Migration im 18. Jahrhundert am Beispiel der Beamten in den Österreichischen Niederlanden
Migration im 18. Jahrhundert am Beispiel der Beamten in den Österreichischen Niederlanden
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Unter dem Begriff "Migration" lassen sich die verschiedenen Phänomene subsumieren, die einzelne Personen oder ganze Bevölkerungsgruppen dazu veranlassen, ihre Wohn- und Arbeitsgebiete zu verlassen. Die Mechanismen variieren, je nachdem ob die Entscheidung freiwillig oder durch Zwang getroffen wird, ob kriegerische, politische oder persönliche Gründe dafür maßgebend sind. Das 18. Jahrhundert bietet für Untersuchungen derartiger Ereignisse ein breites Spektrum, von den durch Kriege ausgelösten Flüchtlingswellen über Auswanderungen bis hin zu beruflich bedingten Veränderungen. Ein Berufsstand sah sich zwischen 1714 und 1794 all diesen Eventualitäten ausgesetzt: Die habsburgischen Beamten in den Österreichischen Niederlanden. Während der gesamten Periode der habsburgischen Herrschaft in den Österreichischen Niederlanden lässt sich ein wechselseitiger Transfer zwischen Wien und Brüssel feststellen. Am Beginn der Regierungszeit Kaiser Karls VI. kamen zahlreiche belgische Beamte, vor allem ausgebildete Juristen nach Wien, um hier die Strukturen sowohl für die regionalen Institutionen als auch für die Wiener Zentralverwaltung mitzugestalten. Der Aufenthalt in Wien galt nicht nur als Sprungbrett für die Karriere in der Heimat, hier boten sich auch bessere finanzielle Aussichten. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts strebten die Söhne der Beamten, die in der theresianischen Verwaltung Karriere gemacht hatten, nach Brüssel. So erhofften sich beispielsweise die Nachkommen des Johann Christoph Bartenstein oder des Gérard Van Swieten gute Aufstiegschancen in der belgischen Administration. Unter der Statthalterschaft (1744- 1780) des Prinzen Karl Alexander von Lothringen gelangten die Österreichischen Niederlande zu Wohlstand und wirtschaftlichem Aufschwung. Die Söhne der Beamten aus Wien fanden nicht nur gute berufliche Aufstiegsmöglichkeiten sondern auch lukrative Eheverbindungen vor. Im Anschluß an die Französische Revolution kam es zum Krieg, die Truppen der Französischen Republik besetzten die Österreichischen Niederlande. Nach zweimaliger Restauration kam es im Juni 1794 bei Fleurus zur entscheidenden Schlacht, die Frankreich für sich entscheiden konnte. Am 2. August 1794 löste Kaiser Franz II. die Regierung der Österreichischen Niederlande auf. Zahlreiche Flüchtlinge hatten in den Ländern des Heiligen Römischen Reiches, vor allem im Rheinland auf eine neuerliche habsburgische Restauration gewartet. Da es nun klar war, dass diese nicht kommen würde, setzten viele ihren Weg fort, um sich in den habsburgischen Ländern niederzulassen. Als habsburgische Untertanen stand ihnen der Schutz und die Hilfe ihres legitimen Herrschers zu. Der Zuzug nach Wien wurde allerdings schon im November 1794 gestoppt und für die Beamten ergaben sich außerhalb der Zentralverwaltung kaum Verdienstmöglichkeiten. Die vorliegende Studie versucht aufzuzeigen, welche Möglichkeiten sich ihnen in den einzelnen Ländern der Monarchie eröffneten, welche Bedingungen sie vorfanden, wie sie scheiterten oder den Neubeginn schafften. Ein Ausblick ins 19. Jahrhundert belegt, daß sich die 2. Generation der belgischen Emigranten ins kulturpolitische Leben der Habsburgermonarchie integrierte. Die Beamten aus den Österreichischen Niederlanden passten sich dem aufsteigenden Bildungsbürgertum an, sie hatten lebhaften Anteil an der Gestaltung des neuen Lebensstils und dessen Wertvorstellungen.