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Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa

Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa

Karina Grömer (ORCID: 0000-0001-5711-8059)
  • Grant-DOI 10.55776/D4209
  • Förderprogramm Buchpublikation
  • Status beendet
  • Bewilligungssumme 19.000 €

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (100%)

Keywords

    Textiles, Historiy Of Clothing, History Of Handcraft, Production, Prehistory, Prehistoric Art

Abstract

Die kulturhistorische Bedeutung der Textiltechniken, besonders des Spinnens und Webens, ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Mit diesem Handwerk wurden nicht nur wesentliche Güter des täglichen Bedarfs - allen voran Kleidung - hergestellt, sondern auch Gebrauchswaren sowie repräsentative Objekte bis hin zu Luxusartikeln. Der zeitliche und geografische Rahmen dieser Untersuchung konzentriert sich auf die Urgeschichte in Mitteleuropa, der Zeit vor der Einführung der Schrift, in Mitteleuropa also vor der Okkupation durch die Römer. Besonders österreichische Funde und Fundstellen, sowie solche aus den angrenzenden Nachbarländern stehen im Fokus. Die Erfindung der wesentlichsten Techniken des textilen Handwerkes, die wir zum großen Teil noch in heutiger Zeit anwenden, reicht zurück bis in die Steinzeit. Ein wichtiges Anliegen dieses Buches ist es, ein differenziertes Bild des prähistorischen Textilhandwerkes zu zeichnen. Es besteht aus zahlreichen einzelnen Arbeitsschritten - nicht nur Spinnen und Weben - die in ihrer Gesamtheit dargestellt werden. Die geschichtliche Tiefe wird durch die verschiedenen archäologischen Quellen deutlich - vom Werkzeug, über Textilfunde, bis hin zu Schriftquellen in der späten Eisenzeit. Ab der Jungsteinzeit, ab den ersten frühen Bauerngesellschaften entwickelte der Mensch in seinem Einfallsreichtum viele Web- und Näh-techniken, Bindungs- und Musterungsarten, die uns zum größten Teil bis heute begleiten. Ab der Bronzezeit kommt es regelrecht zu einem "Innovationsschub", indem etwa die erste Köperbindung auftaucht, Färbung oder Spinnrichtungsmuster. Die Verfeinerung der Textiltechnik, sichtbar an den im Vergleich zur Bronzezeit feineren und vielfältigeren Wollstoffen der Eisenzeit, erreicht in der Hallstattzeit ihren ersten Höhepunkt. Die hallstattzeitlichen Stoffe sind von hoher Qualität und durch Bindungsart, Farben, Muster und Borten sehr dekorativ gestaltet. Möglicherweise wurde diese Entwicklung durch die Herausbildung differenzierter Gesellschaftsstrukturen am Beginn der Eisenzeit begünstigt. Dem Haupttitel dieses Buches, der prähistorischen Textilkunst, widmet sich besonders das Kapitel über die Ziertechniken an Stoffen, da hier nicht jene landläufig gedachte primitive Einfachheit vorherrschte. Schon allein die verwendete Gewebebindung ist ein wesentliches gestalterisches Element - komplexe Köpervarianten ab der Bronzezeit heben sich schon durch ihr strukturiertes Aussehen von einfacheren leinwandbindigen ab. Wenn man dann zusätzlich verschiedene Farben für Kette und Schuß verwendete, so trat der Musterungseffekt einer Köperbindung mit der typischen Gratbildung, noch prägnanter hervor. In der Urgeschichte Mitteleuropas wurden meist Musterungstechniken verwendet, die während des Webens erzielt wurden. Das Design der Muster geht Hand in Hand mit ihrer Herstellungstechnik. So ist beim Weben durch das System der Kett- und Schußfäden eine starke Betonung der senk- und waagrechten vorgegeben. Organisch entstehen so Streifen verschiedener Art und auch Karos, durch verschiedenfarbig aufgespannte Kettfäden und durch Wiederholen bunter Einträge im Schuß. Spinnrichtungsmuster gehören ebenfalls zu diesen während des Webvorganges geschaffenen, die in der mitteleuropäischen Eisenzeit sehr beliebt waren. Wollte man Bogiges, Kurviges gestalten, so muss man auf andere Techniken zurückgreifen. Hier bieten sich vor allem verschiedenfärbige musterbildende Einträge im Schuß an - ob als flottierende Elemente über einem Grundgewebe. Das Einarbeiten verschiedener Elemente verschaffte dem kreativen Menschen ab der Jungsteinzeit ebenfalls ein weites Betätigungsfeld. Stickerei, die kleine Schwester der Nähtechnik, ist in Mitteleuropa bisher selten nachgewiesen, dennoch lässt sie sich ab der Bronzezeit durch die Zeiten verfolgen. Auch die Brettchenweberei - mit einer Hochblüte in Mitteleuropa in der Eisenzeit - bietet durch die Art ihrer Ausführung ein reiches Feld für schöpferische Arbeit im Musterdesign. Bei dieser Technik sind der Fantasie kaum noch Grenzen gesetzt, wie archäologische und historische Textilfunde eindrucksvoll bezeugen. Es wird in diesem Buch auch der Versuch unternommen, die meist eher primitivistische Sichtweise auf das prähistorische Textilhandwerk etwas zu relativieren. Es werden Fragen gestellt zur Produktionsorganisation, zu Arbeitsteilung und zu den im Handwerk tätigen Personen. Die Textilien und die Gerätschaften können uns sogar erste Hinweise auf das Produktionsniveau geben. Wurden die Textilien wirklich nur im Haushandwerk geschaffen, oder können wir besonders in der Eisenzeit bereits so etwas wie Spezialisten oder Massenproduktion fassen? Die Textilien wurden nicht nur für Kleidung produziert, sondern erfüllten - wie auch heute noch - viele andere Aufgaben im täglichen Leben. Auch im prähistorischen Europa gibt es schon Hinweise auf Wandbehänge, Kissen und Matratzen. Gewebe wurden als Transportsäcke in einem Salzbergwerk eingesetzt, oder auch als Polsterung für Schwertscheiden. Selbst nach Verschleiß ging man mit der "Ressource Textil", in deren Herstellung so viel Zeit und Mühe lag, bedachtsam um. Mehr als einmal können wir regelrechtes "Recycling" von Textilien beobachten. Ausgediente Stoffe wurden als behelfsmäßiges Bindematerial verwendet, als Verpackungsmaterial, ja sogar als Verbandsmaterial. Ein ausgedehntes Kapitel über die Kleidung in der mitteleuropäischen Urgeschichte rundet diesen Band ab. Es wurden verschiedene archäologische Quellen zusammengetragen, textile Funde, Schmuckstücke in Gräbern, zeitgenössische Bildquellen und - am Ende der Urgeschiche - auch Schriftquellen. Längst sind nicht alle Fragen geklärt und wir sind weit davon entfernt, ein Bild der Kleidung der gesamten Bevölkerung der einzelnen prähistorischen Epochen entwerfen zu können. Doch erste Schlaglichter auf einzelne Gewandformen, auf Schuhe und Kopfbedeckungen sind bereits möglich. Im Sinne des Forschungsprojektes "DressID - Clothing and Identities. New Perspectives on Textiles in the Roman Empire (2007-2012)" ist es auch ein Anliegen, die Bedeutung von Kleidung und Schmuck in der Urgeschichte zu beleuchten. Nicht nur der Schutz vor klimatischen Einflüssen wie Nässe, Hitze und Kälte hat den Menschen der Stein- bis Eisenzeit dazu bewogen, sich zu bekleiden. Nicht zu unterschätzen ist die soziale Funktion von Kleidung als Anzeiger von Macht und Status. Wie auch heute diente Kleidung als wichtiges nonverbales Kommunikationsmittel, es sagt vieles aus über seinen Träger, über den sozialen Status, über Alter und Geschlecht und auch über Gruppenzugehörigkeiten. Heute wie damals hatte Kleidung eine identitätsstiftende Funktion für den Einzelnen wie für die Gruppe. Die Textilien und die Kunstfertigkeit, mit der sie geschaffen wurden, tragen viel zu dieser optischen Wirkung bei. So schließt sich nun der Kreis zwischen der prähistorischen Textilkunst, der Geschichte des Handwerks und der Kleidungsgeschichte - Themen die es hier kunstvoll zu verweben galt.

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