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Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Abstract
Der spätantike lateinische Dichter Paulinus von Nola widmete einen Großteil seines poetischen Oeuvres dem
Andenken an den heiligen Felix von Nola, zu dessen Todestag, dem "dies natalis", er alljährlich ein Gedicht
vortrug. Die Reihe der sogenannten "Carmina natalicia" behandelt vom 4. Gedicht (c. 15) an Leben und Wirken des
Felix. Innerhalb der metrischen Biographie des Heiligen nimmt c. 18, das 6. Gedicht der Carmina natalicia,
insofern eine Schlüsselstellung ein, als es den Übergang von der diesseitigen zur jenseitigen Vita des Heiligen
markiert: In zwei etwa gleich langen Großabschnitten schildert Paulinus zunächst Begräbnis und Himmelfahrt des
Felix, danach ein exemplarisches von dem Heiligen nach seinem Tod gewirktes Wunder. Der vorliegende
Kommentar bietet eine detaillierte Analyse des 18. Gedichtes unter sprachlich-stilistischen, inhaltlichen und
literarhistorischen Aspekten. Das Hauptaugenmerk liegt auf zwei Gesichtspunkten: Einerseits wird untersucht,
welche klassischen, biblischen und patristischen Quellen und Vorbilder Paulinus verarbeitet und an welche
traditionellen literarischen Genera er sich anlehnt. Einen zweiten Schwerpunkt bildet die Interpretation des
Gedichtes in seiner Gesamtheit und in seiner Stellung im Rahmen der Carmina natalicia. Die Analyse ergibt, daß
die zunächst unausgewogen erscheinende Komposition - der "Vorspann" nimmt beinahe die Hälfte des
Gesamtumfanges ein - den Zweck verfolgt, Tod und Himmelfahrt des Heiligen als unabdingbare Voraussetzung für
dessen Weiterwirken im Jenseits herauszustreichen. Ferner konnte gezeigt werden, daß der Dichter durch wörtliche
Bezüge innerhalb des Gedichtes eine Verbindung zwischen der gegenwärtigen Feier des dies natalis, dem
tatsächlichen Todestag des Heiligen und der Wundererzählung herstellt, und daß er seine eigene Person in gewisser
Weise in dem Nutznießer des Wunders der zweiten Gedichthälfte gespiegelt sieht.