Kapitalien und Inszenierungen: der Literaturbetrieb und sein Bachmann-Preis
Kapitalien und Inszenierungen: der Literaturbetrieb und sein Bachmann-Preis
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (100%)
Keywords
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Ingeborg Bachmann-Preis,
Literaturbetrieb,
Kultursoziologie,
Gruppe 47,
Fernsehshow,
Empirische Untersuchung
"Die Literatur muss heutzutage mehr denn je ihr bloßes Dasein verteidigen. Dies versucht der Klagenfurter Wettbewerb: Er will der Literatur eine Öffentlichkeit verschaffen. Und er will der Öffentlichkeit zu Literatur verhelfen." Marcel Reich-Ranicki hat mit diesem programmatischen Statement 1977 das Motto für einen der umstrittensten Literaturwettbewerbe des deutschen Sprachraums - um den Ingeborg-Bachmann-Preis - vorgegeben. Die Wettbewerbs-Öffentlichkeit ist komplex, segmentiert und involviert. Autorinnen und Autoren, Jury, Verleger, Presse, literaturinteressierte Laien - alle sind mit einer bestimmten und bestimmbaren Absicht nach Klagenfurt gekommen. Der unveröffentlichte Text, öffentlich gelesen vom Autor, der Autorin und von der Jury diskutiert, ist nur ein Element (Kapitalwert) in einem Ensemble aus Gruppen, Positionen, Relationen und Intentionen. Erst das Zusammenspiel aller Kräfte des literarischen Feldes ergibt den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Die Analyse und Interpretation folgt einer der beliebtesten Metaphern zur Charakterisierung der Veranstaltung, der "Literaturbörse". Im Zentrum der Börsenaktivitäten steht jene Gruppe, die das höchste Risiko trägt: die Autorinnen und Autoren. In der Einleitung wird das theoretische Modell (Kapitaltheorie Pierre Bourdieus) skizziert, das den Rahmen für die weitere Untersuchung absteckt. Im einzelnen werden in Kapitel 1 literarhistorische Voraussetzungen (die Treffen Gruppe 47, Literaturpreise und literarische Veranstaltungen der 60er und 70er Jahre in Österreich), politische (Kulturpolitik der Städte) und mediale (Entwicklung des Österreichischen Rundfunks und seiner Landesstudios) Entstehungsbedingungen der Veranstaltung dargestellt. Kapitel zwei beschreibt die gesamte Veranstaltung als eine metaphorische Literaturbörse vor allem im Hinblick auf die Strategien und Konzepte der Begründer, die Funktionsweisen des Wettbewerbs, seine Attraktivität für Besucher/innen und Jury (Kapitel 2). Das Kernstück ist die Beschreibung des Wettbewerbs aus Sicht der teilnehmenden Autor/innen (empirische Daten), wobei die Ermittlung von Teilnahmevoraussetzungen und der Einfluss auf die weiteren schriftstellerischen Karrieren der Teilnehmer/innen im Mittelpunkt stehen (Kapitel 3). Der Auswertung der Autor/innen-Befragung werden Einschätzungen und Aussagen von Jury, Presse, Verleger/innen und Besucher/innen der Veranstaltung gegenübergestellt, so dass sich ein differenziertes Bild des symbolischen Kapitalhandels zeichnen lässt. In Kapitel 4 werden schließlich die Aktionsprozesse beschrieben, die den Handel am Klagenfurter Börsenplatz` kennzeichnen, die literarhistorische und die literatursoziologische Ebene werden um die medienanalytische ergänzt. Die Veranstaltung erscheint als eine den Regeln der dramatischen Kunst folgende Inszenierung von Öffentlichkeit mit Elementen der Fernsehshow und des Events. Rolle und Funktion der beteiligten Gruppen ist genau festgelegt. Was geschieht, wenn Akteure ihre Rollen nicht beherrschen oder sich nicht darauf beschränken, zeigt die abschließende Analyse des Falles Allemann. An den Folgen des Wettbewerbs für den Autor Urs Allemann wird die Art und Weise, wie und mit welchen Auswirkungen symbolisches Kapital an der Klagenfurter Literaturbörse gehandelt wurde bzw. wird, konkret nachvollziehbar gemacht.