Wege zur Urkunde - Wege der Urkunde - Wege der Forschung
Wege zur Urkunde - Wege der Urkunde - Wege der Forschung
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
-
Urkundenforschung,
Pragmatische Schriftlichkeit Im Mittelal,
Verwaltungsgeschichte,
Verschriftlichung,
Wissenschaftsgeschichte,
Diplomatik
Der Band versammelt die Referate einer in Wien veranstalteten Tagung mit vorwiegend jüngeren ReferentIinnen aus Österreich, Deutschland, Schweiz und der Tschechischen Republik. Thema ist die Erforschung der Genese, Verwendung und Wirkung mittelalterlicher Urkunden (und Briefe) unter den paradigmatischen Leitbegriffen "pragmatische Schriftlichkeit" und "Verschriftlichung". Im Mittelpunkt stehen die Einbettung von Urkunden in zeitgenössische mündliche und schriftliche Diskurse und die eingeschlagenen Kommunikationswege, die Erfassung von Textstrategien, die Materialität und der symbolische Wert von Urkunden sowie die Struktur damaliger Verwaltungsorgane. Dabei wird versucht, über eine rechts- und verfassungsgeschichtliche Urkundeninterpretation hinaus eine "histoire totale" von Urkunden anzuregen und der gesellschaftlichen Dimension der Schriftlichkeit näherzukommen. Die Beiträge erfassen die Zeit vom 9. bis zum 15. Jh. und den Raum von Holland bis Italien und von Frankreich bis zur Slowakei. Die AutorInnen zeigen, daß bereits im 9. und 11. Jh. konkrete Wünsche und Gedanken des Herrschers in den Text seiner Urkunden integriert wurden (Scharer); daß bei einer Urkundenfälschung im 12. Jh. der Verfasser ein breites historisches Wissen anwandte und mit Fiktion vermischte, um zu der erwünschten Textstrategie zu gelangen (Köhler); wie die Untersuchung des historischen Kontexts einer Urkunde des 13. Jhs. hilft, einen damaligen Schreibfehler richtigzustellen (Wihoda); daß die Bedeutung der Empfänger und der Inhalt die Form der Expedition eines päpstlichen Briefes bestimmte und welche Gewohnheiten hierbei in der päpstlichen Kanzlei im 12. und 13. Jh. erkennbar sind (Egger); wie in einer Stadt Beurkundungsstellen konkurrierten und vom 13. bis zum 15. Jh. einem Bedeutungswandel unterlagen, bis schließlich die Stadtverwaltung die primäre Verschriftlichungsstelle für die Bürger wurde (Šediv); welchen symbolischen Wert die Ausstellung und der Besitz von inhaltlich eher unwichtigen Königsurkunden für den Empfänger im 15. Jh. besaßen (Brun); wie differenziert die herzogliche Verwaltung in Burgund bei der Ausstellung von Urkunden des Herzogs arbeitete, der bei ihrer Ausfertigung an einem weit entfernten Ort weilen konnte (Dünnebeil); wie mit der Vereinbarung des Ausstellungstermins von Königsurkunden deren dispositiver Inhalt bereits im vorhinein verwirklicht wurde und welchen Einfluß Empfänger im 14. Jh. auf den Urkundentext nahmen (Hruza); welche Wege der Kommunikation beschritten wurden, um im 15. Jh. Mandate und Verordnungen zu den Adressaten gelangen zu lassen (Von Seggern). In zwei wissenschaftsgeschichtlichen Beiträgen setzen sich die Autoren mit dem Begriff "Privaturkunde" (Herold) und mit dem Werdegang des Unternehmens "Regesta Imperii" von 1863 bis 1906 auseinander (Niederkorn). Der Band beweist, daß die selbständige Erforschung der Quellengattung "Urkunde" im Rahmen der "pragmatischen Schriftlichkeit" und "Verschriftlichung" neue wertvolle Ergebnisse liefert, die auch der klassischen Diplomatik und allgemeinen Geschichte zugute kommen.