Dieser letzte Halbband der Freud/Ferenczi-Korrespondenz umfasst die Jahre von 1925 bis zu Ferenczis Tod in
1933. Freuds Werk beschäftigt sich während dieser Zeit mit Revisionen der psychoanalytischen Theorie, mit
autobiographischen und historischen Beiträgen, mit kulturkritischen und religiösen Themen und der Entwicklung
der weiblichen Sexualität. Ferenczi verfasst seine wohl interessantesten, aber auch umstrittensten Beiträge zur
Theorie und Technik der Psychoanalyse. Aus heutiger Sicht führen ihn seine technischen Experimente zu einem
theoretischen Modell, das den Grundstein für heutige Theorien legt. Eine Zeitlang arbeitet er dabei eng mit Freuds
"rechter Hand", Otto Rank, zusammen. Ihre Publikationen führen zu einem persönlichen und wissenschaftlichen
Machtkampf innerhalb des Führungsgremiums der psychoanalytischen Bewegung, der die Psychoanalyse zu
spalten droht. Am Ende dieser Auseinandersetzung, die die Geschichte der Psychoanalyse bis heute beeinflusst hat,
steht Rank außerhalb der psychoanalytischen Gemeinschaft und Ferenczi an ihrem Rande. Freud, der anfangs auf
ihrer Seite gestanden hatte, wechselt schließlich ins Lager ihrer Opponenten (v.a. Karl Abraham und Ernest Jones).
Er sieht in Ferenczis Neuerungen einen wissenschaftlichen Rückschritt und interpretiert sie als Reaktion auf
persönliche Probleme und Defizite bei Ferenczi selbst. Ferenczi hingegen ist vom Wert seiner Ideen überzeugt und
kämpft um eine größere Unabhängigkeit von Freud. Der Ton des Briefwechsels verschlechtert sich spürbar und
wird stellenweise ausgesprochen scharf. Ferenczi schreibt seltener; statt dessen verfasst er ein "Klinisches
Tagebuch", dem er seine neuen Ideen und auch seine Kritik an Freud anvertraut. Ein offener Bruch kann zwar
vermieden werden, doch verhindert Ferenczis früher Tod eine Lösung der Konflikte und Missverständnisse.
Die Freud/Ferenczi-Korrespondenz ist ohne Zweifel einer der wichtigsten Primärquellen zur Geschichte der frühen
Psychoanalyse. Daneben ist sie ein literarisches Ereignis ersten Ranges. Mit keinem seiner Schüler hat Freud so
lang, so häufig und so offen korrespondiert wie mit Ferenczi. Mit dem vorliegenden Band wird der tragische
Abschluss dieser innigen Lebens-, Gefühls- und Interessensgemeinschaft" (Freud an Ferenczi, 11.1.1933)
dokumentiert - dies alles vor dem Hintergrund der umwälzenden politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen
jener Zeit.
Der editorische Apparat versucht, der heutigen Leserschaft all jene Informationen in möglichst objektiver Art zu
geben, die es erlauben, dieser Geschichte zu folgen: Informationen über Personen, Ereignisse, literarische und
wissenschaftliche Arbeiten, Zitate, Kryptozitate, Anspielungen usw., wobei auch eine große Zahl bisher
unveröffentlichter Freud-Briefe herangezogen werden.