Private Korrespondenzen stellen ein Textkorpus dar, das in einer Bewegung Schreibende und Lesende, soziale
Netzwerke und gesellschaftliche Bedürfnisse vorstellt - gegenwärtig wie in einer historischen Perspektive. Frauen
waren große Briefschreiberinnen; die Frauengeschichte hat sich daher früh für diese Textgattung interessiert, die
Geschlechtergeschichte bislang weniger. Unter neueren kulturgeschichtlichen Fragestellungen tritt die Bedeutung
des Textes und der Kommunikation in den Vordergrund, und damit auch das Spannungsverhältnis von Erfahrung
und Diskurs, Normierung und Praxis des privaten Schreibens.
Der vorgelegte Band "Briefkulturen und ihr Geschlecht" ist vor dem Hintergrund solcher sehr disparater
Forschungen zur Geschichte der privaten Korrespondenz entstanden. Er will zu deren stärker differenzierenden
Betrachtung beitragen, ohne einzelne Forschungsansätze zu favorisieren, und hinterfragt durch 14 exemplarische
Einblicke in Frage- und Problemstellungen der Briefgeschichte vom 16. bis zum Ende des 20. Jahrhundert kritisch
einige gängige Annahmen in Bezug auf das Genre: insbesondere die häufige Gleichsetzung des privaten Briefes
mit einer genuin weiblichen Autorschaft, und die immer wiederkehrende Rede von seinem angeblichen Ende um
1900. Das Konzept des Bandes führt dabei in ein noch offenes Terrain am Schnittpunkt verschiedener Disziplinen,
von der Geschichtswissenschaft im engeren Sinn über die Germanistik und die Romanistik bis hin zur
Amerikanistik und den im angloamerikanischen Raum eigenständig verankerten Cultural Studies, die sich bislang
meist getrennt mit Briefen befasst haben. Der Band verbindet Beiträge aus England, Frankreich, Deutschland,
Österreich und der Schweiz, und ist in dieser Zusammenstellung einmalig für den deutschsprachigen Raum, wo die
neuere Briefforschung nur zögerlich eine Verbindung zwischen literatur-, kultur- und geschichtswissenschaftlichen
Disziplinen gesucht und angloamerikanische Forschungen kaum rezipiert hat. Dafür aber plädiert die Einleitung der
Herausgeberinnen, die für eine Briefgeschichte jenseits von Geschlechterdichotomien eintreten.