Bewertung von Reisezeiten: Daten und Modelle für Aktivitätenmuster
Valuing (travel) time: Models and data for activity scheduling
DACH: Österreich - Deutschland - Schweiz
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Sozialwissenschaften (20%); Andere Technische Wissenschaften (30%); Soziologie (30%); Wirtschaftswissenschaften (20%)
Keywords
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Time Use,
Activity Scheduling,
Value Of Travel Time Savings,
GPS-tracking,
Mobility Behaviour,
Stated-Response Survey
Die Messung und Bewertung von Reisezeit ist eines der wichtigsten Themen der Verkehrswissenschaften. Kosteneinsparungen durch Reisezeitgewinne sind ein zentrales Element der Bewertung von Infrastrukturinvestitionen. Wichtige Kritikpunkte an den derzeitig verwendeten Methoden zur Bewertung von Reisezeiten sind die ungenügende Berücksichtigung der Tatsache, dass zumindest ein Teil der durch direktere Verbindungen oder höhere Geschwindigkeiten eingesparten Reisezeiten wieder in Wegezeiten investiert wird (Hypothese eines in etwa konstanten Reisezeitbudgets); die Einbeziehung und Aufaddierung auch sehr kurzer Reisezeitreduktionen sowie Inkonsistenzen zwischen Methoden zur Bewertung von Reisezeiten und der Verkehrsmodellierung. Das Ziel dieses Projekts ist, vorhandene Methoden zur Bewertung und Modellierung von Zeitnutzung mit Fokus auf Verkehrszeiten, aber unter Berücksichtigung auch nicht verkehrlicher Aktivitäten, weiter zu entwickeln. Ein innovatives Mobilitäts-Aktivitätstagebuch wird für die Erarbeitung der empirischen Datengrundlage offenbarten Präferenzen verwendet in einer Kombination aus schriftlicher Erhebung und GPS-Tracking. Die Befragung zu bekundeten Präferenzen wird ein breites Spektrum an Wahlmöglichkeiten umfassen, um Änderungen von Aktivitätenmustern besser verstehen und modellieren zu können. Die folgenden Arbeitspakete sind geplant: Erweiterung und Weiterentwicklung vorhandener Ansätze zur Modellierung von Zahl, Dauer, Typ und Abfolge außerhäuslicher Aktivitäten auf Basis aktueller und anspruchsvoller verkehrsökonomischer Theorie Schätzung der ersten deutschen Werte einzelner Komponenten der Reisezeiten Weiterentwicklung der Methoden zur Messung von Zeitnutzung unter Nutzung innovativer GPS-Technologien zur Aufzeichnung von Positionen, Geschwindigkeiten, Beschleunigungen Erarbeitung, Test und Durchführung einer Stated-Response Befragung zur Erhebung von Änderungen täglicher Aktivitätenmuster in Reaktion auf geänderte Kostenstrukturen Integration der erarbeiteten Modelle und empirischen Daten in die agentenbasierte Verkehrssimulation MATSim (Multi-Agent Transport Simulation) Die zwei wichtigsten Ergebnisse des Projekts können wie folgt beschrieben werden. Es werden: die ersten deutschen Werte für die Bewertung von Reisezeiten vorliegen, die explizit mit einer dafür erhobenen empirischen Datenbasis modelliert werden; maßnahmensensitive und umfassende Modelle zur Abbildung täglicher Aktivitätenmuster vorliegen. Zudem generiert das Projekt neue erhebungsmethodische Erkenntnisse in den Bereichen der offenbarten und bekundeten Präferenzen.
Ziel des Projekts "Valuing (travel) time" war es, die besten derzeit verfügbaren Modelle zur Bewertung von Reisezeiten weiter zu entwickeln und erstmalig in Österreich anzuwenden. Zeitbewertungen (Zeitkostensätze) sind eine zentrale Eingangsgröße in Nutzen-Kosten- Analysen (RVS 02.01.22, 2010), weil sie den volkswirtschaftlichen Nutzen von kürzeren Reisezeiten etwa durch neue hochrangige Verkehrsverbindungen ausdrücken. Derzeit werden die Zeitkostensätze nur auf der Basis von Mobilitätsdaten geschätzt. Inzwischen gibt es bessere Modelle, die eine zuverlässigere Schätzung ermöglichen. Dort müssen zusätzlich zum Mobilitätsverhalten auch die Zeitnutzung und Konsumausgaben einbezogen werden. Diese Daten werden jedoch üblicherweise von unterschiedlichen Personen in separaten Ehebungen erfasst: Mobilitätserhebungen, Zeitnutzungserhebungen und Konsumerhebungen. Bislang steht weltweit kein Datensatz zur Verfügung, bei dem diese Informationen simultan von denselben Personen erfasst wurden. Daher konnte auch das Zeitbewertungsmodell nur unvollständig in Teilbereichen geschätzt werden. In diesem Projekt wurde ein neuartiges Erhebungsverfahren entwickelt: das Mobility-Activity-Expenditure-Diary (MAED). Damit wurden die Informationen aus allen drei Bereichen über den Zeitraum einer Woche bei 748 Probanden erfasst, welche zufällig unter erwerbstätigen ÖsterreicherInnen ausgewählt wurden. In einer stated preference-Folgeerhebung wurde zusätzlich das Wahlverhalten der Probanden hinsichtlich Verkehrsmittel-, Routen- und Zielwahl untersucht. Mit diesen Daten konnte erstmals das vollständige Zeitbewertungsmodell mit allen Komponenten geschätzt werden. Der value of leisure (Wert der Freizeit) liegt mit 9,50 /Stunde im erwarteten Bereich. Überraschender ist, dass die verbrachte Zeit im ÖV viel weniger negativ bewertet wird als im Pkw. Es widerspricht der gängigen Behauptung, dass die Zeit im Pkw angenehmer empfunden wird. Der Grund dürfte die zunehmende Verfügbarkeit von mobile devices sein, die im ÖV durch den Wegfall der Fahraufgabe besser genutzt werden können. Insofern ergibt sich aus der Verlagerung von Pkw-Fahrten auf den ÖV ein Nutzengewinn, auch wenn sich Reisezeit und -kosten nicht ändern. Wir empfehlen die Nutzen-Kosten Analyse zu adaptieren, um diesen Effekt abzubilden. Darüber hinaus ist zu erwarten, dass das automatisierte Fahren und der damit einhergehende Wegfall der Fahraufgabe beim Pkw einen ähnlichen Effekt auslösen wird: Die Fahrzeit wird für andere Aktivitäten genutzt und somit angenehmer, dadurch wird die Pkw-Nutzung gegen längere Reisezeiten unempfindlicher.
- Regine Gerike, Universität für Bodenkultur Wien , ehemalige:r Projektleiter:in
- Kay W. Axhausen, ETH Zürich - Schweiz
Research Output
- 141 Zitationen
- 5 Publikationen
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2019
Titel A joint time-assignment and expenditure-allocation model: value of leisure and value of time assigned to travel for specific population segments DOI 10.1007/s11116-019-10022-w Typ Journal Article Autor Hössinger R Journal Transportation Seiten 1439-1475 Link Publikation -
2019
Titel A pooled RP/SP mode, route and destination choice model to investigate mode and user-type effects in the value of travel time savings DOI 10.1016/j.tra.2019.03.001 Typ Journal Article Autor Schmid B Journal Transportation Research Part A: Policy and Practice Seiten 262-294 Link Publikation -
2018
Titel Reporting quality of travel and non-travel activities: A comparison of three different survey formats DOI 10.1016/j.trpro.2018.10.057 Typ Journal Article Autor Aschauer F Journal Transportation Research Procedia Seiten 309-318 Link Publikation -
2018
Titel Time use, mobility and expenditure: an innovative survey design for understanding individuals’ trade-off processes DOI 10.1007/s11116-018-9961-9 Typ Journal Article Autor Aschauer F Journal Transportation Seiten 307-339 Link Publikation -
2018
Titel Implications of survey methods on travel and non-travel activities: A comparison of the Austrian national travel survey and an innovative mobility-activity-expenditure diary (MAED) DOI 10.18757/ejtir.2018.18.1.3217 Typ Journal Article Autor Aschauer F Journal European Journal of Transport and Infrastructure Research Link Publikation