Außenpolitische Dokumente der Republik Österreich 1918 - 1938. Band 6
Außenpolitische Dokumente der Republik Österreich 1918 - 1938. Band 6
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
-
Diplomatie,
Außenpolitik,
Zwischenkriegszeit,
Österreich 1918 - 1938
Der vorliegende ADÖ-Band 6 "Jahre der Souveränität" umfasst die außenpolitisch am wenigsten belasteten Jahre der Ersten Republik. Am 9. Juni 1926 hatte der Völkerbundrat die finanzielle Stabilität Österreichs endlich als gesichert anerkannt und daraufhin Generalkommissär Zimmerman abberufen. Allerdings endete die Tätigkeit eines Vertreters der Treuhänder der österreichischen Staatsschuldverschreibungen, dem auch die Manipulation der verpfändeten Zoll- und Tabakmonopolerlöse oblag, erst mit 30. Juni 1928. Mit Ende Januar 1928 ließ auch die Alliierte Botschafterkonferenz die Tätigkeit eines die Arbeit der Interalliierten Militärischen Kontrollkommission fortsetzenden Liquidierungsorganes einstellen. Als Ignaz Seipel im Oktober 1926 zu seiner zweiten Regierungsperiode antrat, hatten sich die außenpolitischen Konstellationen rund um Österreich deutlich verschoben: Deutschland war Mitglied des Völkerbundes geworden und hatte darüber hinaus auch im Völkerbundrat platz genommen, der in vielen europapolitischen Angelegenheiten das letzte Wort sprach. Die Tschechoslowakei hatte seit Locarno ihre Führungsrolle im Donauraum verloren, so dass sich Prag eifrig auf die Suche nach einem "Ostlocarno" begab. Zugleich hatte sich durch die Annäherung zwischen Italien und Ungarn auch der Stellenwert der Kleinen Entente verringert. Keinen Anklang fand auch der Vorstoß des jugoslawischen Außenministers Marinkovic, der eine allfällige Einbeziehung Österreichs in ein zentraleuropäisches Wirtschaftssystem der Kleinen Entente vorsah. So war sich Seipel zwar wohl bewusst, dass Österreich mittelfristig die Enge seiner Wirtschaftsgrenzen sprengen müsste, wollte sich dafür aber keinesfalls auf eine Option ohne Deutschland festlegen. Die wenigen Jahre der Souveränität, die der jungen Republik gegönnt waren, fanden durchaus auch in einem neugewonnenen außenpolitischen Selbstbewusstsein ihren Niederschlag, als etwa Seipels Nachfolger, Bundeskanzler Streeruwitz, Österreich "als Träger einer tausendjährigen kulturellen Mission" pries. Realpolitisch behielt Streeruwitz die außenpolitische Linie, freundschaftliche Beziehungen zu allen Staaten - insbesondere zu den Nachbarn - zu pflegen, bei. Eine besondere Rolle spielte dabei naturgemäß auch weiterhin das Deutsche Reich. Weniger selbstverständlich, wenn auch bereits von Seipel eingeleitet, war dagegen die von Bundeskanzler Schober im Februar 1930 vorangetriebene Aussöhnung mit Italien. Dessen Assimilierungspolitik in Südtirol unter der faschistischen Herrschaft Mussolinis hatte das Verhältnis Wien-Rom nachhaltig belastet. Zweifellos wurde mit dem Besuch Schobers in Rom eine Phase freundschaftlicher italienisch-österreichischer Beziehungen eingeleitet, die sich mit dem Machtantritt Hitlers noch weiter verdichten sollten.
- Walter Koch, assoziierte:r Forschungspartner:in