Autobiographie und Frauenfrage. Tagebücher Briefwechsel und politische Schriften von Mathilde Hanzel-Hübner
Autobiographie und Frauenfrage. Tagebücher Briefwechsel und politische Schriften von Mathilde Hanzel-Hübner
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Die Namen von Denkerinnen und Politikerinnen wie Rosa Mayreder oder Auguste Fickert repräsentieren im kollektiven Gedächtnis die radikale Frauenbewegung vor dem Ersten Weltkrieg. Getragen wurde diese Bewegung aber von einer wesentlich breiteren Gruppe von Frauen, die im "Allgemeinen Österreichischen Frauenverein" zusammenarbeiteten. Eine von ihnen war Mathilde Hanzel-Hübner, Schriftführerin und später Vizepräsidentin dieses Vereins. Auto/Biographie und Frauenfrage bietet auf der Grundlage edierter Tagebücher, Briefwechsel und politischer Schriften von Mathilde Hanzel-Hübner eine historisch-biographische Annäherung an diese bisher unbekannte Akteurin der Frauenbewegung. Die Wiener Lehrerin und Schuldirektorin war die erste Frau in Österreich, die das Recht erkämpfte, als Gasthörerin an der Technischen Hochschule Wien zu studieren. 1884 geboren, war sie von den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg bis in die fünfziger Jahre in unterschiedlichen Kontexten politisch aktiv. Der umfangreiche Nachlass von Mathilde Hanzel-Hübner ist Teil der Sammlung Frauennachlässe an der Universität Wien. Aus dem Nachlass mit großteils auto/biographischem Material wurden vielfältige Dokumente ausgewählt, kommentiert und in Form eines Buches mit beigelegter CD-ROM zugänglich gemacht. Letztere umfaßt den sehr umfangreichen Editionsteil, der Mathilde Hanzel-Hübners Jugendjahre dokumentiert. Das Speichermedium CD-ROM ermöglicht verschiedene Navigationsrouten und nichtlineare Bewegungen durch das umfangreiche Material, das die Jahre 1899-1918 in auto/biographischen Dokumenten und Kommentaren thematisiert. Die Form der CD-ROM unterstützt das gewählte biographische Darstellungsverfahren, das verschiedene auto/biographische Dokumente aus dem Nachlass in einer strengen Chronologie anordnet und mit biographischen, historischen und textkritischen Kommentaren konfrontiert, die die Suggestion der linearen biographischen Erzählung problematisieren. Buch und CD-ROM eröffnen nicht nur neue Perspektiven auf die Geschichte der radikalen Frauenbewegung in Österreich sondern thematisieren auch in paradigmatischer Weise zentrale Geschlechterkonflikte des 20. Jahrhunderts sowie methodische und theoretische Fragen der Biographieforschung. Am Beispiel einer Frau der zweiten Reihe` werden Kommunikationsformen und verschiedene politische Strategien innerhalb der Frauenbewegung dokumentiert. Freundinnennetze und Liebesbeziehungen einer jungen, berufstätigen Frau vor dem Ersten Weltkrieg werden ebenso sichtbar gemacht wie die ambivalenten Stellungnahmen Mathilde Hanzel-Hübners zum Nationalsozialismus oder ihr Engagement für friedens- und bildungspolitische Fragen in den dreißiger und fünfziger Jahren. Die edierten Dokumente aus dem Nachlass einer österreichischen Frauenrechtlerin sollen die Rekonstruktion von Beziehungsnetzen und Kontexten, von Brüchen und alternativen Sichtweisen ermöglichen, in denen die komplexen Zusammenhänge von Geschlechterpolitik und Biographie als Fragmente einer Auto/Biographie der Frauenfrage lesbar werden. Auto/Biographie und Frauenfrage versteht sich als Beitrag zur Geschichte der Frauenbewegung in Österreich und eröffnet vielfältige Einblicke in alltagsgeschichtliche und bildungsgeschichtliche Zusammenhänge des 20. Jahrhunderts.
- Johanna Gehmacher, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in