Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Kunstwissenschaften (70%); Sprach- und Literaturwissenschaften (10%)
Keywords
-
Crete,
Iconographic Programme,
Byzantine wall painting,
Style,
Iconography,
Cultural History
Kaum eine andere Region Griechenlands bietet eine solche Dichte an Kirchen mit byzantinischen Fresken wie Kreta. Seine fast 1000 ausgemalten Kirchen repräsentieren etwa die Hälfte des Bestandes von ganz Griechenland (7.-15. Jh.). Die große Mehrheit der kretischen Kirchen wurde im 14. und 15. Jh. ausgemalt, in der Zeit der venezianischen Herrschaft (1211-1669). Die Anzahl der Freskenprogramme, die vollständig oder teilweise publiziert sind, ist jedoch verschwindend gering. Die bislang veröffentlichten Studien zu den kretischen Denkmälern bilden eine immer noch zu geringe Ausgangsbasis für eine repräsentative Kunst- und Kulturgeschichte der Insel. Entsprechend gering ist ihre Wahrnehmung und Berücksichtigung in allgemeinen Darstellungen der byzantinischen Kunstgeschichte, was wiederum dazu führt, dass die einzigartige Kunst und Kultur der Insel noch nicht die ihr gebührende Wertschätzung gefunden hat. Die Arbeit versteht sich in erster Linie als ein Beitrag zur dringend nötigen Grundlagenforschung auf diesem Gebiet. Ihr Hauptanliegen ist die vollständige Publizierung der von der Werkstatt des Ioannes Pagomenos ausgemalten Kirche der Panagia, datiert durch die Stifterinschrift 1331/2, und der undatierten Kirche des Erzengels Michael, die von einer anonymen Werkstatt ausgemalt wurde. Sie ist durch ein Graffito vor 1370 datierbar. Beide Kirchen befinden sich in Kakodiki, in der Eparchie Selino des Nomos Chania, im Südwesten Kretas. Beide sind nicht nur für sich selbst genommen höchst interessante Einzelmonumente, sondern sie gehören jeweils zu zwei größeren, zeitlich aufeinander folgenden Kirchengruppen mit Werkstattbezug. Daher lassen sie in ihren Malereien durch gesicherte Vergleiche weitreichende Aussagen gewinnen zu kunsthistorischen Entwicklungen und kulturhistorischen Hintergründen wie auch zu Arbeitsweise, Organisation und Struktur byzantinischer Malereiwerkstätte. Der in dieser Arbeit gewählte Blickwinkel nutzt die gute Ausgangslage im Denkmälerbestand, um die beiden Kirchen als Leitmonumente im Spannungsfeld lokaler Werkstattanalyse, regionaler kretischer Bildtradition und allgemein byzantinischer Kunstentwicklung im 14. Jh. zu erschließen. Zugleich verfolgt sie aber weitere wichtige Ziele und möchte die Diskussion anregen über Spezialfragen, die in der Forschung bisher kaum oder unzureichend behandelt wurden. Die lateinische Besetzung der Insel mit ihren macht- und religionspolitischen Auseinandersetzungen bildet dazu einen kulturhistorisch besonders spannenden Rahmen. Die Arbeit ist folgendermaßen gegliedert: Eine Einführung zum kulturhistorischen Hintergrund leitet den ersten Teil ein. Darin wird die historische Situation nach der Eroberung Kretas durch die Venezianer bis zum 17. Jh. skizziert, zugleich sind die Informationen zur Verteilung und Verwaltung des Landes, zur Struktur der feudi, zum religiösen Leben auf der Insel und zu den Beziehungen zwischen Venezianern und Kretern zusammengetragen. Hauptsächlich interessiert hier die Situation im Hinterland, für die es in den schriftlichen Quellen nur spärliche Informationen gibt. Sodann werden beide Kirchen separat vorgestellt. Der Aufbau der Untersuchung ist für beide Kirchen gleich: Nach Angaben zum Forschungstand und Architektur wird zunächst die Stifterinschrift analysiert und die in ihr enthaltenen Informationen ausgewertet. Danach werden Bildprogramm, Ikonographie und Stil beschrieben und daraufhin analysiert, ob sie, verglichen mit der kretischen Tradition, Besonderheiten aufweisen bzw. ob es Gemeinsamkeiten mit oder Abweichungen von der byzantinischen Tradition gibt. Gleichzeitig wird erörtert, inwieweit Einflüsse der westlichen Ikonographie greifbar sind. Zudem liefert die vergleichende Untersuchung beider Kirchen mit den anderen Kirchen der jeweiligen Werkstattgruppe wichtige Argumente für die Frage der Zuschreibung, und die typischen Merkmale der jeweiligen Werkstatt werden dadurch herausgearbeitet. Auf diesem Weg werden zum einen die Fresken von Kakodiki in die kunsthistorische Entwicklung der Insel und der großen byzantinischen Zentren des 14. Jahrhunderts eingeordnet, zum anderen werden Erkenntnisse zur Arbeitsweise von Malereiwerkstätten erzielt. Ein zusammenfassender Abschnitt schließt den ersten Teil der Arbeit ab. Darin sind die einander methodisch und inhaltlich ergänzenden Ergebnisse der Teiluntersuchungen zu Bildprogramm, Ikonographie und Stil für jede Kirche synthetisch zusammengestellt und für die Werkstattfrage ausgewertet. Fragen nach den Auftraggebern und der Interaktion zwischen ihnen und der Werkstatt haben hier eine besondere Berechtigung, da man feststellen kann, inwieweit die Auftraggeber das Bildprogramm beeinflussten und welche Themen zur Werkstatttradition gehörten, ob Ikonographie und Stil beständig blieben und schließlich auch, wie das Verhältnis der Maler der Werkstatt zueinander war. In zweiten Teil der Arbeit werden die Erkenntnisse aus den Teiluntersuchungen des ersten Teils zusammengefasst und weiterführend ausgewertet. Die Ergebnisse betreffen die folgenden drei Aspekte: 1. Beobachtungen zur Struktur und Arbeitsweise von Malereiwerkstätten im 14. Jh. 2. Künstlerische Tendenzen des 14. Jhs. auf Kreta: Bildprogramm, Ikonographie, Stil 3. Die Kirchen im Spiegel der Kultur Kretas im 14. Jh. Im Sinne der eingangs geschilderten Forschungssituation soll diese Arbeit einen Anfang bilden, nicht nur die Kenntnis des Denkmälerbestandes der kretischen Kunst durch neue Materialvorlagen entscheidend zu vergrößern. Zugleich ist der Versuch unternommen, die vielfältigen Ergebnisse zunächst für die kunsthistorische Forschung zu erschließen, sodann aber auch in einem breiteren Ansatz für eine kulturhistorische Auswertung nutzbar zu machen. Die Kirchen der Panagia und des Erzengels Michael in Kakodiki dürfen, zusammen mit ihren jeweiligen Kirchengruppen, als Leitmonumente kretisch-byzantinischer Kunst des 14. Jhs. gelten. Die reiche Evidenz gibt darüber hinaus die Möglichkeit, sie in eine methodische Fallstudie für die interdisziplinäre Betrachtung der Kultur des Hinterlandes einzubinden. Die Kirchenausstattungen mit ihren religiösen Darstellungen für den orthodoxen Kult und den Bildern der Selbstdarstellung ihrer Stifter werden als identitätsstiftender Ausdruck der fremdbeherrschten Bevölkerung erfahrbar.