gesellschaftliche Gruppen für ähnliche Sichtweisen gewonnen werden, was darauf hindeutet, dass Wahrnehmungen und Rahmungen und damit öffentliche Diskurse eine zentrale Rolle in der Entstehung und Entwicklung von Solidaritätsvorstellungen spielen.
- Manfred Krenn, FORBA Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Ulrike Papouschek, FORBA Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Gudrun Hentges, Universität Köln - Deutschland
- Dietmar Loch, Université de Lille 1 - Frankreich
- Manuela Caiani, Scuola Normale Superiore, Pisa - Italien
- Hans De Witte, Katholieke Universiteit Leuven - Niederlande
- Peter Krekó, ELTE University - Ungarn
- István Grajczjar, Hungarian Academy of Sciences - Ungarn
Research Output
- 35 Zitationen
- 13 Publikationen
- 2 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 1 Weitere Förderungen
-
2020
Titel Grundlagen und Praxis der Solidarität stärken Typ Other Autor Flecker J Link Publikation -
2020
Titel Auf der Suche nach der einen Ursache? Erklärungen für den Erfolg der extremen und populistischen Rechten; In: Krise der Demokratie - Demokratie in der Krise? Typ Book Chapter Autor Flecker J Verlag Wochenschau Verlag Seiten 117-134 -
2022
Titel The racialization of welfare support as means to further welfare state cutbacks – spillover effects in survey populations and media reports in Austria DOI 10.1080/01419870.2022.2080511 Typ Journal Article Autor Schadauer A Journal Ethnic and Racial Studies Seiten 308-334 Link Publikation -
2019
Titel Extreme und populistische Rechtsparteien und die soziale Frage - Entwicklungen in Frankreich, Österreich, Ungarn und den Niederlanden DOI 10.5771/0342-300x-2019-3-212 Typ Journal Article Autor Flecker J Journal WSI-Mitteilungen Seiten 212-219 Link Publikation -
2019
Titel Symbolic struggles over solidarity in times of crisis: trade unions, civil society actors and the political far right in Austria DOI 10.1080/14616696.2019.1616790 Typ Journal Article Autor Hofmann J Journal European Societies Seiten 649-671 Link Publikation -
2019
Titel Soziologische Forschung zu Rechtsextremismus in Österreich nach 1945 DOI 10.14361/9783839447338-019 Typ Book Chapter Autor Schindler S Verlag Transcript Verlag Seiten 397-426 Link Publikation -
2019
Titel Entsolidarisierung - Erosion gesellschaftlichen Zusammenhaltes; In: Umbrüche. Umdenken. Arbeit und Gesellschaft aus wissenschaftlicher und betrieblicher Perspektive Typ Book Chapter Autor Schindler S Verlag ÖGB Verlag Seiten 188-197 -
2019
Titel Right-Wing Populism from a Solidarity Perspective Typ Journal Article Autor Altreiter C Journal Global Dialogue: Newsletter for the International Sociological Association -
2019
Titel "Eine Frage des Überlebens unseres Volkes". Die Ethnisierung von Verteilungsfragen durch die Freiheitliche Partei Österreichs Typ Journal Article Autor Flecker J Journal Kurswechsel Seiten 61-72 -
2019
Titel Sozialstaatliche Solidarität und gesellschaftliche Anerkennung von Lebenschancen Typ Journal Article Autor Altreiter C Journal SWS-Rundschau Seiten 371-392 -
2019
Titel Umkämpfte Solidaritäten - Spaltungslinien in der Gegenwartsgesellschaft Typ Book Autor Altreiter C Verlag Promedia Verlag -
2018
Titel Erfolg des Rechtspopulismus durch exkludierende Solidarität? Das Beispiel Österreich; In: Arbeiterbewegung von rechts? Ungleichheit - Verteilungskämpfe - populistische Revolte Typ Book Chapter Autor Flecker J Verlag Campus Verlag Seiten 245 - 256 -
2018
Titel Routes to right-wing extremism in times of crisis - An Austrian-Hungarian comparison based on the SOCRIS survey Typ Journal Article Autor Grajczjár I Journal Cultural heritage and social cohesion: Special issue in English Seiten 95-117
-
2020
Titel Kurt Rothschild Preis Typ Research prize Bekanntheitsgrad Regional (any country) -
2018
Titel Universität Tübingen: Promotionskolleg Rechtspopulistische Sozialpolitik und exkludierende Solidarität (Advisory Board Member) Typ Prestigious/honorary/advisory position to an external body Bekanntheitsgrad National (any country)
-
2018
Titel Worlds apart? Solidarity concepts and political orientations in social media Typ Other Förderbeginn 2018