Auf der Suche nach den Ursprüngen
Auf der Suche nach den Ursprüngen
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
-
Frühmittelalter,
Identität,
Nationsbildung,
Erinnerungskultur,
Germanische Völker,
Herkunftsmythen
Die Frage "Woher kommen wir?" ist in allen Epochen gestellt worden; die Antwort sollte zugleich auf die nächste Frage Auskunft geben, "Wer sind wir?". Die moderne Geschichtsforschung stellte sich dieser Suche nach den Ursprüngen. Damit etablierte sie sich zugleich als Instanz, die modernen Identitäten eine Grundlage in der Tiefe der Zeit geben konnte. Das Frühmittelalter spielte bei der Begründung nationaler Ansprüche, aber auch anderer Identitäten eine Schlüsselrolle. Für die Frühgeschichts- und Mittelalterforschung waren die Folgen zwiespältig; einerseits rückte sie seit der Romantik ins Zentrum nationaler Aufmerksamkeit, andererseits verstrickte sie sich in moderne Projektionen und Ideologien, deren Folgen teils noch immer auf ihr lasten. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich die Forschung schrittweise von solchen Lasten befreit; oft aber um den Preis, daß Forschungsfragen nach Herkunft und Frühzeit überhaupt aufgegeben wurden. Der Band sucht in einer Reihe von Beiträgen nach neuen Zugängen und gibt damit einen einzigartigen Überblick über einen zeitgemäßen Umgang mit frühmittelalterlichen Ursprüngen und Identitäten und ihre Bedeutung vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Er vereint Beiträge von vielen der bedeutendsten Vertreter der internationalen Frühmittelalterforschung und von Wiener Historikern der mittleren und jüngeren Generation. Diskutiert werden u.a. das Problem der ethnischen Interpretation archäologischer und onomastischer Daten (Bierbrauer, Haubrichs), methodische Probleme des Identitäts- und des Germanenbegriffs (Pohl, Jarnut), die emotionelle Ebene der Identitätsbildung (Rosenwein), die Rolle von Frauen in Herkunftsmythen (Geary), burgundische, fränkische, sächsische, angelsächische, skandinavische, normannische und slawische Herkunftsvostellungen und ihre Ausstrahlung ins spätere Mittelalter (Wood, Reimitz, Corradini, Scharer, Sawyer, Plassmann, Mayr-Harting, Lübke, Steinacher), der Ursprung des mittelalterlichen Reiches und seine Identitätswirksamkeit (Schieffer, Schneidmüller), der Zusammenhang zwischen christlichen und ethnischen Identitäten (Scheibelreiter, Diesenberger, Ehlers, Niederkorn, Scharer, Mayr-Harting) und die Spuren von Identitätsbildungsprozessen in der handschriftlichen Überlieferung, ein Thema, mit dem die "Wiener Schule" der Frühmittelalterforschung jüngst internationale Beachtung gefunden hat (Diesenberger, Reimitz, Corradini). Herwig Wolfram berührt in seiner Einleitung alle diese Aspekte und zieht zugleich ein Resümmee jahrzehntelanger Beschäftigung mit dem Thema.