Verordnete Lust. Sexualmedizin, Psychoanalyse ....1870-1930
Verordnete Lust. Sexualmedizin, Psychoanalyse ....1870-1930
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Andere Humanmedizin, Gesundheitswissenschaften (50%); Psychologie (10%); Soziologie (20%)
Keywords
-
History,
Marriage,
Sex Medicine,
Sexual Disorder,
1870-1930,
Psychoanalysis
Im Unterschied zur Sexualwissenschaft wurden die Anfänge professioneller Sexualmedizin und -therapie im späten 19. Jahrhundert kaum erforscht. Die Arbeit möchte diese Forschungslücke für den deutschsprachigen Raum schließen und zeigen, wie Ärzte in dieser Zeit sexuelle Beschwerden von Männern und Frauen mit wissenschaftlichem Anspruch als Krankheiten definieren und therapieren. Die Sexualmedizin wird als dynamischer Wissensgegenstand, aber auch als gesellschaftspolitischer Faktor analysiert, indem sie in Beziehung zu den Geschlechterverhältnissen gestellt wird. Es wird argumentiert, dass sie ein Versuch war, die Ehe auf ein verändertes Ideal der sexualisierten Liebe umzustellen und dadurch entstehende Probleme von Paaren therapeutisch zu bewältigen. Der Quellenkorpus für die Diskursanalyse wurde aus etwa 110 publizierten Texten (1865 bis 1935) von Ärzten verschiedener Fächer (Psychiatrie, Gynäkologie, Urologie, Dermatologie, Psychoanalyse, Sexualforschung u.a.) zusammengestellt. Das letzte Kapitel wendet sich gesondert der Analyse von Fällen zu. Die Arbeit wurde ursprünglich als Dissertation am Europäischen Hochschulinstitut (Florenz) verfasst, für die Publikation aber in großen Teilen neu geschrieben, durchgängig verbessert und gekürzt. In den einzelnen Kapiteln werden folgende Ergebnisse vorgestellt: Um 1880 bemühen sich Ärzte um eine Verwissenschaftlichung der Impotenz des Mannes und behaupten sie als eigenständige Erkrankung. Sie wird von einem organischen Gebrechen der Genitalorgane in ein nervöses Leiden umgeschrieben. Auch kleinere Mängel der Potenz und Störungen des sexuellen Gefühls nehmen Ärzte als krankhafte Zustände ernst. Bei den Frauen wird um 1890 der Mangel sexueller Befriedigung in der Ehe als Beschwerdebild "entdeckt" und kontrovers diskutiert. Die Psychoanalyse vertieft um 1900 das Interesse an Störungen der emotionalen Intensität und der erotischen Befriedigung, erweitert und detailliert bis 1930 die einschlägigen Pathologien (Kapitel 1). Die Formulierung sexueller Störungen als Wissensobjekt wird begleitet von einer kompletten Neukonzeption des Sexuellen: Für gesunde und normale "Sexualität" ist nicht mehr ausreichend, einen Zeugungsakt zustande zu bringen, in dem zwei Genitalorgane aufeinander treffen und Körperflüssigkeiten austauschen. Es wird von den Subjekten nun erwartet, dass sie Phasen erotischer Erregung, psychischer Spannung und Entspannung auf geordnete Weise durchlaufen. Subjektive Faktoren, wie Lust, Intensität und Befriedigung treten ins Zentrum dieser Neukonzeption und werden zu Objekten wissenschaftlicher Besprechung und Beobachtung. Der Sexualmechanismus gilt als komplexe und störanfällige Maschinerie. Die Frau steht dem nicht nach: Ihr wird ebenfalls ein aktiver Trieb und erotische Bedürfnisse zugeschrieben, die aber weniger stark, intensiv und tendenziell defizitärer sind als beim Mann. Das Geschlechterverhältnis wird als Antagonismus gezeichnet, der - über die pathologische Anfälligkeit des Einzelnen hinausgehend - die sexuelle Befriedigung von Mann und Frau zu einer komplizierten Angelegenheit macht (Kapitel 2). Während eine so definierte sexuelle Normalität in der Praxis schwer zu erreichen ist, nimmt im breiteren kulturellen Kontext die Bedeutung sexueller Zufriedenheit in Zweierbeziehungen zu. Soziologen und HistorikerInnen sprechen von einer Umstellung der Ehe von einem "sentimentalen" auf ein "sexuelles" Ideal: Die Liebe als Ehegrundlage hat sich durchgesetzt, wird aber als sexuelles Gefühl gedeutet. Spontane, sexuelle Anziehung darf bei der Wahl der PartnerIn eine größere Rolle spielen und soll in der Ehe erhalten bleiben. Das Ideal bleibt kontroversiell und vielfach uneingelöst. Eine öffentliche Debatte über eine "Krise der Ehe" ist die Folge: Die Ehe scheint weder den von der Politik zugedachten Aufgaben noch den subjektiven Erwartungen nachzukommen (Geburtenrückgang, steigende Scheidungsrate). Die Sexualärzte unterstützen, gegen Recht, Religion und Politik, die moderne Konzeption von Zweierbeziehungen in dieser Debatte (Kapitel 3). Dieses Bekenntnis ist nicht ganz uneigennützig: Durch die öffentliche Wahrnehmung von Eheproblemen wird die Therapeutik zum relevanten Arbeitsgebiet für Ärzte. Das Feld der Sexualtherapien ist (und bleibt) in dieser Zeit institutionell schwach abgesichert, ungeordnet und durch Konflikte um Zuständigkeiten gekennzeichnet. Moralische Bedenken erschweren die Behandlung von Frauen. Die Methoden sind vielfältig, wenig originell und werden schonend und nicht invasiv eingesetzt. Die "Settings" entsprechen bis in die 1920er Jahre den Erwartungen einer bürgerlichen Klientel (Kapitel 4). In Fallgeschichten werden Freiwilligkeit und Einverständnis zur Behandlung hoch bewertet. Die Subjekte sollen ihr Selbst zum Problem machen, ihr sexuelles Begehren identifizieren, in eine Chronologie bringen und Abwege vom normalen Verlauf ausmachen. Die Ärzte machen das Symptom dann am Körper, im Nervensystem oder an der Psyche fest und richten daran das therapeutische Vorgehen aus. Ziel der Therapien ist es, das sexuelle Begehren auf einem konstant hohen Niveau zu halten, es auf den heterogenitalen Verkehr zu bündeln und dauerhaft in einem ehelichen Verhältnis einzurichten (Kapitel 5).
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