Identifizierung neurobiologischer Grundlagen bei isolierter Lese- bzw. Rechtschreibstörung
Identification of neurobiological causes in children with isolated reading / spelling deficits
DACH: Österreich - Deutschland - Schweiz
Wissenschaftsdisziplinen
Psychologie (100%)
Keywords
-
Reading Disorder,
Cognitive Profiles,
Spelling Disorder,
Neurobiological Correlates,
Dissociation,
Precursors
Theoretischer Hintergrund: Die Lese-Rechtschreibstörung stellt eine der häufigsten Entwicklungsstörungen des Kindes- und Jugendalters dar. Zahlreiche Studien zur Untersuchung der kognitiven Kerndefizite und der neuro- biologischen Grundlagen der Lese- und Rechtschreibstörung haben zu einem besseren Verständnis dieser Lernstörung geführt. In der Regel gehen diese Studien davon aus, dass Defizite im Lesen und Defizite im Rechtschreiben ein- und dasselbe Störungsbild darstellen. Aktuelle Befunde zeigen jedoch, dass Defizite im Lesen und Defizite im Rechtschreiben auch unabhängig voneinander auf- treten können und mit jeweils unterschiedlichen kognitiven Defiziten assoziiert sind. Diese Befunde weisen auf unterschiedliche Ätiologien der beiden Störungen hin. Ziele: Ziel des vorliegenden Forschungsvorhabens ist es, diese Unterschiede durch Analysen der Wortverarbeitung weiter zu spezifizieren. Mittels geeigneter Methoden (Analyse der Blickbewe- gungen, EEG- und (f)MRT-Paradigmen) sollen die kognitiven Profile und neurobiologischen Korrelate erfasst werden, welche die auf der Verhaltensebene beobachteten Dissoziationen von Lese- und Rechtschreibstörungen erklären. Das Projekt ermöglicht ein besseres Verständnis der kognitiven Mechanismen, die isolierten Störungen des Lesens und isolierten Störungen des Rechtschreibens zugrunde liegen. Die Ergebnisse dieses Projektes sind nicht nur für die Weiterentwicklung von Modellen im Bereich der Schriftsprachstörungen von Bedeutung, sondern haben darüber hinaus auch wesentliche Implikationen für die Diagnostik und Therapie. Die Identifizierung kognitiver Profile und ein differenziertes Verständnis der zugrundeliegenden neurobiologischen Mechanismen isolierter Störungen des Lesens und isolierter Störungen des Rechtschreibens bilden die Grundlage für die Entwicklung spezifischer Förderansätze. Methode: Der Antrag ist als bilaterales Forschungsprojekt konzipiert (DACH Projekt), um Synergieeffekte zu erzielen. Die Erhebung an zwei Standorten ist Voraussetzung für den Erfolg des Projektes. Dies gewährleistet die Rekrutierung einer ausreichend großen Stichprobe und ermöglicht die Analyse auf drei verschiedenen Beobachtungsebenen (Verhaltens-, Kognitions-und Gehirnebene), aufgrund der unterschiedlichen Expertisen, die von Seiten der AntragstellerInnen in das Projekt eingebracht werden. Die beiden neurobiologischen Methoden werden (fMRI und ERP) entsprechend der Expertise der Antragsteller/-innen auf die zwei Standorte aufgeteilt, so dass die fMRI Daten in Graz und die ERP Daten in München erhoben werden. Die Verhaltens- und kognitiven Maße (inkl. Blickbewegungsexperiment) werden von beiden Partnern erhoben, so dass diese mit den neurobiologischen Korrelaten spezifischer Defizitgruppen assoziiert werden können. In einer ersten Screeningphase werden anhand von Klassentests zur Erhebung der Lese- und Rechtschreibleistung Ende der 3. Schulstufe bzw. Anfang der 4. Schulstufe vier Gruppen selektiert: isolierte Rechtschreibschwäche trotz altersgemäßer Leseentwicklung, isolierte Leseschwäche trotz altersgemäßer Rechtschreibkompetenz, kombinierte Lese- und Rechtschreibschwäche und eine Kontrollgruppe mit altersentsprechender Leistung im Lesen und Rechtschreiben. Diese vier spezifisch ausgewählten Gruppen (N=80 pro Standort) werden an drei individuell durchgeführten Testungen teilnehmen, die der Erhebung der kognitiven Profile und neurobiologischen Korrelate dienen, die mit isolierten Lese-, isolierten Rechtschreib- und kombinierten Lese- und Rechtschreibstörungen assoziiert sind. Im Vordergrund steht bei diesen Erhebungen die Untersuchung lexikalischer und sublexikalischer Prozesse bei der W orterkennung.
Dieses Projekt ging der Frage nach, warum Defizite im Lesen und im Rechtschreiben dissoziieren können, obwohl die beiden Teilkomponenten des Schriftspracherwerbs auf ähnlichen kognitiven Prozessen basieren. Ziel war die Identifikation der neuro-kognitiven Profile und Defizite in Prozessen der sublexikalischen und lexikalischen Schriftwortverarbeitung, die bei spezifischen Störungen der Leseflüssigkeit bzw. des Rechtschreibens vorliegen. Die Befunde bestätigen, dass Defizite der Leseflüssigkeit und des Rechtschreibens mit unterschiedlichen Defiziten der Schriftwortverarbeitung assoziiert sind. Häufig wird angenommen, dass Defizite der Leseflüssigkeit daraus resultieren, dass Kinder zu lange in einer rekodierenden Strategie des Zusammenlautens von Buchstaben(gruppen) verhaftet bleiben. Unsere Ergebnisse weisen allerdings deutlich darauf hin, dass Kinder mit Defiziten der Leseflüssigkeit sehr wohl Strategien der lexikalischen Worterkennung nutzen, allerdings ist der Zugriff auf Schriftwortrepräsentationen extrem verlangsamt. Auf kognitiver und neurophysiologischer Ebene zeigte sich, dass Defiziten der Leseflüssigkeit vermutlich Probleme im effizienten Zugriff auf Schriftwortrepräsentationen und allgemeiner im Zugriff auf verbale Information ausgehend von visuellen Stimuli zugrunde liegen. Rechtschreibdefiziten liegen Probleme in Aufbau und Speicherung wortspezifischer Gedächtnisrepräsentationen zugrunde. Ungenaue Schriftworteinträge sind hinreichend, um ein Wort beim Lesen wiederzuerkennen, aber nicht um eine orthographisch korrekte Schreibung zu produzieren. Diese Asymmetrie erklärt, warum die Rechtschreibleistung beeinträchtigt sein kann, obwohl sich die Leseleistung unauffällig entwickelt. Die exakten Kausalmechanismen dieser Entwicklung sind allerdings noch nicht gänzlich erforscht. Bekannte Risikofaktoren sind frühe Defizite in der phonologischen Bewusstheit (vor und in der Grundschule) und in der Aufmerksamkeitsorientierung. Weitere potentielle Risikofaktoren wie z.B. morphologische Bewusstheit waren nicht Gegenstand des aktuellen Projektes. Unsere Befunde haben wichtige praktische Implikationen. Im diagnostischen Prozess ist zwischen isolierten Defiziten des Lesens, des Rechtschreibens und kombinierter Lese- /Rechtschreibstörung zu differenzieren, welche offenkundig mit unterschiedlichen kognitiven Profilen assoziiert sind. Interventionsprogramme sollten auf das jeweilige Profil zugeschnitten sein. In den letzten Jahren wurden vor allem Interventionsprogramme propagiert, die auf die Verbesserung der phonologischen Bewusstheit abzielen. Solche Programme sind für Kinder mit isolierten Lesedefiziten allerdings vermutlich wenig sinnvoll, weil die phonologische Bewusstheit dieser Kinder unauffällig ist. Stattessen sollte die Förderung bei Defiziten der Leseflüssigkeit auf die Automatisierung der Buchstabe- Lautbeziehungen und die Erhöhung der Effizienz des visuell-verbalen Zugriffs und der Schriftwortverarbeitung fokussieren.
- Universität Graz - 100%
- Gerd Schulte-Körne, Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München - Deutschland
- Kristina Moll, Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München - Deutschland
Research Output
- 288 Zitationen
- 12 Publikationen
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2019
Titel Stability of Deficits in Reading Fluency and/or Spelling DOI 10.1080/10888438.2019.1659277 Typ Journal Article Autor Moll K Journal Scientific Studies of Reading Seiten 241-251 Link Publikation -
2018
Titel Deficient Letter-Speech Sound Integration Is Associated With Deficits in Reading but Not Spelling DOI 10.3389/fnhum.2018.00449 Typ Journal Article Autor Kemény F Journal Frontiers in Human Neuroscience Seiten 449 Link Publikation -
2018
Titel Print-, sublexical and lexical processing in children with reading and/or spelling deficits: An ERP study DOI 10.1016/j.ijpsycho.2018.05.009 Typ Journal Article Autor Kemény F Journal International Journal of Psychophysiology Seiten 53-62 Link Publikation -
2018
Titel Orthographic learning in children with isolated and combined reading and spelling deficits DOI 10.1080/09297049.2018.1470611 Typ Journal Article Autor Mehlhase H Journal Child Neuropsychology Seiten 370-393 Link Publikation -
2020
Titel Reading-related functional activity in children with isolated spelling deficits and dyslexia DOI 10.1080/23273798.2020.1859569 Typ Journal Article Autor Banfi C Journal Language, Cognition and Neuroscience Seiten 543-561 Link Publikation -
2017
Titel Deficits in Letter-Speech Sound Associations but Intact Visual Conflict Processing in Dyslexia: Results from a Novel ERP-Paradigm DOI 10.3389/fnhum.2017.00116 Typ Journal Article Autor Bakos S Journal Frontiers in Human Neuroscience Seiten 116 Link Publikation -
2017
Titel Visuo-spatial cueing in children with differential reading and spelling profiles DOI 10.1371/journal.pone.0180358 Typ Journal Article Autor Banfi C Journal PLOS ONE Link Publikation -
2017
Titel Neurophysiological correlates of word processing deficits in isolated reading and isolated spelling disorders DOI 10.1016/j.clinph.2017.12.010 Typ Journal Article Autor Bakos S Journal Clinical Neurophysiology Seiten 526-540 Link Publikation -
2017
Titel Lexical Reading in Dysfluent Readers of German DOI 10.1080/10888438.2017.1339709 Typ Journal Article Autor Gangl M Journal Scientific Studies of Reading Seiten 24-40 Link Publikation -
2018
Titel Understanding comorbidity of learning disorders: task-dependent estimates of prevalence DOI 10.1111/jcpp.12965 Typ Journal Article Autor Moll K Journal Journal of Child Psychology and Psychiatry Seiten 286-294 -
2018
Titel White matter alterations and tract lateralization in children with dyslexia and isolated spelling deficits DOI 10.1002/hbm.24410 Typ Journal Article Autor Banfi C Journal Human Brain Mapping Seiten 765-776 Link Publikation -
2018
Titel Reading strategies of good and poor readers of German with different spelling abilities DOI 10.1016/j.jecp.2018.05.012 Typ Journal Article Autor Gangl M Journal Journal of Experimental Child Psychology Seiten 150-169 Link Publikation