Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (60%); Soziologie (40%)
Keywords
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Masculinity,
Homosexuality,
German Cinema
Homosexualitäten und insbesondere männliche Homosexualitäten wurden in der Geschichte des Kinos nur selten gezeigt, und wenn, wurden sie zumeist bis zur Lächerlichkeit verzerrt, erregten Mitleid oder bewirkten Furcht. Seit den 1980er und vor allem in den 1990er Jahren hat sich dies in vielen - vor allem westlichen - Ländern zunehmend verändert. In der Publikation wird dieser Entwicklung unter anti-essentialistischen Vorzeichen aus männergeschichtlicher Sicht nachgegangen. Aus einer longue durée-Perspektive wird dabei ein Prozess von der Etablierung hegemonialer Männlichkeit (Connell) seit der Aufklärung und der untrennbar damit verbundenen Hervorbringung von männlicher Homosexualität als das "konstitutiv Andere" bis hin zum "Abbröckeln" des hegemonialen Modells in der Folge der "68er-Bewegung" als Erklärungsansatz für eine historisch "neue Sichtbarkeit" zugrunde gelegt. Bei aller Widersprüchlichkeit und Vielschichtigkeit der daraus resultierenden Pluralisierungstendenzen in der Postmoderne begreife ich homosexuelle Männlichkeiten gleichzeitig als Akteure und "Kriegsgewinnler" (Bochow) dieses Geschlechterkampfes. Die Studie zeigt die zentrale Rolle des Kinos mit einer etwa 80-jährigen Tradition der Repräsentation männlicher Homosexualitäten im Gesamtzusammenhang dieser Entwicklungen. Neben seiner reaktionären Funktion bei der Aufrechterhaltung und Stereotypisierung des Tabus Homosexualität kam dem Medium seit Richard Oswalds "Anders als die Anderen" (1919) immer wieder auch eine wichtige Rolle bei der Selbstvergewisserung und politischen Formierung Homosexueller zu. Diese Entwicklung wird nachgezeichnet, um in der Folge den spezifischen Erfahrungsraum auszuleuchten, der einem/einer potenziellen KinogeherIn hinsichtlich der Repräsentation und Konstruktion männlicher Homosexualitäten im deutschen Kino der 1990er Jahre zur individuellen Funktionalisierung zur Verfügung stand. Durch eine Filmauswahl, die nicht nur Produktionen des so genannten Mainstream-Kinos sondern auch Avantgarde-Produktionen berücksichtigt, liefert das Buch eine möglichst umfassende Darstellung dieses kinematographischen Darstellungsraums. Neben Rosa von Praunheims Filmen wie "Neurosia - 50 Jahre pervers" (1995) oder "Der Einstein des Sex" (1999), die ich im Kontext des von Praunheim`schen Oeuvres unter anderem als Bestandsaufnahme homosexueller Identitätsentwürfe eines knappen Jahrhunderts lese, thematisiert die Arbeit zudem die immense Bedeutung von HIV/AIDS anhand von Jochen Hicks Filmen ("Via Appia", 1990 und "No One Sleeps", 2000) oder Pierre Sannoussi-Bliss` "Zurück auf Los" (2000). Dabei arbeite ich die Veränderungen in den HIV/AIDS-Narrativen im Lauf der 1990er Jahre heraus. Wie stark Identitätskonstruktionen neben der Frage geschlechtlichen Begehrens auch von anderen Kriterien kultureller Zuschreibung wie Gender, Klasse, Rasse (race), Ethnizität, Alter etc. beeinflusst wurden und werden, wird anhand dieser Filme ebenso deutlich, wie durch die Analyse der Produktionen des deutschen "New Queer Cinema" und der darin vorzufindenden Männlichkeitsentwürfe. Besonderes Augenmerk wird hierbei "Prinz in Hölleland" (Michael Stock 1993), "Oi! Warning" (Dominik und Benjamin Reding 1998/2000) und "Lola und Bilidikid" (Kutlug Ataman 1998) geschenkt. Ebenso analysiere ich die "Neue Deutsche Beziehungskomödie" anhand des Beispiels "Der bewegte Mann" als visualisierter Ausdruck einer "Krise der Männlichkeit" gegen Ende des 20. Jahrhunderts, die der Arbeit als forschungsstrategischer Bezugspunkt zugrunde liegt. Das Buch schließt mit einem Ausblick auf die Entwicklung der Geschlechterverhältnisse im 21. Jahrhundert und auf das vielfach diskutierte "Verschwinden der Homosexualität".
- Universität Wien - 100%