Aller heyligen Thuemkirchen Sand Steffan
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Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (100%)
Der Wiener Stephansdom gehört zu den am präzisesten durch historische Quellen datierten Großbauten des Mittelalters, so daß bislang wenig Veranlassung bestand, seine seit dem 19. Jahrhundert etablierte Chronologie zu hinterfragen. In Übereinstimmung mit der quellenmäßigen Überlieferung wurde sein "albertinischer" Hallenchor im Jahre 1304 begonnen und 1340 geweiht; zum "rudolphinischen" Langhaus wurde 1359 der Grundstein gelegt; der südliche Hochturm wurde 1380 an das Langhaus herangebaut und 1433 vollendet und zu seinem unvollendeten nördlichen Gegenstück wurde 1450 durch Hanns Puchsbaum der Grundstein gelegt, der zuvor, 1446, auch den Auftrag zur Einwölbung des Hallenlanghauses erhalten habe. Bauarchäologische Beobachtungen am bestehenden Bauwerk führten jedoch zu einer erheblich revidierten Baugeschichte, die zudem durch den Wortlaut der bekannten Schriftquellen ohne die bisher nötigen Interpretationen unterstützt wird. Demnach ist der bestehende Hallenchor vielmehr mit der im Zeitraum von sieben Jahren ausgeführten und 1365 geweihten Kirchenerweiterung Rudolphs IV. gleichzusetzen, die als Voraussetzung für seine Stiftsgründung in demselben Jahre erfolgte und Teile eines älteren Saalchores der Zeit Albrechts II. inkorporierte. Gleichzeitig mit dem Hallenchor wurde auch der südliche Hochturm mit der Barbarakapelle begonnen, um aber erst um 1380 nach verändertem Plan weitergeführt zu werden. Der Bau des Hallenlanghauses hingegen, der nach bisheriger Auffassung dem des Hochturms vorausging, erfolgte erst, nachdem 1404 das Untergeschoß des Südturms fertiggestellt war, und bis 1435 waren die Südseite, bis 1465 die Nordseite fertiggestellt, wobei die beiden rudolphinischen Fürstenportale erst während dieses Bauvorgangs aus dem westlichen Kapellenpaar an ihre heutige Stelle im Westjoch des Langhauses transferiert wurden. Der Anteil Hanns Puchsbaums, dem bislang der Endausbau des Langhauses mit seiner Einwölbung und die Planung des Nordturms zugeschrieben wurde, reduziert sich im wesentlichen auf die Erhöhung des Langhauses zur Staffelhalle unter Beibehaltung einer konventionellen Kreuzrippenplanung. Der Einbau der Westempore und der Altarbaldachine, die Einwölbung des Langhauses und schließlich der 1467 einsetzende Bau des Nordturms hingegen sind ausschließlich das Werk von Laurenz Spenning, unter dem im Jahre 1474 das Langhaus und 1476 der Unterbau des Nordturms zur Vollendung gelangten. Die Umdatierung von wesentlichen Teilen des Stephansdomes hat erhebliche Konsequenzen für unser Bild der österreichischen Architektur im ausgehenden Mittelalter. Nicht das feingliedrige Formensystem des Langhauses, sondern die kubische Gestaltungsweise des Hallenchores, dessen Pfeiler zudem denen des Prager Domchores unter Peter Parler gleichen, bestimmt den Zeitstil Rudolphs IV.; und die Spätgotik des frühen 15. Jahrhunderts ist in sehr viel stärkerem Maße von historistischen Tendenzen bestimmt, als bislang angenommen. Vor allem aber erscheint der bisher wenig Beachtung gefundene und als eher unselbständig ausführender Werkmeister eingestufte Laurenz Spenning, der für fast ein Vierteljahrhundert der Dombauhütte vorstand und 1459 bei der Regensburger Tagung der Dombaumeister zusammen mit Jodok Dotzinger aus Straßburg wesentlich für das Zustandekommen einer im Reichsgebiet verbindlichen Satzung verantwortlich zeichnete, nun als eine der führenden Architektenpersönlichkeiten des 15. Jahrhunderts in Mitteleuropa.