Leopold von Andrian 1875 - 1951
Leopold von Andrian 1875 - 1951
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Die Edition "Leopold von Andrian (1875-1951). Korrespondenzen, Notizen, Essays, Berichte" umfasst eine umfangreiche Auswahl zahlreicher, meist unpublizierter Texte aus dessen Nachlass, der sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar befindet. Die Erschließung und Aufarbeitung der Sammlung, die über 7000 Dokumente umfasst, und die bislang vorwiegend für literaturwissenschaftliche Analysen herangezogen wurde, ist im Rahmen von zwei Forschungsprojekten seit April 1996 durch den Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung finanziert worden. Die Text-Edition setzt sich zum Ziel, den Schriftsteller und Diplomaten Andrian als Akteur auf verschiedenen Feldern - dem diplomatischen, dem literarischen und kulturpolitischen - darzustellen. Während die Literaturwissenschaft Andrian bislang als Autor des "Garten der Erkenntnis", eines Kultbuches des Wiener Fin de Siècle, als Lyriker und Kulturessayist rezipierte, der mit dem Buch "Österreich im Prisma der Idee" an der Konzeption der "österreichischen Idee" der dreißiger Jahre mitwob, so konzentrierte sich die historische Forschung auf die Analyse seiner diplomatischen Strategien in Warschau, wo er während des Ersten Weltkriegs als Repräsentant des k.u.k. Außenministeriums beim deutschen Generalgouvernement die politischen Interessen der Donaumonarchie durchzusetzen versuchte. Die Edition bietet darüber hinaus eine Vielfalt von Textsorten, die Andrians Position als Intendant der k.k. Hoftheater in den letzten Monaten der Habsburgmonarchie, seine kulturpolitische Arbeit in den zwanziger und dreißiger Jahren, sein monarchistisches Engagement und die Jahre im brasilianischen Exil ebenso dokumentieren, wie sein Bemühen um die Wiederauflage seiner Texte nach 1945 im Zusammenhang mit den österreichischen Nationskonzepten der Nachkriegszeit. Die Tagebuchaufzeichnungen geben etwa Erinnerungen an Gespräche mit Kaiser Karl I. und Analysen der Persönlichkeit des Erzherzogs Franz Ferdinand wieder, sie machen auch die vergebliche Bewältigung von Andrians lebenslangem Problem der Homosexualität deutlich; die Korrespondenz mit den Eltern gibt ein eindruckvolles Beispiel dafür, wie diplomatische Karrieren gemacht wurden. Die Texte wurden in chronologischer Reihenfolge von 1888 bis 1950 angeordnet. Den einzelnen zeitlichen Abschnitten sind einleitende Erläuterungen vorangestellt, die nicht nur den wechselnden historischen und geographischen Kontext beschreiben, sondern auch die Lesbarkeit und Orientierung erleichtern sowie den Kommentarteil entlasten sollen. Leopold von Andrian, der als Vertreter der "zweiten Ebene" politischer Handlungsträger seine Rollen auf verschiedenen Bühnen spielte, erweist sich als sensibler Beobachter und Analytiker des Zusammenspiels von Kultur und Politik im jeweiligen ökonomischen und politischen Kontext. Über seine Persönlichkeit hinausgehend erschließt die Edition neue Quellen zur Geschichte Österreichs, zur Exilforschung, zur Diplomatie- und Kulturgeschichte.