Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (100%)
Abstract
Die Hauptzielsetzung der Studie lag angesichts des Fehlens systematischer Vorarbeiten in einer umfassenden
Bestandsaufnahme und beschreibenden Darstellung jener Personen, Institutionen und Diskurse, welche den
demographischen "Wissenschaftsbetrieb" in der Zwischenkriegszeit konstituierten.
Einen Schwerpunkt der Untersuchung bildete die Fragestellung, inwieweit auch die österreichische Demographie
den Weg für den Holocaust und die NS-Bevölkerungspolitik bis hin zum Euthanasieprogramm bereitete. Hier
gelangten die Autoren zu folgenden Ergebnissen: Der demographische Diskurs dieser Zeit war frei von
antisemitischen Inhalten. Belegbar dagegen ist das Eindringen eugenischen Gedankenguts vor allem von Seiten der
medizinischen Wissenschaft und seine kritiklose Übernahme in die demographische Forschung.
Der harte Kern der Fachdisziplin wurde von den beiden hauptberuflichen Bevölkerungsstatistikern Wilhelm
Winkler und Wilhelm Hecke sowie der Abteilung Bevölkerungsstatistik am Bundesamt für Statistik und Winklers
Institut für Statistik der Minderheitsvölker konstituiert. Daneben gab es bevölkerungswissenschaftlich interessierte
Politiker und Vereinigungen, deren Hauptanliegen aber die Gesundheits- und Sozialpolitik war. Gesundheitsstadtrat
Julius Tandler und die Österreichische Gesellschaft für Bevölkerungspolitik waren Träger des sozialen
Reformprogramms des "Roten Wien". Hier waren am Rande auch Eugeniker wie Österreichs damals aktivster
Rassenhygieniker Heinrich Reichel beteiligt.
Im Vordergrund des demographischen Diskurses standen der Rückgang der Geburtenzahlen und die (vermeintliche)
Bedrohung der Gesellschaft und Nation durch den Geburtenrückgang. Als Gegenmaßnahme wurde eine staatliche
Familienpolitik gefordert, die auf die Erhöhung der Geburtenrate hinwirken sollte. Das alternative Konzept des
Soziologen und Privatgelehrten Rudolf Goldscheid, die "Menschenökonomie", wurde dagegen nicht zur Kenntnis
genommen.