Die neuronalen Mechanismen individueller Unterschiede im arithmetischen Faktenlernen.
The neural mechanisms underlying individual differences in arithmetic fact learning.
Bilaterale Ausschreibung: Belgien
Wissenschaftsdisziplinen
Medizinisch-theoretische Wissenschaften, Pharmazie (30%); Psychologie (70%)
Keywords
-
Arithmetic Learning,
Memory Interference,
Mathematical Competencies,
Developmental Dyscalculia
Die Fähigkeit, arithmetische Fakten (wie z.B. die Multiplikationstafel) zu lernen und abzurufen, stellt einen wichtigen Schritt in der erfolgreichen Entwicklung mathematischer Kompetenzen dar. In dieser Fähigkeit bestehen große interindividuelle Unterschiede, und Personen mit mathematischen Lernstörungen oder Dyskalkulie leiden vor allem unter Defiziten im arithmetischen Faktenlernen. Die Mechanismen, die diesen interindividuellen Unterschieden zugrunde liegen, sind jedoch bislang kaum verstanden. Kürzlich wurde eine neue Hypothese hierzu vorgeschlagen: die Hypothese der Interferenz-Sensitivität (IS) im Gedächtnis. Wenn arithmetische Fakten in der Schule gelernt werden, hängt die erfolgreiche Speicherung dieser Fakten im Gedächtnis davon ab, inwieweit die neu zu lernenden Fakten eine Ähnlichkeit (bzw. Interferenz) mit den bereits gelernten Fakten aufweisen. Je größer die Ähnlichkeit (bzw. Interferenz), desto schwieriger ist die Abspeicherung und desto geringer Lernerfolg. In dieser IS bestehen überdies interindividuelle Unterschiede: Je höher die individuelle IS ist, desto mehr Probleme wird er/sie beim Lernen dieser Fakten haben. Das vorliegende Projekt zielt darauf ab, die Mechanismen hinter der IS besser zu verstehen. Hierzu werden sowohl Verhaltensmethoden als auch neurowissenschaftliche Methoden eingesetzt und die Expertisen der Projektpartner in Leuven und Graz zusammengeführt. Das Projekt besteht aus 4 Arbeitspaketen (6 Studien), in denen kompetenzabhängige Unterschiede in der IS bei Kindern (mit und ohne Dyskalkulie) und Erwachsenen, die Entwicklung der IS im Rahmen einer Trainingsstudie bei Erwachsenen und einer Längsschnittstudie bei Kindern, und die Veränderbarkeit der IS durch non-invasive Beeinflussung der Gehirnaktivität von Erwachsenen untersucht werden.
Ein zentraler Grundstein in der Entwicklung mathematischer Kompetenzen ist der erfolgreiche Erwerb von arithmetischem Faktenwissen (wie dem Einmaleins). Sowohl Kinder als auch Erwachsene unterscheiden sich allerdings sehr stark in der Fähigkeit, dieses Faktenwissen zu erwerben und beim arithmetischen Problemlösen anzuwenden. Besondere Schwierigkeiten dabei haben Personen mit mathematischen Lernstörungen. Kürzlich wurde eine neue Hypothese über die Ursachen dieser individuellen Unterschiede und Probleme vorgestellt: die Sensitivität-gegenüber-Interferenz (STI) Hypothese. Wenn Kinder neue arithmetische Fakten in der Schule lernen, hängt die Abspeicherung dieses Wissens davon ab, inwieweit die neue Information eine Ähnlichkeit mit den bereits gelernten (alten) Fakten hat. Je ähnlicher sich neue und alte Fakten sind, desto stärker interferieren sie, und desto schwieriger ist das erfolgreiche Abspeichern der neuen Informationen. In der STI-Hypothese wird nun angenommen, dass sich Personen in der Sensitivität gegenüber solchen Interferenzen unterscheiden. Bislang war es allerdings unklar, wie sich diese Sensitivität in der Gehirnaktivität widerspiegelt und worin sich Personen mit unterschiedlichen arithmetischen Kompetenzen unterscheiden. Daher wurden in diesem internationalen Forschungsprojekt (Belgien-Österreich) die Mechanismen der STI mittels einer Kombination aus Verhaltensmethoden und neurowissenschaftlichen Verfahren (Magnetresonanztomographie und Elektroenzephalographie) untersucht. Insgesamt wurden 11 Studien in enger Zusammenarbeit der Projektpartner an der Universität Graz und der KU Leuven durchgeführt. In diesen Studien konnten erstmalig spezifische Aktivierungsmuster im Gehirn mit individuellen Unterschieden in der STI für arithmetische Fakten in Zusammenhang gebracht werden. Darüber hinaus wurde die Bedeutung von semantischen Kontrollnetzwerken für die Bewältigung von Interferenzen beim Abruf von arithmetischem Faktenwissen gezeigt. Allerdings wurde auch gefunden, dass sich die STI bei Erwachsenen mit geringeren arithmetischen Kompetenzen durch ein einwöchiges Faktentraining nicht einfach reduzieren lässt. Bei Kindern wurde die STI-Hypothese bestätigt, allerdings konnte kein neuronales Korrelat hierfür identifiziert werden. In den weiteren Studien wurden neue Einsichten in die Gehirnstrukturen gewonnen, die mit unterschiedlichen arithmetischen und mathematischen Kompetenzen assoziiert sind. Insgesamt haben die Ergebnisse aus dem Projekt unser Wissen darüber, wie unser Gehirn arithmetische Probleme löst und worauf die Variabilität in arithmetischen Kompetenzen zurückgeführt werden kann, substanziell erweitert.
- Universität Graz - 100%
Research Output
- 433 Zitationen
- 13 Publikationen
- 2 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 1 Weitere Förderungen
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2021
Titel Oscillatory Electroencephalographic Patterns of Arithmetic Problem Solving in Fourth Graders DOI 10.31219/osf.io/tmhce Typ Preprint Autor Brunner C Link Publikation -
2021
Titel Revisiting the Role of Worries in Explaining the Link Between Test Anxiety and Test Performance DOI 10.1007/s10648-021-09601-0 Typ Journal Article Autor Schillinger F Journal Educational Psychology Review Seiten 1887-1906 Link Publikation -
2021
Titel Oscillatory electroencephalographic patterns of arithmetic problem solving in fourth graders DOI 10.1038/s41598-021-02789-9 Typ Journal Article Autor Brunner C Journal Scientific Reports Seiten 23278 Link Publikation -
2019
Titel The neural substrates of the problem size and interference effect in children’s multiplication: An fMRI study DOI 10.1016/j.brainres.2019.03.002 Typ Journal Article Autor Polspoel B Journal Brain Research Seiten 147-157 Link Publikation -
2019
Titel Interference during the retrieval of arithmetic and lexico-semantic knowledge modulates similar brain regions: Evidence from functional magnetic resonance imaging (fMRI) DOI 10.1016/j.cortex.2019.06.007 Typ Journal Article Autor Heidekum A Journal Cortex Seiten 375-393 Link Publikation -
2019
Titel The association of grey matter volume and cortical complexity with individual differences in children's arithmetic fluency DOI 10.1016/j.neuropsychologia.2019.107293 Typ Journal Article Autor Polspoel B Journal Neuropsychologia Seiten 107293 Link Publikation -
2016
Titel The role of physical digit representation and numerical magnitude representation in children’s multiplication fact retrieval DOI 10.1016/j.jecp.2016.06.014 Typ Journal Article Autor De Visscher A Journal Journal of Experimental Child Psychology Seiten 41-53 Link Publikation -
2018
Titel Relating individual differences in white matter pathways to children’s arithmetic fluency: a spherical deconvolution study DOI 10.1007/s00429-018-1770-6 Typ Journal Article Autor Polspoel B Journal Brain Structure and Function Seiten 337-350 -
2018
Titel Interference and problem size effect in multiplication fact solving: Individual differences in brain activations and arithmetic performance DOI 10.1016/j.neuroimage.2018.01.060 Typ Journal Article Autor De Visscher A Journal NeuroImage Seiten 718-727 Link Publikation -
2018
Titel Dyscalculia and dyslexia: Different behavioral, yet similar brain activity profiles during arithmetic DOI 10.1016/j.nicl.2018.03.003 Typ Journal Article Autor Peters L Journal NeuroImage: Clinical Seiten 663-674 Link Publikation -
2020
Titel Associations Between Individual Differences in Mathematical Competencies and Surface Anatomy of the Adult Brain DOI 10.3389/fnhum.2020.00116 Typ Journal Article Autor Heidekum A Journal Frontiers in Human Neuroscience Seiten 116 Link Publikation -
2017
Titel Arithmetic in the developing brain: A review of brain imaging studies DOI 10.1016/j.dcn.2017.05.002 Typ Journal Article Autor Peters L Journal Developmental Cognitive Neuroscience Seiten 265-279 Link Publikation -
2017
Titel Strategy over operation: neural activation in subtraction and multiplication during fact retrieval and procedural strategy use in children DOI 10.1002/hbm.23691 Typ Journal Article Autor Polspoel B Journal Human Brain Mapping Seiten 4657-4670 Link Publikation
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2019
Titel Invited symposium at the paEpsy 2019 Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2019
Titel Member of the editorial board of "Open Education studies" Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series Bekanntheitsgrad Continental/International
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2017
Titel Non-invasive brain stimulation in mathematics learning Typ Other Förderbeginn 2017