1848: Ereignis und Erinnerung in den politischen Kulturen
1848: Ereignis und Erinnerung in den politischen Kulturen
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
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1848,
POLITISCHE KULTUR,
GEDÄCHTNIS,
REVOLUTION,
MITTELEUROPA
Der Sammelband enthält die Ergebnisse einer gleichnamigen internationalen Tagung vom März 1998. Die Beiträge der aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Kroatien, Polen, Rumänien, Serbien, der Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn und Österreich stammenden Autorinnen und Autoren beschäftigen sich vor allem mit dem Stellenwert, den die Erinnerung an das Revolutionsjahr 1848/49 in der Geschichte der politischen Kulturen ihrer Staaten und Nationalkulturen einnimmt. Auch wenn sich die mitteleuropäischen Ereignisse jenes Jahres aus einer Kette von Begebenheiten mit internationalen Ursachen zusammensetzten, zogen sie nationale Folgen nach sich: Die Geschichtstraditionen wurden aufgespalten und voneinander durch eigene nationale Bildungssysteme, Unwissenheit gegenüber den anderen Kulturen und durch ihre Bindung an ein eigenes nationales Publikum abgegrenzt. Die Erinnerung an 1848 begünstigte jedoch nicht nur die inhaltliche Abschottung der politischen Kulturen voneinander. Sie trug auch zur Formierung lange wirksamer Selbst- und Fremdbilder bei, welche die Interaktion der politischen Kulturen wesentlich mitprägten. "1848" spaltete sich damit in eine Vielzahl von Gedächtnisorten im Sinne Pierre Noras, und dies nicht nur in nationaler Hinsicht. Mit dem Revolutionsjahr wurde zunächst auch die Konstitutionalisierung in Verbindung gebracht. Später rückte die soziale Emanzipation in den Vordergrund des Gedächtnisses. Damit diente die Erinnerung an 1848 vielfach auch innenpolitischer Propaganda und Mobilisierung. Einige Beiträge untersuchen, wie das Revolutionsjahr in den mitteleuropäischen Historiographien seinen Niederschlag gefunden und dort zur Bildung von Traditionslinien beigetragen hat. Andere zeichnen wieder seine literarischen Nachwirkungen nach oder beschäftigen sich mit der Art und Weise, wie die runden Jubiläen (1873, 1898, 1923, 1938, 1948) begangen wurden. Gerade bei diesen Anlässen zeigte sich deutlich, wie sehr das jeweilige Gedächtnis von unmittelbar vorausgegangenen "Großereignissen" geprägt war, beispielsweise der Gründung des Deutschen Kaiserreiches, dem "Sieg" des republikanischen und nationalstaatlichen Prinzips im Gefolge des Ersten Weltkriegs, dem Anschluß Österreichs und der Sudetengebiete an das Deutsche Reich, oder vom Niedergehen des Eisernen Vorhangs, der ja gemäß der "offiziellen Lesart" als "antiimperialistischer Schutzwall" auch die "revolutionären Errungenschaften des Proletariats" schützen sollte, deren Wurzeln unter anderem im Jahr 1848 erkannt worden sind. Freilich (wenn man von Ungarn absieht, wo sich eine besondere "volkstümliche" und anhaltende Tradition entwickelt hat) - hüben wie drüben verblaßte in den Jahrzehnten vor 1989 die kollektive Erinnerung an 1848. Das mag auf der einen Seite mit einer gewissen "Enthistorisierung" des Alltagslebens zusammenhängen, auf der anderen sicherlich aber auch damit, daß sich die Ereignisse und Interpretationen des Jahres 1848 nicht ohne weiteres in das ideologische Korsett des "Realen Sozialismus" einfügen ließen. Aus den "vergeblichen Opfern" der Teilnehmer der vielfach so bezeichneten "gescheiterten Revolution(en)" ließen sich in der jüngeren Vergangenheit keine Verpflichtungen für die Zukunft mehr ableiten. Heute sind es vor allem die vielen bislang wenig beachteten strukturellen Modernisierungen im Gefolge der Ereignisse, welche die Geschichtswissenschaft vor dem Hintergrund der rasch voranschreitenden Europäischen Integration in erster Linie interessieren.