Und - KünstlerInnen als PionierInnen der Spätmoderne
Und - KünstlerInnen als PionierInnen der Spätmoderne
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (100%)
Keywords
-
Artists,
Lifestyles,
Late Modernity,
Cultures,
Aesthetics,
Modes Of Thinking
Dass wir in einer sich stetig verändernden Gesellschaft leben, bemerken wir in jedem Moment. Unsere Konzepte von Wirklichkeit und uns selbst erhalten dadurch immense Impulse, nicht nur modifiziert, sondern radikal neu überdacht zu werden. Die sogenannte Normal`biografie tritt als Wahl`-, aber auch als Risiko`-Biografie in Erscheinung. Es ist also kein Zufall, dass Fragen rund um Identitäten` und Zugehörigkeiten, aber auch um neue Formen des Denkens generell, zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu einem gesellschaftlich wie individuell höchst bedeutsamen Thema geworden sind. Globalisierung und Spätmoderne, mit anderen Worten Internationalisierung der Wirtschaft, Veränderung der Arbeitswelt, Individualisierung, Geschlechterdemokratie/ Gender Main-streaming etc. prägen dem Leben ihren eigenen Stempel auf und machen es nunmehr unumgänglich, Lebensentwürfe neu und individuell zu gestalten. Dabei sind Dispositionen für Neudefinitionen von Denk/Lebens/Arbeitsmodellen und Freiräume für eine individuelle Lebensgestaltung vor allem in Feldern nicht-standardisierter Karrieremodelle in Bereichen zu finden wie sie in der Creative Class` vertreten sind. Der Wunsch und die Bereitschaft, eine Biographie abseits der Norm`biographie zu bauen, Weiblichkeit` wie Männlichkeit` neu zu definieren und nach eigenen Vorstellungen zu leben, manifestiert sich vor allem bei kreativen Menschen. Dieser Befund verweist direkt in den Bereich der Kunst. Essentielle Analogien zwischen den Dispositionen der künstlerischen Praxis und denen der Spätmoderne drängen geradezu danach, die Biographien von Kunstschaffenden in Hinblick auf Inspirationen für neue Wege des eigenen Lebens` zu analysieren und zu beschreiben. Als Ausgangspunkt dient der erweiterte Kunstbegriff, der das Leben als Gesamtkunstwerk bzw. in einer modernen Version als life as a work in progress` versteht. Von ihrem theoretischen Ansatz her verortet sich diese Studie demnach als auf lebensgeschichtlich/ themenzentrierten Interviews basierende Spurensuche vor dem Hintergrund der Cultural und Gender Studies. In diesem Verständnis werden Lebens/Arbeitsformen als Denkformen und als Ausdruck von Kultur interpretiert. Die Gespräche über das Leben und die Arbeit mit rund vierzig Kunstschaffenden des deutschsprachigen Raumes der Nach-68er Generation der heute Fünfunddreißig bis Fünfzigjährigen, die den diversesten Kunstbereichen wie Literatur, bildende Kunst, Musik, Theater, Film und neue Medien zuzuzählen sind, kreisten dann auch um grundlegende Aspekte des menschlichen Seins wie Zeit und Raum, Bewusstes und Unbewusstes, Abschied und Neubeginn, Freude und Angst, Erfolg und Scheitern sowie last but not least Sinn. Diese Dimensionen werden jedoch in einer nicht hegemonialen Art und Weise gedacht und sind in Diskurse eingebettet, die Inspirationen für den Umgang mit Enttraditionalisierung, wie sie als Phänomen der Spätmoderne von Ulrich Beck u.a. beschrieben wurde, enthalten. Die Umstände des Lebens, so weit wie möglich, selbst zu bestimmen, kann dafür exemplarisch als Beispiel herangezogen werden. Damit erscheint zunächst die Wichtigkeit des Raumes, von der Unabdingbarkeit eines room of one`s own` bis zu der Option, diesen Raum nach eigenen Vorstellungen wechseln zu können, um sich dem Fremden und Anderen wie neuen Erfahrungen auszusetzen. In extremis mündet diese Anschauung in ein nomadisches Lebensmodell, in seiner geistigen Variante in nomadisches Denken. Damit ist ein Denken in Dynamiken und nicht in Regelwerken angesprochen, in denen sich Kontinuität und Diskontinuität in frei flottierenden Bewegungen manifestieren. Entwicklung tritt dabei als Leitmotiv in Erscheinung. Selbst Begriffe wie Zweifel, Aporien etc. entfalten im Fokus von Dynamik und Prozess neue Bedeutungsebenen. Im Sprechen der Kunstschaffenden und in den dadurch initiierten Reflexionsbögen wird deutlich, wie unumgänglich über die Suche nach politischen Lösungen für diverse gesellschaftliche nicht zuletzt durch die aktuelle Wirtschaftskrise explodierende Probleme eine Revision der ihnen jeweils eingeschriebenen Denkkonzepte ist. D.h. sie mit der Sinnhaftigkeit anderer Logiken zu konfrontieren und nicht weitere Modelle, die nach dem selben Schema agieren, sondern ein neues Denken gesellschaftlich zugänglich zu machen. Das Denken selbst und seine Logiken sind also zu thematisieren und die Aufmerksamkeit dafür zu sensibilisieren, welchen Systematiken wir folgen und welche uns darüber hinaus zur Verfügung stehen. Von Interesse ist dabei weniger des Was als des Wie. Denken wir in Bipolaritäten oder in Polaritätssymbiosen, in Begriffen des Entweder/Oder` oder in Begriffen des Und`? Gehen wir von Kunst als Möglichkeits- bzw. symbolischem Proberaum für gesellschaftliche Muster aus, so werden in den Erfahrungsräumen von KünstlerInnen diverse Momente von kultureller Relevanz in Hinsicht auf den gesellschaftlichen Polylog über neue Lebensformen sichtbar. Dabei geht es um Aspekte einer Kultur des Komplexen, einer Kultur der ästhetischen Existenz, einer Kultur des Undoing - gender, authority, family und nicht zuletzt einer Kultur der Lebenskunst, die in der Studie detailreich dargestellt werden. Kunst als außersprachlicher Diskurs über die Welt weist auf Dimensionen des Seins hin, die im wissenschaftlich-rationellen Welt- und Menschenbild weitgehend ausgeblendet sind. Die Relationalität dieser Dimensionen findet ihren Fokus im einem Selbst, das in einem permanenten Gestaltungsprozess, - analog zur künstlerischen Praxis -, die unterschiedlichen Stränge zueinander in Verbindung setzt. Wenngleich Kandinsky das Und` in Überwindung des Entweder/Oder` bereits als folgerichtige Entwicklung des 20. Jahrhunderts vermutete, ist nunmehr zu hoffen, dass es zumindest im 21. Jahrhundert seine Bedeutung zu demonstrieren imstande sein wird. Denn das Neue an der Spätmoderne ist nicht das Konzept der Pluralität an sich, sondern die radikale Umsetzung dieses Konzepts im Denken und in der Lebenswelt.
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